Berg Und Sinn Kapitel 04 Die Rax oder der Sinn des Lebens

»Was also ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist.«
Viktor Frankl

Die meisten von uns haben, bewusst oder unbewusst, Sehn- suchtsorte. Plätze auf dieser Welt, zu denen wir tief in der Seele eine besondere Resonanz spüren. Solche Sehnsuchtsorte kön- nen, sie müssen aber nicht identisch sein mit jenen geografi- schen Koordinaten, mit denen wir »unser Zuhause« oder »un- sere Heimat« assoziieren. Im Gegenteil, mitunter sind sie sogar weit davon entfernt und ziehen uns über die Distanz magisch an. Aber immer, wenn wir dort ankommen, ist es auch ein An- kommen bei uns selbst, und wir fühlen uns wie zu Hause, ohne dies begründen zu können – ein inneres Wissen sagt uns, dass wir richtig sind. Diese geheime Anziehungskraft kann von gan- zen Ländern ausgehen, von Regionen, pulsierenden Metropolen oder verträumten Orten. Oft geht sie von bestimmten Plätzen in der Natur aus: Küsten, Seen, Wäldern, Flüssen oder Wasserfäl- len. Für Viktor Frankl waren Berge Inbegriff eines Sehnsuchts- orts. Unter allen Gipfeln, die er jemals bestiegen hat, und all den Gebirgen, wo er sich gerne aufhielt, genoss die Rax eine Sonder- stellung. Sie war sein Fluchtpunkt im wörtlichen und übertragenen Sinne, jener perspektivische Punkt also, an dem all die vielen parallel führenden Linien seines Lebens immer wieder neu zusammenliefen.

Das Alpine und die Rax im Besonderen waren für Frankl auch der persönliche Erfahrungsraum, in dem er in sich selbst je- nes Wesensmerkmals im Menschen gewahr wurde, für das er in seiner Anthropologie den Begriff »Selbsttranszendenz« geprägt hatte. »Menschsein verweist über sich selbst hinaus immer auf etwas, das nicht wieder es selbst ist – auf etwas oder jemanden: auf einen Sinn, den da ein Mensch erfüllt oder auf mitmensch- liches Sein, dem er da begegnet. Nur in dem Maße, in dem der Mensch sich solcherart transzendiert, verwirklicht er auch sich selbst: im Dienst an einer Sache oder in der Liebe zu einer an- deren Person. Ganz er selbst wird er, wo er sich selbst übersieht und vergisst«, postulierte Viktor Frankl. Damit machte er klar, dass wir Menschen uns niemals selbst genügen, sondern erst in der Ergänzung durch andere und anderes ganz werden. Die Selbsttranszendenz hat als innere Voraussetzung die Selbstdis- tanzierung – unsere Fähigkeit, geistig eine Beobachterposition zu uns selbst einnehmen zu können. Als äußere Orientierungs- hilfe dienen uns unsere Werte, also was wir für moralisch gut und erstrebenswert halten. Beides zusammen macht Menschen überhaupt erst begegnungs- und dialogfähig. Soweit die Theorie. Denn die Crux in unserem Leben und unseren Beziehungen ist ja, Wertvorstellungen, die voneinander abweichen, in Einklang zu bringen – das beginnt schon im Dialog mit uns selbst und gilt für jede Form des zwischenmenschlichen Miteinanders.

Frankls Vermächtnis, die Logotherapie und Existenzanalyse, ist untrennbar mit seinem persönlichen Sinnbegriff verknüpft, für den seine eigene Biografie prägend war. Zudem war sein Denken von der Werteethik des Philosophen Max Scheler eben- so gespeist wie von Friedrich Nietzsche, Søren Kierkegaard, Karl Jaspers, Martin Heidegger und Martin Buber. Aus ihren Lehren zog Viktor Frankl seine eigenen und formte so vor dem Hinter- grund seiner persönlichen Erfahrungen seine Weltanschauung, den Blick, mit dem er die Welt und den Menschen anschaute. Er setzte dabei, gegen den Strom anderer philosophischer Tenden- zen, schon eine prinzipielle Sinnhaftigkeit der Welt als gegeben voraus. Dieser Sinn sei für uns zwar nicht immer auf Anhieb sichtbar, aber in jeder Situation verborgen, mit der uns das Leben konfrontiert. Ihn zu entdecken und dem Leben auf diese Art zu antworten, sei unsere Verantwortung, an der auch die menschli- che Würde anknüpfe: »Leben heißt letztlich eben nichts anderes als Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Le- bensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem Einzel- nen das Leben stellt, für die Forderung der Stunde.«

Tun, was gerade dran ist, und in jeder Situation getreu demeigenen Gewissen die beste Möglichkeit wählen: Viktor Frankl beschrieb den Weg zum Sinn konkret und lebensnah mit drei »Hauptrouten«. Wir können durch die Verwirklichung schöpfe- rischer Werte Sinn finden. Also entweder, indem wir eine Tat setzen, uns beispielsweise für andere einbringen, oder indem wir ein Werk schaffen, durch das etwas Wertvolles in der Welt entsteht. Deshalb ist es auch so wichtig, einem Beruf nachzuge- hen, der nicht nur unsere Zeit, sondern unser Leben auch mit Sinn ausfüllt. Die zweite Route zum Sinn sind Erlebniswerte: Aktivitäten, die wir mit positiven Gefühlen verbinden, die für uns spannend, interessant, lustig oder berührend sind – insbesondere zwischenmenschliche Begegnungen fallen laut Frankl ebenfalls in diese Kategorie einer Sinnchance. Und als Drittes noch Einstellungswerte, die selbst dann noch zum Tragen kom- men, wenn wir uns im Leben in unabänderlichen, aussichtslo- sen, schicksalshaften Situationen wiederfinden. Nur wir Men- schen haben die geistige Freiheit, unseren inneren Zugang zu äußeren Bedingungen zu wählen. Das befähigt uns, schwierige Herausforderungen wie Unfälle oder unheilbare Krankheit, Tod oder Trennungen von geliebten Menschen zu meistern, indem wir eine Haltung bewahren, die einen tieferen Sinn selbst in Schuld, Leid und Tod – Frankl nennt das die tragische Trias – entdecken kann. »Der Sinn«, sagte Frankl, »ist der Wächter der Qualität unseres Handelns« – und das Leben macht unter allen Umständen Sinn, durch das Gestalten einer Situation oder im tapferen Ertragen des Unabänderlichen.

Viktor Frankl stand freilich nicht außerhalb seiner eigenen Grundannahmen, ganz im Gegenteil. Seinen Sinn fand er in der Liebe zu und im Dienst an den Menschen, in der innigen Hin- gabe an seine Berufung als Neurologe und Psychiater. Nichts je- doch ermöglichte ihm die Verwirklichung seiner Werte so sehr wie der selbsttranszendente Akt des Kletterns und Bergsteigens, der seine Seele nährte, wie es auch Generationen von Gleichge- sinnten vor und nach ihm erlebt haben und erleben.

Große Bedeutung für sein Werk und Wirken kommt auch sei- nen persönlichen Krisen und Erschütterungen, den tragischen Schicksalsschlägen und harten Proben, die er durchlebt hat, zu. Sie haben ihn nicht zerrissen, sondern die Unerschütterlichkeit seines Glaubens an einen letzten Sinn erst entstehen lassen und letztendlich gestärkt.

Vor diesem Hintergrund begeben wir uns an die vierte Des- tination im Nachstieg Viktor Frankls. Nach welchem Zeitraum er zur Begeisterung für das Klettern auch seine Liebe zur Rax entdeckt hat, lässt sich aus biografischen Fakten nicht detailliert rekonstruieren. Erste Fahrten dorthin hat er vermutlich schon in seinen frühen Studienjahren ab 1924 unternommen – damals musste er noch zu Fuß von den Talorten Reichenau, Hirschwang und Prein auf- und absteigen. Denn die Komfortvariante auf den 80 Kilometer südlich von Wien gelegenen Berg stand erst ab 1927 zur Verfügung und sollte einen Rax-Boom auslösen: Nachdem Österreichs erste Kabinenbahn ihren Betrieb aufgenommen hat- te, konnten Kletterer aus Wien ganz bequem mit der Eisenbahn nach Reichenau reisen. Von dort ging es dann per Autobus nach Hirschwang zur Talstation der Bergbahn und in nur zehn Minu- ten waren die 1018 Höhenmeter auf das Rax-Plateau überwun- den. Die Wände der Rax, zusammen mit dem Schneeberg das nächstgelegene »echte« Gebirge, waren damit von der Haupt- stadt aus in knapp zwei Stunden erreichbar. Vor der Zeit des In- dividualverkehrs muss das eine Sensation gewesen sein. Die viel schnelleren Wege, die Stadtbewohner jetzt in die Berge hatten, waren auch der Grund, warum ausgerechnet auf der Rax, nach einem Unglück am Reißtalersteig im Jahr 1896, die erste Bergret- tungsstelle der Welt als Vorbild für alle derartigen alpinen Orga- nisationen gegründet wurde.

Eingedenk all dessen, besteigen wir die traditionsreiche Berg- seilbahn. Die rustikale Blechdose von damals ist einer modernen Komfortgondel mit Panoramascheiben gewichen. Auf unserer Spurensuche schweben wir sanft zur Bergstation, Fichtenwipfel bleiben im Steilgelände unter uns zurück. Wir haben den erhabenen Blick von Vögeln und aus der luftigen Position weitet sich unsere Perspektive auf Rax und Schneeberg, die mit dem nahen Semmering den Inbegriff der »Wiener Hausberge« bilden, wobei Rax und Schneeberg meist in einem Atemzug genannt werden: Sie wirken gleichsam wie siamesische Zwillinge der Erdkruste, die der scharfe Schnitt des Wassers getrennt hat. Fast 20 Kilome- ter lang zieht sich das Höllental wie eine tiefe Narbe zwischen ihnen dahin, ganz unten umspült die Schwarza Felsflanken und Kiesbänke. Ihrem Verlauf folgt seit 1873 eine wichtige Lebensa- der der Bundeshauptstadt: die Erste Wiener Hochquellwasser- leitung. Regen, der langsam durch das Kalkgestein von Schnee- berg und Rax sickert, wird bei Kaiserbrunn gefasst. Reinstes Trinkwasser für Wien, ein Privileg und Inbegriff der Qualität.

Als wir mit der Seilbahn sanft an der Kante des Plateaus lan- den, haben wir die Kernzone von Frankls alpinem Universum erreicht. Die Rax findet mit der 2007 Meter hohen Heukuppe ihre höchste Erhebung und ist damit ein bisschen niedriger als das 2076 Meter hohe Klosterwappen auf dem Schneeberg. Das weitläufige Rax-Massiv, das sich auf die Bundesländer Nieder- österreich und Steiermark aufteilt, lässt sich, anders als die mar- kante Silhouette des Schneebergs, in seinem Charakter nicht mit einem Blick erfassen. Mit fast 900 Anstiegen – vom Wanderweg bis zur kräfteraubenden Kletterroute – macht die Rax den Weg zum Ziel, bietet sanfte Wiesen und monumentale Wände, breite Wege und schmale Steige über lange Schotterfelder. Ein Berg, so facettenreich, überraschend und abgründig wie die Seele des Menschen.

Dieser Kosmos, der sich zwischen dem Höllental im Osten, der kleinen Ortschaft Naßwald im Norden, den Kahlmäuern im Westen und dem Preiner Gschaid im Süden ausbreitet, bot für die Forschernatur Viktor Frankls alles, was einen Sehnsuchtsort auszeichnet. Seine Besuche auf der Rax waren so häufig, seine Liebe zu ihr so groß, dass er sich sogar im Gasthof, der Teil der Bergstation ist, als Dauermieter einquartierte.

Zimmer 2 war seine Zuflucht für Jahrzehnte, und wann im- mer es seine Zeit erlaubte. Eine Stiege hinter der Schank führt uns hinauf in den ersten Stock. Behutsam öffnen wir die Tür und treten langsam ein. Wir flüstern nur miteinander, um die Intimi- tät dieses Zimmers nicht zu verletzen. Der schlichte, großzügige, etwas verwinkelte Raum mit Waschgelegenheit atmet noch den Geist von damals; wir erleben hier dieselbe Unmittelbarkeit wie in der Wohnung der Frankls in Wien. Zimmer 2 wird nicht mehr vergeben, ganz so, als wäre das Gedenken an diesen großen Österreicher jetzt der neue Dauermieter. Wir blicken aus dem Fenster über die steilen Abbrüche hinweg nach Süden in eine klare und sonnige Weite. Und tun das, was Viktor Frankl an sol- chen Tagen tat: Wir brechen zu seiner geliebten Preinerwand auf. Diese Felskaskade belehrt all jene eines Besseren, die meinen, im Osten Österreichs gäbe es gar keine richtigen Wände zum Klettern. Bis zu 400 Meter hoch reckt sie sich in den Himmel. Ihr Herzstück ist die Preinerwandplatte, eine pultartige Fels- tafel von geradezu konsternierender Glattheit. Im Kontrast zur klammen Gedrungenheit des Höllentals ist die Szenerie hier of- fener, freundlicher, freier. Veteranen wie Rudolf Klose und Fritz Schmid fanden in den 1930er-Jahren – dank verbesserter Siche- rungstechnik – die ersten Wege durch die Preinerwandplatte und bald darauf auch in den nahen Lechnermauern am Rax-Plateau.

Die Selbstermächtigung, die Frankl an der Mizzi-Lan- ger-Wand in Wien und am Peilstein ursprünglich zum Klettern gebracht hatte, lebte er hier gemeinsam mit seinen Freunden wie Hubert Gsur und Rudi Reif in einer alpineren Dimension aus. Nur mit seinem Herzensmenschen, seiner Ehefrau Tilly, konn- te er seine Bergleidenschaft kein einziges Mal teilen, so wichtig ihm dies gewesen wäre. Denn seit die Nazis die Herrschaft über- nommen hatten, war den Juden das Bergsteigen verboten. Die zwei einzigen und für Jahre letzten Bergtouren Frankls während der Zeit des NS-Regimes – eine 1939 über den Stadelwandgrat auf den Schneeberg und die im vorigen Kapitel beschriebene über den Kanzelgrat der Hohen Wand – waren schon im Ansin- nen lebensgefährlich gewesen.

Als wir im Sonnenschein auf dem Rax-Plateau in Richtung Preinerwand unterwegs sind und zum Schneeberg hinüberbli- cken, werden wir uns einer tragischen Analogie bewusst: Auf dieselbe Weise, auf die das Höllental einen tiefen Einschnitt in die Natur darstellt, markierte jener schicksalhafte 24. Septem- ber 1942, ein Donnerstag, einen Einschnitt in Frankls Leben, das Höllental seiner Biografie: An diesem Tag wurde er gemeinsam mit Ehefrau Tilly, Mutter Elsa, Schwiegermutter Emma und sei- nem Vater Gabriel nach Theresienstadt deportiert.

Zug IV/11, den Familie Frankl an jenem Abend mit 1295 an- deren Menschen besteigen musste, rollte nicht nach Süden zu den Sehnsuchtsorten geliebter Berge, sondern nach Norden. Ein jüdischer Mentor Frankls hatte ihn der SS als ärztlichen Betreuer für psychisch Kranke im Zug nach Theresienstadt anempfohlen. Was den Vorteil brachte, dass er und seine Angehörigen in einem Abteil sitzen durften, anstatt mit anderen in Frachtwaggons ge- pfercht zu sein. Beinahe hätte das Privileg tödlich geendet: Als er nächtens durch den Zug ging, um Kranke zu visitieren, blick- te er plötzlich in den Gewehrlauf eines SS-Mannes, der einen Fluchtversuch wähnte. Es war die erste von zahllosen Situatio- nen in den darauffolgenden 946 Tagen, in der das Überleben Vik- tor Frankls nicht wie bei Kletterpartien an einem festen Hanfseil hing, sondern an einem seidenen Faden.

Das Getto Theresienstadt war keine Endstation, sondern ein Umverteilungszentrum für die Vernichtungslager. In den frühe- ren Garnisonsgebäuden für 4000 Soldaten harrten im Jahr 1942 bereits 53 000 Juden unter unwürdigen Bedingungen aus. Krank- heiten grassierten, es herrschte Hunger, willkürliche Gewalt war an der Tagesordnung. Frankl überstand den ersten Kontakt mit einem seiner Bewacher mit 32 Verletzungen. Dennoch blieb in- mitten der bizarren Situation zunächst ein rudimentärer Rest von Normalität: Tagsüber konnte er seine Frau und seine Eltern sehen und unter Zensur war es ihm sogar noch möglich, ver- einzelt Post zu bekommen oder zu versenden. Frankl arbeitete als Arzt, tat dabei sein Möglichstes, um den psychischen Schock der Neuankömmlinge zu lindern. Halb legal hielt er auch Vor- träge vor verzweifelten Insassen, gab psychologische Tipps und bemühte sich, den Menschen Sinnperspektiven aufzuzeigen.

Zwei seiner Vortragsthemen wählte er wohl, um mit seinem eigenen Optimismus in Kontakt zu bleiben – »Psychologie des Alpinismus« und »Rax und Schneeberg«.

Denn die »Normalität« im Lager war in Wirklichkeit, und das war Frankl vollkommen bewusst, eine Normopathie, eine zwanghafte Anpassung an eine abnormale Realität, wie über- haupt die NS-Zeit insgesamt. Dass viele Insassen in ihren Ge- sprächen im Getto häufig ihr früheres Leben in der Heimat trotz der Repressalien der Nazis als »schöne Zeit« verklärten, wo sie »nur« Anfeindungen auszuhalten und einen Judenstern zu tra- gen gehabt hatten, war der Beweis für diese Wahrnehmungs-verschiebung. Viktor Frankl hatte derartige Rückgriffe auf eine geschönte Vergangenheit – als Schutzreflex der Seele gegen die grausame Gegenwart – bei Mithäftlingen häufig beobachtet und sich immer wieder bemüht, deren Aufmerksamkeit auf lohnen- de Ziele zu lenken, die vor ihnen lagen.

In Wahrheit bedeutete Theresienstadt meist nur eine Verzöge- rung des Unvermeidlichen. Es war nicht die Frage, ob, sondern nur wann sich der eigene Name auf einer der Transportlisten in eines der Vernichtungslager im Dritten Reich finden würde. Jeder Abschied konnte potenziell ein Abschied für immer sein. Eine derartige Zerreißprobe zwischen tiefer Angst und verhalte- ner Hoffnung stellt einen für uns heute nicht nachvollziehbaren psychischen Dauerstress dar. Zumal auch niemand der Betrof- fenen annähernd eine konkrete Vorstellung hatte, um wie viel schrecklicher die Bedingungen in den Konzentrationslagern sein würden, auch Frankl nicht.

Im Oktober 1944 schließlich, nach mehr als zwei Jahren in Theresienstadt und sechs Monate vor Kriegsende, stand Frankls Name auf einer dieser Listen. Seine Frau, als Zwangsarbeiterin einer Munitionsfabrik zugeteilt und damit an sich von KZ-Trans- porten ausgeschlossen, meldete sich freiwillig, um ihn zu be- gleiten. Aus Liebe und gegen seinen ausdrücklichen Willen. So wurde dieser 19. Oktober zu jenem Tag, an dem Viktor Frankl alles verlieren sollte, was ihm lieb und teuer gewesen war. Bevor er mit Tilly den Zug ins Vernichtungslager nach Auschwitz-Bir- kenau bestieg, verabschiedete er sich von seiner Mutter. Und als letzte Erinnerung an seine Ehefrau blieb ihm die entsetzlich wehmütige Sequenz von der Ankunft in Auschwitz: Auf SS-Be- fehl mussten sie alles in einen großen Sack fallen lassen, was sie

Symbol der Freiheit: Viktor Frankls Bergführerabzeichen – in Auschwitz wurde es ihm weggenommen, nach dem Krieg bekam er es erneut verliehen.

noch an persönlicher Habe besessen hatten – ihre Eheringe, Til- lys Uhr, Viktors Bergführerabzeichen. Dann wurden beide ge- trennt. Das letzte Mal, dass sie einander tief in die Augen sahen.

Unmittelbar danach dirigierte Dr. Josef Mengele, der To- desengel von Auschwitz, den Wiener Arzt Viktor Frankl per Fingerzeig zu einer großen Menschenmenge mit Alten, Frauen und Kindern auf der linken Seite der Rampe. Sie wurden, wie fast alle Neuankömmlinge, in die Gaskammern eskortiert. Aus einer Intuition heraus und weil er in der anderen Gruppe jun- ge Mitinsassen erkannt hatte, wechselte Frankl hinter Mengeles Rücken die Seite und ging nach rechts. So überlebte er Mengeles Todesroulette. Als Frankl kurz danach seine Kleidung gegen die Lumpen eines Toten tauschen musste, war auch seine wertvollste geistige Schöpfung dahin: das Originalmanuskript seines ers- ten Buches Ärztliche Seelsorge. Dieses hatte er, eingenäht in das Mantelfutter, bis hierher gerettet, und dort fand sich folgender Satz, den Frankl bereits zu Papier gebracht hatte: »Das Leiden, die Not gehört zum Leben dazu, wie das Schicksal und der Tod. Sie alle lassen sich vom Leben nicht abtrennen, ohne dessen Sinn nachgerade zu zerstören. Not und Tod, das Schicksal und das Leiden vom Leben abzulösen, hieße dem Leben die Gestalt, die Form nehmen. Erst unter den Hammerschlägen des Schicksals, in der Weißglut des Leidens an ihm, gewinnt das Leben Form und Gestalt.« Dank der in Wien verbliebenen Abschrift konn- te die Passage später veröffentlicht werden. Sie spiegelt Frankls Geisteshaltung wider und lässt erahnen, wie sie ihn seelisch be- fähigte, an Tagen wie diesem 19. Oktober und vielen folgenden nicht an der Wucht des Schicksals zu zerbrechen, sondern daran zu wachsen, seelisch über sich hinauszuwachsen. Alles, was er bis dahin – in seiner Arbeit als Psychiater und in den Bergen – an »Trotzmacht des Geistes« entwickelt hatte, war jetzt sein Rüstzeug für das nackte Überlegen.

»Das Leben hat einen Sinn und behält ihn unter allen Um- ständen auch im Leiden«, war Frankls Überzeugung. Jetzt, in den vier Tagen Zwischenaufenthalt in Auschwitz-Birkenau und sechs kalten, endlosen Monaten in den bayerischen Konzen- trationslagern Kaufering und Türkheim, sollte der unbedingte Wille zum Sinn des Häftlings 119104 noch auf härteste Proben gestellt werden.

Zufall? Glück? Schicksal? Es war alles und oft alles gleichzei- tig, das Viktor Frankl am Leben hielt, inmitten dieses Grauens und sinnlosen Sterbens. Was er selbst beitragen konnte, war, sich die letzte aller menschlichen Freiheiten zu nehmen, seine Einstellung zu den Dingen selbst zu bestimmen. Was vielfach darin bestand, auf Methodik und Interventionen seiner Logotherapie zurückzugreifen. Oder anderen Lagerinsassen zu helfen, ihr Leiden in Leistung zu verwandeln, ihre Aufmerksamkeit auf Menschen und Aufgaben zu lenken, die auf sie warteten.

Mitunter bediente sich Frankl derselben mentalen Technik, die sein Kletterpartner Rudi Reif im Exil in Shanghai immer wieder zum Trost praktizierte und »Hirnklettern« nannte. Diese Rückbesinnung auf seine Passion als Alpinist und das trancear- tige Eintauchen in die eigenen Bergerfahrungen war oft der letz- te wärmende Funke an Menschlichkeit. Einmal musste Frankl im Winter mit einer Eisenstange in eisiger Kälte eine Straßen- untertunnelung in den gefrorenen Boden schlagen. Um sich von der Quälerei innerlich zu distanzieren und diese überhaupt zu überleben, vertiefte er sich in die Imagination, wie sich der son- nenerwärmte Fels der Preinerwand in seinen Händen anfühlen würde, wenn er dereinst wieder dort klettern würde. Manch- mal kam die stärkende Assoziation auch von außen: Als Frankl mit anderen Ärzten einen Holzkarren, der mit schwerkranken KZ-Insassen beladen war, zu einem Krankenlager ziehen muss- te, da meinte sein Hintermann zu ihm: »Frankl, ich sehe an Ih- rem Gang, dass Sie Ihre Kräfte sparen, wenn Sie sie nicht brau- chen, wie ein Bergführer.«

Solch ein Aufflackern von menschlicher Wärme konnte in dieser schieren Ausweglosigkeit viel bewirken. Es kam mitun- ter völlig überraschend auch von jenen, von denen es nicht zu erwarten war: von den Kapos, KZ-Insassen, die mit Privilegien ausgestattet waren, oder vereinzelt, und auch das verschwieg Frankl in seiner Allparteilichkeit nie, sogar von SS-Leuten. Die Erlebnisse in den vier Konzentrationslagern brachten ihn zur tiefen Überzeugung, für die er zeit seines Lebens eintrat: dass es in jedem Volk nur zwei »Rassen« gäbe, die Anständigen und die Unanständigen.

Dass er auch noch die letzten 16 seiner 946 Tage als Ho- locaust-Häftling überlebte, verdankte Frankl seinem fundierten Wissen als Arzt. Als er an Fleckfieber erkrankt war, galt für ihn exakt dasselbe Gebot wie für Alpinisten im Notbiwak: unter al- len Umständen in der Nacht wach und in Bewegung bleiben, um nicht ins Delirium zu fallen, nicht einzuschlafen, nicht zu ster- ben. Wieder obsiegte die »Trotzmacht des Geistes«: Anstatt sich der völligen Erschöpfung hinzugeben, rekonstruierte Frankl auf Papierschnipseln in Steno-Symbolen sein Manuskript.

Nach der Befreiung des Lagers verbesserte sich sein Zustand rasch. Das Erste, was er nach den Tagen, Monaten und Jahren KZ-Haft tat: Er marschierte kilometerweit durch die offene Landschaft. »Du weißt in diesem Augenblick nicht viel von dir und nicht viel von der Welt, du hörst in dir nur einen Satz und immer wieder denselben Satz: ›Aus der Enge rief ich den Herrn und er antwortete mir im freien Raum.‹ – Wie lange du dort ge- kniet hast, wie oft du diesen Satz wiederholt hast, die Erinne- rung vermag es nicht mehr zu sagen. Aber an jenem Tage, zu dieser Stunde begann dein neues Leben – das weißt du. Und Schritt für Schritt, nicht anders, trittst du in dieses neue Leben, wirst du wieder Mensch.« Mit diesen Worten beschrieb Viktor Frankl später, wie sich die wiedererlangte Freiheit für ihn ange- fühlt hatte.

Es waren kleine Schritte, mit denen er wieder ins Leben zu- rückging, zunächst noch getragen von der Hoffnung, seine Frau, seine Mutter, seinen Bruder Walter, seine Freunde bald wieder in die Arme schließen zu können. Sein Vater war unter seiner ärztlichen Begleitung bereits 1943 im Getto Theresienstadt ge- storben. Einzig von seiner Schwester Stella wusste er, dass sie es nach Australien geschafft hatte und dort sicher war. Zunächst arbeitete er im Auftrag der US-Armee wieder als Arzt in einem Krankenhaus in Bad Wörishofen. Weil er aber unbedingt nach Wien zurück und Gewissheit über den Verbleib seiner Familie haben wollte, quittierte er nach zwei Monaten den Dienst.

Er kam für ein paar Wochen bei der Familie einer Kran- kenschwester in München unter, lieferte Radiobeiträge zu den psychologischen Herausforderungen des Wiederaufbaus und stand mit einem Mal selbst vor der größten psychischen Heraus- forderung seines bisherigen Lebens: Nach der umständlichen Rückkehr durch die Besatzungszonen fand er seine Heimatstadt Wien als Trümmerfeld vor. Und bald wurde zur Gewissheit, wo- gegen er sich mit der Trotzmacht seines Geistes stets so vehe- ment gestemmt hatte – Viktor Frankl hatte als Einziger überlebt! Seine Ehefrau Tilly war unmittelbar nach ihrer Befreiung aus dem Lager Bergen-Belsen gestorben. Seine Mutter war mit einem der letzten Todestransporte nach Auschwitz gebracht und in der Gaskammer ermordet worden. Seine Schwiegermutter ebenso. Sein Bruder Walter und dessen Frau waren auf der Flucht in Ita- lien von Nazis aufgegriffen worden und im KZ ums Leben ge- kommen. Sein bester Freund Hubert Gsur war als Widerstands- kämpfer im Wiener Landesgericht enthauptet worden.

Es ist unmöglich, sich in eine derart tragische Wucht einzu- fühlen. Aus Viktor Frankl, der selbst so viel durchlitten und sich in größter Verzweiflung am Gedanken aufgerichtet hatte, dass jemand und etwas auf ihn warten würde, der für die Hoffnung auf einen guten Ausgang so lange stark geblieben war, wich an- gesichts der Wirklichkeit alle Kraft. Jetzt hatte er, der Tausenden von verzweifelten Menschen seelisch Beistand geleistet hatte, selbst Selbstmordgedanken.

Doch Frankl fing sich rasch wieder in seiner existenziellen Krise. Auch, weil Freunde ihn auffingen. Allen voran der spä- tere SPÖ-Vorsitzende und Vizekanzler Bruno Pittermann, der ihm eine alte Schreibmaschine für die Bearbeitung seines Manu- skripts von Ärztliche Seelsorge besorgte, ihn in der Wohnung Ma- riannengasse 1/14 im neunten Bezirk als Hauptmieter einsetzte und überdies initiierte, dass Viktor Frankl sich als neuer Leiter der Neurologischen Abteilung in der Wiener Poliklinik wieder beruflich etablieren konnte.

Anfänglich war es, wie er Nahestehenden anvertraute, nur die Pflicht, die ihn hielt. Eher ein menschliches Funktionieren aus dem Pflichtbewusstsein heraus, mit dem der Neurologe sich in die Arbeit stürzte. Mehreren Sekretärinnen diktierte er im Schichtdienst innerhalb von nur neun Tagen sein zweites Buch Ein Psycholog erlebt das Konzentrationslager und arbeitete seine eigenen traumatischen Erlebnisse auf diese Weise auf. Erst auf Drängen seiner Freunde war er bereit, das Buch unter seinem eigenen Namen zu veröffentlichen, ab der zweiten Auflage trug es dann den Titel … trotzdem Ja zum Leben sagen! – und wurde zum Welterfolg: Die renommierte Library of Congress in den USA bewertete den dokumentarischen Bericht später als eines der zehn bedeutendsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Im Eng- lischen erschien Viktor Frankls Buch als Man’s Search For Mea- ning, bis heute wurde es, in 26 Sprachen übersetzt und auf der ganzen Welt millionenfach verkauft.

So beklemmend sich das Protokoll Viktor Frankls aus seiner Zeit in vier Konzentrationslagern auch liest, so beeindruckend ist sein zeitloser Charakter als Appell an die Menschlichkeit. Ohne die Prinzipien seiner Logotherapie auf dem ausgesetzten Grat seines eigenen Schicksals erlebt, überlebt und ertragen zu haben, hätte das Leben Frankl wohl nicht zu seiner Exzellenz geführt, die ihn ausmachte: weder als Mensch noch als Wissen- schaftler noch als Arzt oder Therapeut.

In einem Text von 1961 für eine deutsche Psychiatrie-Zeit- schrift kommt er mit etwas Abstand zu folgender Concluso: »Wenn man so will, war das Konzentrationslager nichts weiter als eine mikrokosmische Spiegelung der Menschenwelt im Gro- ßen. Das Leben im Konzentrationslager ließ einen Abgrund in die äußersten Tiefen des Menschen aufbrechen. Soll es uns da wundern, dass in diesen Tiefen auch wieder nur das Mensch- liche sichtbar wurde? Das Menschliche als das, was es ist – als eine Legierung von Gut und Böse! Der Riss, der durch alles Menschsein hindurchgeht und zwischen Gut und Böse scheidet, reicht auch noch bis in die tiefsten Tiefen und wird eben auf dem Grunde auch noch dieses Abgrundes, den das Konzentrations- lager darstellt, offenbar. So wird das Leben im Konzentrations- lager zu einem Mikrokosmos – zu einem ›Modell‹, um mit Adler zu sprechen, der die Psychologie des Lagers in Theresiensta ›jenseits des schneidenden Widerspruchs von weißer Unschuld der Opfer und schwarzer Schuld der Verfolger‹ schildert; ›weil es kaum je einen Ort gab, in dem sich zeitliche Geschichte in so verkürztem Ablauf vollzog. Paradigmatisch und in einer selte- nen Konzentration enthält das Werden, Geschehen und Verge- hen des Lagers die Summe der Leiden und Übel, die sonst mehr verteilt und weniger sichtbar in allen anderen Gemeinschaften wirken können und auch wahrhaftig wirken. Es ist ja das Be- sondere an dem Lager, dass alles Schiefe, Gefährliche, Närrische und Gemeine, was in Menschen und menschlichen Institutionen wuchert, hier unheimlich und unbarmherzig nackt sich so hervorwagt. Hier sehen wir die dämonische Karikatur einer allgemein möglichen, vielleicht sogar wirklichen Verwaltung vor uns, ein menschenunwürdiges Dasein in pseudokollektiver Vermassung, in Hörigkeit oder Sklaverei.‹ Wohl haben uns die vergangenen Jahre ernüchtert; aber sie haben uns auch gezeigt, dass das Menschliche gilt, sie haben uns gelehrt, dass alles auf den Menschen ankommt. Denn er blieb auch übrig im Erlebnis des Konzentrationslagers.

Ich will hier nur jenen Lagerführer aus dem Lager, in dem ich zuletzt war und aus dem ich befreit wurde, erwähnen. Er war SS-Mann. Nach der Befreiung des Lagers stellte sich jedoch heraus, wovon bis dahin nur der Lagerarzt (selbst ein Häftling) wusste: Der Lagerführer hatte aus eigener Tasche nicht geringe Geldbeträge insgeheim hergegeben, um aus der Apotheke des nahen Marktfleckens Medikamente für seine Lagerinsassen be- sorgen zu lassen! Der Lagerälteste eben dieses Lagers jedoch, also ein Häftling, war schärfer als alle SS-Wachen des Lagers zu- sammen; er schlug die Häftlinge, wann und wo und wie er nur konnte, während beispielsweise der Lagerführer meines Wis- sens kein einziges Mal die Hand gegen einen ›seiner‹ Häftlinge erhoben hat. Auf den Menschen kam es eben an! Was blieb, war der Mensch. Durchglüht vom Schmerz, wurde der Mensch ein- geschmolzen auf das Wesentliche an ihm. Fragen wir uns nach der Grunderfahrung, die uns in den Konzentrationslagern zu- teilwurde – in diesem Dasein im Abgrund –, dann lässt sich aus all dem von uns Erlebten als dessen Quintessenz herausstellen: Wir haben den Menschen kennengelernt wie vielleicht bisher noch keine einzige Generation. Was also ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat, aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist mit stolz erhobe- nem Haupt und mit dem Vaterunser auf den Lippen oder dem Sch’ma Jisrael.«

Im Außen vollzog sich Frankls Weg zurück in ein neues Le- ben schneller als in seiner inneren Welt. Weniger als ein Jahr nach Ende seines Martyriums hatte er zwar eine Wohnung und war als Leiter der Neurologischen Abteilung in der Poliklinik beruflich wieder erfolgreich. Auch seinen Wunsch, als Autor und Vortragender zu reüssieren, konnte er sich nach seiner Rückkehr schnell erfüllen. Dennoch zweifelte er selbst daran, dass die Zeit seine seelischen Wunden der erlittenen Verluste würde heilen können. Unter Pflichtbewusstsein und Arbeitswut schwelte eine tiefe Trauer, wie aus einem Gedicht hervorgeht, das er am 31 März 1946 in der Polyklinik auf einen Zettel schrieb:

»Da ich noch wartete auf meinen Frühling,
wurde mit jedem März schwerer das Herz.
Ungeduld fragte: ›Wann kommt endlich
der Frühling für mich?‹
Jetzt aber, wo ich gelassener bin,
jetzt aber: wo ich verlassener bin –
lächle ich über die Frühlinge hin,
weiß ich: kein einziger blühte für mich.
Einer blüht wieder? Verblüht er? – Für sich.«

Sein Frühling kam. Mit allen seinen Farben und nur zwei Wo- chen später. Er kam in Gestalt von Elli Schwindt, einer zwanzig- jährigen, hübschen, quirligen Frau. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick, als diese junge Krankenschwester aus der Station für Zahn- und Kieferheilkunde beim neuen Leiter der Neurolo- gischen Abteilung wegen eines freien Krankenbettes vorsprach. Für sie war es Liebe auf den zweiten Blick, als der Primarius später ihr gegenüber Zahnschmerzen vortäuschte, um mit ihr in Kontakt zu kommen. Für sie beide war es eine Liebe fürs Leben und über den Tod hinaus. Als hätte es in Viktor Frankls Logothe- rapie noch des Nachweises bedurft, dass in der Hingabe an einen geliebten Menschen Selbsttranszendenz, Sinn und Seelenheil zu finden sind. Mit dem Tag, an dem Elli in sein Leben getreten war, wurden seine Schritte zurück in sein neues Leben leichter. Trotz und auch wegen ihres Altersunterschiedes von gut 20 Jahren. Sie nahm ihn, auf gut Wienerisch, beim »Schmäh«, und er nahm sie an der Hand und zeigte ihr seinen Sehnsuchtsort, die Rax – und später die ganze Welt. In einem Brief an seine Schwester Stella in

Post von der Rax: Viktor Frankl zeichnete in dieser Postkarte an seine Kollegen der Neurologischen Abteilung die Kletterrouten der Preinerwand ein.

 

 

Australien schrieb er im August des Jahres 1946: »Vor einer Wo- che kam ich von einem 2-wöchigen Urlaub zurück, den ich auf der Rax (Ottohaus) verbracht habe, gemeinsam mit meinem Girl- friend. Wir hatten wunderbares Wetter, genug zum Essen – frei- lich nur, weil ich meine ganzen Konservenbestände mitgenom- men hatte. Ich war in der zweiten Woche auch klettern und habe, Gott sei’s gedankt, schließlich den Malersteig (1–2er) trotz Regen und daher ohne Brille, ohne Kletterschuhe (nur in Socken), und belastet mit 35 m Seil (allerdings ohne Rucksack) als Erster (also vorangehend) gemacht, in Begleitung eines gemieteten Führers natürlich; und ich bin ruhig und sicher gegangen und war dann gar nicht müde – nach 5 Jahren Unterbrechung, mit 41 Jahren am Buckel, davon 7 Jahre Hitler, 3 Jahre Konzentrationslager und einer wahrscheinlichen kleinen Herzmuskelschädigung durchs FleckfieberFortan war er also wieder unterwegs auf dem Parkett, auf dem er am allerliebsten tanzte, auf dem Fels der Preinerwand. Und jetzt, nachdem er sein persönliches Höllental durchlitten und durchschritten hatte, konnte er seine Begeisterung endlich auch mit der Frau, die er liebte, teilen. Fast jedes freie Wochen- ende verbrachten sie im Gebirge. Auf Ellis Wunsch standen als Kontrast zum Klettern manchmal auch Strandbesuche im Gän- sehäufel-Bad an der Alten Donau auf dem Programm. Sein Me- tier war der Fels, ihres das Wasser.

Für den stets getriebenen, international gefragten Wissen- schaftler, der kaum freie Zeit kannte, bot die Zeit auf der Rax die rare Gelegenheit, innerlich etwas zur Ruhe zu kommen. Er genoss das alpine Ambiente auf der Hochebene, verfolgte neue Ideen, schmiedete Pläne und ließ dabei gehen, was ihm aus sei- ner schweren Zeit noch nachhing. »Jedenfalls gehe ich in die Berge (wie andere in die Wüste), um mich zu sammeln, auf ein- samen Wegen, sagen wir über das Plateau der Rax. Es gibt kaum wichtige Entschlüsse, oder wichtige Entscheidungen, die ich nicht auf solchen einsamen Wanderungen dort droben gefasst und getroffen hätte«, schrieb er später in seiner Autobiografie.

Auf der Rax fühlte er sich zu Hause, dort lebte und pflegte er seine Freundschaften, dort kam es 1949 auch zum Wiedersehen mit dem Mann, der ihm das Klettern beigebracht hatte: Als ei- ner der letzten Heimkehrer waren auch der Alpinist Rudolf Reif und seine Frau aus dem Exil in Shanghai wieder in Österreich eingetroffen. Öfter verbrachten die beiden Paare Wochenenden auf dem Plateau.

War die Rax sein Lebensberg, so fand Frankl im Drei-Enzi- an-Steig jene Kletterstrecke, die für ihn auch über die Jahrzehnte nie an Faszination verlieren sollte. Im Jahr 1945 eröffnet, brauches vier, fünf Seillängen im zweiten bis dritten Schwierigkeits- grad, um diese eher unscheinbare, 150 Meter lange Route in der Oberen Preinerwand zu durchsteigen. Am Wandfuß startet sie steil und spektakulär mit schönen Metern an verlässlichem Fels. Im etwas grasigen, hin und her mäandernden Mittelteil ist für Neulinge Spürsinn gefragt, um den blauen Punkten des Steigs

Der Sinn der Berge: Beim Klettern am geliebten Fels der Rax erlebte Viktor Frankl die Selbsttranszendenz in ihrer freiesten Form.

zu folgen. Hängt man an den heute gut abgesicherten Ständen, spürt man die saugende Tiefe der Preinerwand. Man wähnt sich irgendwo in einem mächtigen Gebirge. Und viel zu schnell endet die Tour danach auf einer Rampe, dem Kronich-Band, benannt nach dem langjährigen Hüttenwirt des Ottohauses. Von dort quert man sehr behutsam – ein Absturz wäre nicht zu überleben – hinaus zur Kante des Plateaus, ehe es wieder in einer schönen Wanderung zurück zum Gasthof bei der Bergstation der Seil- bahn geht.

Wie oft Frankl seine Lieblingsroute kletterte, ist nicht über- liefert. Im Steigbuch, das in einer Blechkiste im oberen Bereich des Drei-Enzian-Steigs zu finden ist, soll es in Frankls aktivsten Zeiten kaum eine Seite gegeben haben, auf der sein Name nicht gestanden wäre. Der Wiener Autor Karl Lukan verweist gar auf einen humorigen Vermerk, den ein anderer Kletterer hinter- lassen hatte: »Wir beantragen ein eigenes Steigbuch für Viktor Frankl.« Es ging so weit, dass sich Rax-Kletterer Sorgen um den Gesundheitszustand des berühmten »Doktors« machten, wenn es mal längere Zeit keinen Eintrag von ihm gab.

Uns ist auch nicht bekannt, was Frankl, der einige Steige auf der Rax gegangen ist, genau an dieser Tour so besonders faszi- niert hat. Warum er den Drei-Enzian-Steig so ritualhaft durch- stiegen hat, ohne seiner überdrüssig zu werden. Vielleicht gab er ihm, dem Stammgast der Rax, die Möglichkeit, im Vertrauten zu bleiben und im vermeintlich Wohlbekannten immer wieder neue Aspekte zu sehen? Immer tiefere Schichten der Wahrneh- mung in sich zu berühren und immer neue Bezüge herzustel- len? Von den Zen-Mönchen, die im Klosteralltag immer wieder dieselben einfachen Arbeiten mit klarem Bewusstsein und ho- her Achtsamkeit erfüllen, wissen wir, dass die vordergründig öde Wiederholung der Wiederholung stets Initialzündung neuer Erkenntnis sein kann. In jedem Fall führt das Meditative zu ei- nem tieferen Verständnis unserer Existenz. Es ist eine Reise zum Wesenskern unseres Seins, unseres Sinns, ein Weg zur Meister- schaft.

Hier tritt eine Analogie zwischen Alpinismus und Wissen- schaft zutage: Frankl stieg schließlich nicht nur als Kletterer, sondern stets auch als Begründer der Logotherapie durch die Wände, als Wissenschaftler von Weltruf. Gerade der perspekti- vische Schwenk zwischen den Realitäten seines Lebens erlaub- te es ihm, in den Nuancen des vertrauten Kleinen immer neue Blickwinkel auf das größere Ganze zu entdecken, die Welt und den Menschen holistischer zu verstehen und so seine Weltan- schauung zu erweitern.

Seinen Langzeitbergführer, den Himalaya-Besteiger Ignaz Gruber, überraschte Viktor Frankl am 26. März 1985 am Einstieg des Drei-Enzian-Steigs mit der Bemerkung: »Heute führe ich.« Zwar verfügte der weltbekannte Nervenarzt für die Tour, die heute auch nach ihm »Viktor-Frankl-Steig« genannt wird, über ausreichend Routine – jedoch war es sein 80. Geburtstag und seine Sehkraft hatte sich bereits immens verschlechtert. Gruber war besorgt um seinen prominenten Kletterpartner. Allerdings wusste er aus vielen gemeinsamen Touren auch: »Wenn der Herr Doktor sich etwas einbildet, dann macht er das auch.« Unter dem Vorwand, »nur Haken kontrollieren zu wollen«, bereitete Gruber die Seilsicherung so vor, dass ein gefahrloser Durchstieg mög- lich war.

Nachher gestand der Reichenauer Bergführer dem Wiener Rax-Veteranen zu: »Von Ihnen könnte man sogar das Klettern lernen.« Denn Frankl, der von seiner Grundkonstitution nie ein Athlet gewesen war, machte – erst recht in den fortgeschrittenen Jahren – das Nachlassen seiner physischen Kraft durch eine aus- gefeilte Technik wett. Aus der Wiederholung heraus konnte er sich immer besser dem Fels anpassen, ihn lesen und verstehen, mit ihm eins werden: So zog er sich nicht an Griffen empor, sondern drückte sich – ganz das Prinzip der modernen Kletterschule – geschickt und kraftsparend jeweils aus den Beinen heraus nach oben.

Das Miteinander am Berg von Viktor Frankl und Ignaz Gru- ber war symbiotisch. Beide konnten voneinander lernen: »Vik- tor Frankl war ein fertiger Bergsteiger«, resümiert Gruber heute. Nach einer Gelbsucht-Erkrankung, die er sich bei einer Expediti- on in Pakistan zugezogen hatte, stellte er selbst seinen Kletterstil »auf Frankl« um und gab fortan nicht der Kraft, sondern der Technik den Vorzug.

Glück definierte Frankl als »Nebenwirkung von Sinnerfüllung«. In den Bergen, vor allem auf der Rax, erlebte er viele sol- cher Momente. Gerade auch im Miteinander mit den Menschen an diesem für ihn so speziellen Ort. Gerade die Neue Seehütte, unmittelbar bei den Ausstiegen der Preinerwand-Touren gele- gen, liebte er für die Möglichkeit, in der Normalität und Ano- nymität »unterzutauchen«. In diesem traditionsreichen Schutz- haus, das keine Übernachtungsplätze bietet, hatte er seinen Platz direkt in der Küche. Er genoss das bunte Treiben, den Humor und die oft derben Scherze der anderen Kletterer, den Austausch mit Gleichgesinnten. War Not am Mann, servierte er – uner- kannt – den Gästen Speisen und Getränke. Bekam er Trinkgeld, brachte ihn das in Verlegenheit. Hier erfüllte sich Frankl eine tie- fe Sehnsucht: Teil des einfachen Lebens zu sein.

»Ich glaube, dass er die Rax gebraucht hat«, sagte sein lang- jähriger Kletterpartner Fritz Zawadil retrospektiv über Frankls Leben und ihre gemeinsame Zeit auf dem bekannten Wiener Hausberg. Zwar war der »Sinnsucher« bergsteigerisch auch in viel spektakuläreren Klettergebieten der Welt unterwegs – von den Dolomiten in Italien über den Tafelberg in Kapstadt bis zum amerikanischen Yosemite Valley. Aber für die pure Hingabe an seine Sache, für das Verstehen ihrer Essenz, waren Status, Na- men und Schwierigkeit von Bergen nicht die entscheidende Ka- tegorie. Vom Sinn des Lebens und vom Glück als Nebeneffekt kann man sich überall finden lassen, vor allem beim Klettern. Auch und vor allem auf der Rax.