Berg Und Sinn Kapitel 00 Vorwort 

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Zitat S. 87f.: Frankl V.E. (1961) Psychologie und Psychiatrie des Konzentrationslagers.
In: Cruickshank E.K. et al. (Hrsg.) Soziale und angewandte Psychiatrie. Psychiatrie der Gegenwart
(Forschung und Praxis), vol 3. Springer, Berlin, Heidelberg

Satz: b3K design, Andrea Schneider, diceindustries
Umschlaggestaltung: b3K design, Andrea Schneider, diceindustries
Lektorat: Arnold Klaffenböck, Maria-Christine Leitgeb
Illustrationen: Artur Bodenstein/carolineseidler.com
Coverbild: Frankl beim Klettern in den Stubaier Alpen, um 1948.
Viktor Frankl Archiv/Imagno/picturedesk.com
Alle Fotos: Viktor Frankl Archiv/Imagno/picturedesk.com,
außer: Bergführerabzeichen S. 81: Viktor Frankl Zentrum Wien;
Postkarten S. 90/91: ÖAV Archiv Nachlass Rudolf Reif und S. 129: Viktor Frankl Archiv
Autorenfoto S. 180: Felix Tschurtschenthaler
Printed in Europe
ISBN 978-3-7112-0004-4

Vorwort 
1. Kapitel In der Mizzi-Langer-Wand oder die Trotzmacht des Geistes 15
2. Kapitel Auf dem Peilstein oder die Selbstermächtigung 29
3. Kapitel Auf der Hohen Wand oder die Seilschaft als Verantwortung 51
4. Kapitel Die Rax oder der Sinn des Lebens 71
5. Kapitel Der Schneeberg oder die Weltsicht der Wirklichkeit 99
6. Kapitel Der Dachstein oder die Ambivalenz der Aussöhnung 119
7. Kapitel Auf die Große Zinne oder der letzte Sinn 143
Epilog Frankl und die Berge. Ein Beitrag von Elisabeth Lukas 163
Weiterlesen 177
Steigbuch 181
Dank 182

Vorwort 

Unsere erste Route führt uns 57 Stufen durch das Stiegenhaus einer berühmten Wiener Adresse. Mariannengasse 1, neunter Bezirk: Hier wird der geistige Nachlass einer wissenschaftlichen Weltkarriere verwaltet, die ein halbes Jahr nach Ende des Zwei- ten Weltkriegs in einer der Altbauwohnungen begann. Damals hausten 28 Menschen – Ausgebombte, Kriegsheimkehrer, Flücht- linge – in den Zimmern und blickten durch zerborstene Fenster mit Scheiben aus Pappkarton in das Antlitz einer zerbombten Stadt. Eine Frau wohnt noch immer hier: Es ist Elli Frankl, 94, die Witwe des großen Österreichers, an den eine Gedenktafel am Eingang erinnert. Das »Viktor-Frankl-Zentrum« und das »Vik- tor-Frankl-Museum« sind im ersten Stock des Hauses unterge- bracht und bewahren dem geistigen Vermächtnis ihres Namens- gebers ein sinnvolles Andenken.

Heute sind wir der Besuch der alten Dame. Elli Frankl erwar-

tet uns an der Wohnungstür: »Hereinspaziert, meine Herren! Bitte, schauen Sie sich gern überall um.«

»Frau Frankl, sollen wir die Schuhe …?« »… anlassen, bitte. Ich tu heute noch staubsaugen«, winkt sie ab und freut sich über die Blumen. Diese Verschmitztheit in ihrem Lächeln, diese Leichtig- keit in ihren Bewegungen, die Festigkeit ihrer Stimme lässt die Frau um gut zwei Jahrzehnte jünger wirken. Als sie uns durch all die Räume der weitläufigen Mietwohnung führt, erfasst uns diese besondere Schwingung, die man an geschichtsträchtigen Plätzen spürt: Man ist zum ersten Mal hier und trotzdem kommteinem alles vertraut vor. Andächtig stehen wir in Viktor Frankls Arbeitszimmer mit dem Erker, den er gelegentlich »Halbkreis- saal« nannte, weil er hier so viele Gedanken, große Gedan- ken, zur Welt gebracht hat. Der Schreibtisch, die Wand mit den 29 Ehrendoktoraten renommierter Universitäten, das volle Bü- cherregal – hier ist noch immer alles so wie immer, das Ambi- ente, das wir von Fotos kennen, die vom Neurologen, Psychiater und Psychotherapeuten von Wien aus um die Welt gingen.

Elli Frankl bittet uns ins Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch hat sie Brötchen und Orangenlimonade als »kleinen Imbiss« schön drapiert. Der Philodendron neben der offenen Flügeltür im angrenzenden Durchgangszimmer hat über die Jahrzehnte den Plafond erreicht: »Unser einziges Hochzeitsgeschenk, in ei- nem ganz kleinen Blumentopf«, sagt Frau Frankl über das im- mergrüne Symbol einer Liebe, die nie zu wachsen aufgehört hat.

»Uns hat man hier im Haus ja nicht die Frankls genannt, sondern die siamesischen Zwillinge. Viktor und ich haben alles gemein- sam gemacht. Es war eine wunderbare Ehe, getragen von einer großen Liebe. Eh unglaublich eigentlich, weil bei uns ja alles auf verschiedenen Ebenen war. Angefangen vom Altersunterschied, über die Bildung – Liebe hat ja keinen Intelligenzquotienten.« Ein großer Satz. Frau Frankl bringt die Dinge auf den Punkt, ge- nauso wie ihr Mann es konnte.

Ein bettelarmes Kind aus Wien-Kaisermühlen sei sie gewe- sen, das ab dem zehnten Lebensjahr immer mehrere Jobs gleich- zeitig hatte. »Ich war Klofrau am Wiener Trabrennplatz, habe Taschen geflochten, bis die Finger blutig waren, und in der Ma- riahilfer Straße Fenster geputzt. Das mach ich heute noch, Fens- terputzen, warum auch nicht, wenn ich mich sicher fühle?« »Sie putzen Ihre Fenster auch von außen?« »Sicher, wer denn sonst?

Insert Ellie and Victor

die freundlicherweise einen Beitrag für unser Buch verfasst hat. Dieses Buch ist auch keine Biografie im engeren Sinne, viel- mehr haben wir mehrere Stränge miteinander verknüpft, um einen neuen Bezugsrahmen für Viktor Frankls große Passion zu schaffen.

In den folgenden sieben Kapiteln binden wir uns in eine Seil- schaft mit ihm ein, überbrücken Zeit und Raum, steigen durch Felslinien, die er vor vierzig, sechzig oder neunzig Jahren ge- klettert ist. Wir folgen seinen Spuren in sieben Destinationen – von der Mizzi-Langer-Wand, einem mittlerweile verwaisten Klettergarten im Süden Wiens, bis auf die Große Zinne, dem Herzstück der Dolomiten. Über den gemeinsam berührten Fels, ein denkbar archaisches Speichermedium, und bei langen Wan- derungen etwa über sein geliebtes Rax-Plateau haben sich seine Erlebnisse mit unseren verwoben. Große Themen seines Lebens, die verblüffend eng mit den alpinen Orten verbunden sind, ha- ben wir nach Jahren intensiver Beschäftigung mit seinem Werk und Wirken neu erkannt, verstanden und in den sieben Kapiteln zusammengeführt. In seinem biografisch-alpinistischen Nach- stieg haben wir Touren gewählt, die ihm wichtig und – jede auf ihre Art – für ihn charakteristisch waren. Im Anhang zu jedem Kapitel gibt es einen kurzen Steckbrief von diesen und weiteren Routen, die zu Frankls Zeit passen.

Über das Klettern sind wir ihm sehr nahe gekommen. Denn die Berge scheinen die Inspiration seiner Besucher über die Äo- nen zu bewahren und sie jederzeit abrufbereit zu halten für je- den, der sich ihrer Resonanz öffnen will. In dieser gemeinsamen Seilschaft sind wir tiefer in Frankls Leben und Lehre eingestie- gen und seinen Sehnsüchten und Träumen gefolgt. Gespräche mit Zeitzeugen, mit seiner Witwe Elli Frankl, mit seinem Freund Giselher Guttmann, mit seinem Enkel Alexander Vesely waren ein wertvoller Beitrag, um das Kolorit seiner Persönlichkeit und seines Menschenbildes noch fassbarer zu machen. Es sind schö- ne Farben, und es war alles dabei auf dieser langen Reise entlang seiner langen Sinnspur: Wir atmeten die Verbundenheit unter Bergsteigern, genossen wie er die Momente großer Glückselig- keit auf stillen Zustiegen, in den Wänden oder auf den Graten und den innigen, geselligen Austausch danach.

Was haben wir gelernt, erfahren und was davon bleibt wich- tig? Nun: Das reduzierte Leben in den Bergen, das Viktor Frankl über alle Maßen geschätzt hat, wartet dort oben immer auf uns. Es beschenkt uns mit einem Reichtum, der stets da, aber nie selbstverständlich ist. Es bringt uns Sinnerfahrungen und neue Perspektiven auf die großen Fragen des Lebens. Da ging es uns bei all den Touren nicht anders als unserem prominenten Vorsteiger. Auch selbst als es dann irgendwann galt, all das auf Papier zu bringen, fühlten wir uns ihm tief verbunden: Es waren viele, viele Stunden bei bestem Sommerwetter, die wir mit Schreiben, Zweifeln, Umschreiben vor dem Schreibtisch verbracht haben. Wie der brillante Rhetoriker zu seinen Lebzeiten, der immer von sich sagte, er habe leicht reden, aber schwer schreiben. Es ist einfacher, den Sinn des Bergsteigens zu erleben, als ihm eine Sprache zu geben. Unser Glück war, dass Viktor Frankl schon sehr viel Vorarbeit geleistet hat. Wir sind ihm nur nachgestiegen. Wenn daraus auch für andere Menschen eine Inspiration für die Berge entsteht, dann war es jede Minute und jeden Schweißtrop- fen dieses Weges wert. Oder wie Elli Frankl über unsere Idee zu diesem Buch sagt: »Der Viktor hätt eine Riesenfreude.«

In den folgenden sieben Kapiteln binden wir uns in eine Seil- schaft mit ihm ein, überbrücken Zeit und Raum, steigen durch Felslinien, die er vor vierzig, sechzig oder neunzig Jahren ge- klettert ist. Wir folgen seinen Spuren in sieben Destinationen – von der Mizzi-Langer-Wand, einem mittlerweile verwaisten Klettergarten im Süden Wiens, bis auf die Große Zinne, dem Herzstück der Dolomiten. Über den gemeinsam berührten Fels, ein denkbar archaisches Speichermedium, und bei langen Wan- derungen etwa über sein geliebtes Rax-Plateau haben sich seine Erlebnisse mit unseren verwoben. Große Themen seines Lebens die verblüffend eng mit den alpinen Orten verbunden sind, ha- ben wir nach Jahren intensiver Beschäftigung mit seinem Werk und Wirken neu erkannt, verstanden und in den sieben Kapiteln zusammengeführt. In seinem biografisch-alpinistischen Nach- stieg haben wir Touren gewählt, die ihm wichtig und – jede auf ihre Art – für ihn charakteristisch waren. Im Anhang zu jedem Kapitel gibt es einen kurzen Steckbrief von diesen und weiteren Routen, die zu Frankls Zeit passen.

Über das Klettern sind wir ihm sehr nahe gekommen. Denn die Berge scheinen die Inspiration seiner Besucher über die Äo- nen zu bewahren und sie jederzeit abrufbereit zu halten für je- den, der sich ihrer Resonanz öffnen will. In dieser gemeinsamen Seilschaft sind wir tiefer in Frankls Leben und Lehre eingestie- gen und seinen Sehnsüchten und Träumen gefolgt. Gespräche mit Zeitzeugen, mit seiner Witwe Elli Frankl, mit seinem Freund Giselher Guttmann, mit seinem Enkel Alexander Vesely waren ein wertvoller Beitrag, um das Kolorit seiner Persönlichkeit und seines Menschenbildes noch fassbarer zu machen. Es sind schö- ne Farben, und es war alles dabei auf dieser langen Reise entlang seiner langen Sinnspur: Wir atmeten die Verbundenheit unter Bergsteigern, genossen wie er die Momente großer Glückselig- keit auf stillen Zustiegen, in den Wänden oder auf den Graten und den innigen, geselligen Austausch danach.

Was haben wir gelernt, erfahren und was davon bleibt wich- tig? Nun: Das reduzierte Leben in den Bergen, das Viktor Frankl über alle Maßen geschätzt hat, wartet dort oben immer auf uns. Es beschenkt uns mit einem Reichtum, der stets da, aber nie selbstverständlich ist. Es bringt uns Sinnerfahrungen und neue Perspektiven auf die großen Fragen des Lebens. Da ging es uns bei all den Touren nicht anders als unserem prominenten Vorsteiger. Auch selbst als es dann irgendwann galt, all das auf Papier zu bringen, fühlten wir uns ihm tief verbunden: Es waren viele, viele Stunden bei bestem Sommerwetter, die wir mit Schreiben, Zweifeln, Umschreiben vor dem Schreibtisch verbracht haben. Wie der brillante Rhetoriker zu seinen Lebzeiten, der immer von sich sagte, er habe leicht reden, aber schwer schreiben. Es ist einfacher, den Sinn des Bergsteigens zu erleben, als ihm eine Sprache zu geben. Unser Glück war, dass Viktor Frankl schon sehr viel Vorarbeit geleistet hat. Wir sind ihm nur nachgestiegen. Wenn daraus auch für andere Menschen eine Inspiration für die Berge entsteht, dann war es jede Minute und jeden Schweißtrop- fen dieses Weges wert. Oder wie Elli Frankl über unsere Idee zu diesem Buch sagt: »Der Viktor hätt eine Riesenfreude.«

In diesem Sinn verabschieden wir uns von ihr.
»Sie haben ja gar nicht gegessen oder getrunken, meine Herren.«
»Weil es so spannend war mit Ihnen, Frau Frankl.«
»Wo kann ich mir denn dieses Buch kaufen?«
»Wir bringen Ihnen persönlich eines vorbei, wenn wir dürfen.«