Berg Und Sinn Kapitel 01 In der Mizzi-Langer-Wand oder die Trotzmacht des Geistes

In der Mizzi-Langer-Wand oder die Trotzmacht des Geistes

»Man muss sich ja nicht alles von sich gefallen lassen.
Man kann auch stärker sein als die Angst.«
Viktor Frankl

Vor uns liegen steile Wege und Orte des Gedenkens. Für ge- wöhnlich wird uns bei gemeinsamen Autofahrten die Zeit zu kurz, weil wir immer viel zu bereden haben. Diesmal ist das ganz anders – wir sind still, gesammelt, gespannt. Es fühlt sich nicht an, als wären wir einfach nur unterwegs zum Klettern wie schon so oft. Eher, als wären wir zu einer Testamentseröffnung geladen, weil der letzte Wille eines Menschen ein Auftrag an uns ist, den wir zu erfüllen haben. Hier und jetzt beginnt eine Reise, die nicht nur ein Ziel, sondern auch eine Widmung hat.

Bei Rodaun, einem Stadtteil des 23. Gemeindebezirks, hört Wien auf, Großstadt zu sein. Im nahen Wienerwald, der das Ur- bane aus grüner Lunge lüftet, beginnen die Alpen. Flankiert von der Pannonischen Tiefebene im Osten, schichten sich zaghaft erste Hügel auf. Je weiter man nach Süden kommt, desto mar- kanter durchfurchen Täler die liebliche Landschaft, die Maler wie Ferdinand Georg Waldmüller erschaffen haben könnten.

Hier hat die Natur schon einen Hauch von Schroffheit. Drei Ta- gesmärsche wären es bis zum ersten richtigen Berg, dem 2076 Meter hohen Schneeberg. Klettern kann man jedoch, man möch- te es kaum glauben, auch schon hier, am Rande der Stadt. Hier, zwischen Blumenwiesen und Föhrenwäldern, zwischen Heuri- genlokalen, Parkanlagen und einem Netz von Straßen, das bald schon in eine der großen Verkehrsschlagadern des Landes, die Südautobahn, mündet.

Die Mizzi-Langer-Wand, an sich ein unscheinbar und ver- lassen wirkender Steinbruch, galt über weite Strecken des 20. Jahrhunderts als Epizentrum der Wiener Kletterszene. Einst war sie einen Tagesausflug mit der Straßenbahn von Wien entfernt, heute parken wir das Auto in der nahen Willergasse, ober- halb der Kaltenleutgebner Straße. Wir wohnen im Westen des Wienerwalds. Der Digitalanzeige entnehmen wir: 24 Minuten haben wir für die 21 Kilometer bis zum ersten Originalschau- platz auf unserer Spurensuche gebraucht, die uns in den kom- menden Wochen und Monaten von hier aus bis nach Südtirol, in die Sextener Dolomiten, führen wird.

Wir tasten uns einen stillen, dicht verwachsenen Waldweg entlang – und sehen zunächst einmal die Wand vor lauter Bäu- men nicht. Die bis zu vierzig Meter hohen Felsen am Südabhang des Zugbergs können wir bloß erahnen, ihre Präsenz nur von der weithin sichtbaren Abbruchkante ableiten. Irgendwo dort müssen sie sein. Außer unseren Schritten, unserem Atem und den gedämpften Geräuschen unserer Ausrüstung im Rucksack hört man hier nur das Flüstern der Natur.

Die Klettergenerationen vor uns haben den Klettergarten im Süden der Stadt gänzlich anders erlebt. Wer zwischen den Welt- kriegen und in den Jahren danach zu den Routen unterwegs war, hat spätestens hier, auf dem kurzen Waldweg, das Johlen und Scherzen der Freunde, die Geräusche, wenn Ledersohlen am Fels reiben, und die Seilkommandos vernommen. Es war ein buntes Treiben rund um die Felswand, die sich wie ein grau schattiertes Band über die Wiese zieht und als Drachenrücken in den Himmel sticht. Das »Anklettern« im Frühjahr galt bis weit in die Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts als Pflichttermin für alle, die die Vertikale liebten. Die Touren waren der Tanzboden der Wiener Kletterer. An der »Akademikerplatte« zu bouldern, bodennah ohne Seilsicherung die Bewegungskombinationen des Kletterns zu üben, oder den »Pfeilerweg« zu durchsteigen, war die Pflicht, ehe es zur Kür hinaus an die Wände des Peil- steins, an die Rax oder ins Gesäuse und zum Dachstein ging. Hier wurde nicht nur geklettert – hier lief der Wiener Schmäh, hier lebte man, im Gras liegend, essend und trinkend, den Ge- meinschaftsgeist unter Gleichgesinnten, hier wurden kühne Plä- ne für immer neue Kletterabenteuer geschmiedet.

Dass Viktor Emil Frankl an der Mizzi-Langer-Wand die allerersten alpinistischen Erfahrungen gemacht und damit den Grundstein für eine lebenslange Passion gelegt hat, war alles andere als vorgezeichnet. Zum ersten Mal kam er als Schüler der siebenten Klasse des Sperlgymnasiums im zweiten Wiener Gemeindebezirk im Jahr 1923 zu den Felsen der Vorstadt. Frankl begleitete einen seiner Freunde nur deshalb, weil dieser sonst niemanden gehabt hätte, der ihn hätte abseilen können. Die Ab- sicht, selbst zu klettern, hatte Viktor anfangs gar nicht. Sie stellte sich vermutlich auch nicht ein, als er beim Sichern seines Ka- meraden – das machte man damals von oben – ganz bis an die Kante einer der senkrecht abfallenden Wände gelangte und zum ersten Mal in seinem Leben aus einer solchen Höhe in die Tiefe blickte. Denn in der Beklemmung des Augenblicks wurde ihm bewusst, dass er offensichtlich an Höhenangst litt.

Diese grenzwertige Situation war ein Schlüsselerlebnis in Frankls Leben. Nicht nur, was seine alpinistischen Ambitionen betraf, sondern auch seinen weiteren Lebensweg als Arzt, The- rapeut und Wissenschaftler von Weltruf, den er im Jahr darauf schon einschlagen sollte. Dieser Blick in den Abgrund der Mizzi- Langer-Wand, die Konfrontation mit seinen eigenen Ängsten, brachte den siebzehnjährigen Gymnasiasten erstmals mit je- ner höheren geistigen Essenz in Kontakt, die uns Menschen zu Menschen macht. Mit der Freiheit nämlich, unsere innere Ein- stellung zu äußeren Bedingungen des Lebens in jeder Situation wählen zu können, mit der Freiheit des Willens selbst: Sie wurde zu Frankls Lebensmaxime, zum bestimmenden Grundton sei- nes Menschenbilds, zum zentralen Postulat seiner Logotherapie und Existenzanalyse, als deren Begründer er dann später in die Geschichte eingehen sollte. Diese Freiheit des Willens versetzt uns erst in die Lage, den mentalen Reflex in uns zu aktivieren, den Viktor Frankl »Trotzmacht des Geistes« nannte. »Man muss sich ja nicht alles von sich gefallen lassen. Man kann auch stär- ker sein als die Angst.« So reflektierte er später sein eigenes »… trotzdem Ja zum Klettern sagen« als Sinnbild für die uns allen innewohnende Fähigkeit, inneren Widerständen und äußeren Schwierigkeiten die Stirn zu bieten.

Als wir vor dem »Großen Dreieck« stehen, einer markanten, nachgerade künstlich anmutenden Felsformation, ist wieder diese Stille auffällig. Vom einstigen Treiben – heute sind wir die Einzigen hier, und es ist ein Sonntag im Mai mit idealem Kletter- wetter – zeugen noch die Haken, die erst ab den Siebzigerjahren zu Sicherungszwecken in den Felsen getrieben worden sind und die er nun nach und nach wieder auszuspucken scheint. Im Gras beim Wandfuß finden wir ein solches rostiges Eisenteil, wie zur Ruhe gebettet.

Das kleine Kletterrevier ist benannt nach der 1872 gebore- nen Maria Langer-Kauba. Die Wienerin war selbst ambitionierte Bergsteigerin, nahm 1905 als einzige Frau beim ersten Skiren- nen der Welt in Lilienfeld teil und führte das erste Sportgeschäft in der Hauptstadt der Monarchie. Heute wirkt die Mizzi-Lan- ger-Wand wie ein verlassener Ballsaal, in dem in den goldenen Epochen ausgelassen getanzt und gefeiert worden ist. Jetzt sind die Räume leer. Die illustre Gesellschaft ist weitergezogen an Peilstein-Ausläufer wie den Thalhofergrat bei Alland in Nieder- österreich oder die Nasenwand nahe Dürnstein in der Wachau. Wer es noch anspruchsvoller will, zeigt sein Können heute in den Adlitzgräben im Süden des Bundeslandes. Die Community ist nicht nur leistungsfähiger und braucht einen immer höheren Grad an Schwierigkeit, um an ihre Grenzen zu kommen – sie ist auch mobiler geworden. Das Zillertal in Tirol, Routen in Arco in Italien oder die Sinterfelsen von Kalymnos in Griechenland gel- ten mittlerweile als gut erreichbare Kletterziele. Auch das Materi- al hat sich verändert: Statt der genagelten Lederschuhe von einst nehmen wir heute Kletterschuhe mit Hightech-Gummisohlen aus dem Rucksack, die wie Socken am Fuß anliegen und selbst auf ganz schmalen Leisten und kleinsten Tritten sicheren Halt geben. Wir legen einen extraleichten, anatomisch geschnitte- nen Sportkletter-Sitzgurt an. Und anstelle eines Hanfseils, das von den Vorgängern in unserem Sport um den Oberkörper ge- schlungen wurde und weiten Stürzen kaum standhalten konnte, binden wir uns in ein Neun-Millimeter-Seil mit einem dynami- schen Kunststoffkern ein. Schlingen mit Leichtmetallkarabinern werden wir als Zwischensicherung in die Bohrhaken einklin- ken, um uns ganz aufs Klettern konzentrieren zu können.

Wir sind im Nachstieg Frankls unterwegs, jedoch die Aus- rüstung und damit auch der Grad des Risikos ist nicht mehr ver- gleichbar mit dem zu seiner Zeit. Den Sport auszuüben, bedeutet heute nicht mehr, in latenter Lebensgefahr zu sein. Kletterer in unseren Tagen sind Ausrüstungskaiser, eine ganze Industrie hat sich der Inspiration von »raus und rauf« verschrieben.

Nicht einmal die Touren an sich sind dieselben geblieben: Denn die Trotzmacht des Geistes – von Viktor Frankl und seinen Klettergefährten hier schon vor rund einem Jahrhundert tausen- de Male ausexerziert – hat auch den Kalkstein in der Mizzi-Lan- ger-Wand geprägt. Wir erleben das unmittelbar, als wir uns das »Große Dreieck«, einen Uralt-Klassiker, hinauftasten. Schon un- ten wartet die Schlüsselstelle in Form eines schmierigen Griffs, bei dem ein Weiterkommen fast undenkbar erscheint. Zunächst, denn all die Kletterer, die die Route vor uns durchstiegen haben, bürgen dafür, dass es eine Möglichkeit geben muss, um nach oben zu kommen.

Die Trotzmacht des Geistes im Sinne Frankls hat eine andere Qualität als der Trotz, den wir umgangssprachlich meinen. Sie ist eine höhere, zentrierte Kraft in uns, der wir uns überant- worten können, die uns die erforderlichen mentalen Ressourcen bereitstellt. Als Beharrlichkeit, Stärke und Wille verordnet sie unserem Körper in der Senkrechten, sich nicht der Schwerkraft zu beugen, sich nicht von Zweifeln oder Ängsten lähmen zu las- sen, sondern sich auf den nächsten Griff, den nächsten Tritt, den Weg nach oben zu beziehen.

Der Schweiß, der in all den Dekaden hier geflossen ist, mani- festiert sich im Gestein der Mizzi-Langer-Wand. Jedes Mal Zupa- cken hat die scharfen Kanten ein kleines bisschen gerundet und dem Kalk die Rauigkeit genommen. Glänzend poliert wirkende Stellen im Gestein zeugen von der ewigen Faszination, sich im Fels selbst zu überwinden.

Für uns Nachkommende wird die Route durch den »Speck« in der Wand zwar nicht einfacher, wir haben jedoch das Wissen, dass das Hinauf möglich ist. Der Berg oder vielmehr die Wand ist ein Synonym für die Herausforderung, die es zu überwinden gilt: Damals wie heute gibt der Geist die Linie vor, und der Kör- per steigt sie nach. Gerade dort, wo es aufs erste Hinsehen gar keine Haltepunkte zu geben scheint, wo man maximal Eidechsen einen Weg durch die Vertikale zutrauen würde, braucht es die Kreativität, machbare Routen zu erkennen, aber auch das Kön- nen, sich Zug um Zug, Tritt für Tritt am Fels hinaufzuarbeiten.

Wiener Kletterkarrieren haben nicht nur an der Mizzi-Lan- ger-Wand begonnen. Schräg vis-à-vis, fast in Steinwurfweite, liegt die um ein gutes Drittel niedrigere Lutterwand. Eine wei- tere geschichtsträchtige Oase am Rande der Großstadt inmitten einer Wiese, die wie geschaffen für Familienpicknicks ist. Ein rothaariges Mädchen, höchstens sieben, acht Jahre alt, steigt mit behänder Leichtigkeit in Turnschuhen den gut strukturierten Felsen hinauf. Sein Vater, der von unten sichert, gibt Tipps für Griff- und Schrittkombinationen. Er bestärkt seine Tochter, dass das Klettern in erster Linie ein Steigen aus den Beinen ist und erst in zweiter Linie ein Ziehen mit den Armen. Nach ein paar Versuchen schafft sie auch eine knifflige Stelle, an der sie voll- kommen darauf vertrauen muss, dass ihre Schuhsohle sie für einen Moment lang nur durch Reibung am Fels halten wirdfür diesen einen, kleinen, aber entscheidenden Schritt nach oben. Eine wichtige Erfahrung, als Kletterer fast eine Initiation: Das Kind strahlt vor Glück, als es den obersten Haken berührt, an dem das Seil umgelenkt wird. »Super, Große«, ruft Papa mit hörbarem Stolz in der Stimme seiner Tochter zu. Ein kleiner Gip- felsieg, ein großer Moment der Selbstüberwindung und Selbst- ermächtigung. Sie tänzelt die Wand nach unten, als der Vater sie abseilt. Frei von Angst und voller Lebendigkeit.

»Noch einmal!?«
»Jaaa, bitte noch einmal, Papa!«

Für uns als Beobachter ist diese für Klettergärten heute so ty- pische Szenerie ein inspirierender Moment. Sie zeigt ein Mitein- ander der Generationen, wie es sein kann – wie geteilte Hingabe die doppelte Begeisterung erzeugt.

Ein Vorbild durch Vorleben von Bergbegeisterung wie die- ses kleine Mädchen hatte der 1905 geborene Viktor Emil Frankl nicht. Er war ein Stadtkind, von schmächtiger Statur, aber äu- ßerst wach im Geiste. Sein großes Interesse galt schon früh dem Verstehen menschlicher Phänomene in Medizin, Psychologie und Philosophie. Schon als Dreijähriger artikulierte Viktor deut- lich, was er später einmal zu werden gedachte: Schiffsarzt.

Von der Weite des Meeres wusste der Knirps freilich eben- so wenig wie von der alpinen Natur. Seine Felsen waren die Pflastersteine der Monarchie-Metropole, sein Naturbezug in der Kindheit beschränkte sich auf Nachmittage mit seiner Mutter Elsa sowie den Geschwistern Walter und Stella im Prater. Und an den Wochenenden auf Familienwanderungen durch den Wienerwald, auf die Frankls Vater Gabriel, er war persönlicher Sekretär des Ministers für Kinderschutz und Jugendfürsorge Jo- seph Maria von Baernreither, bestand. Er selbst unternahm vereinzelt auch Bergwanderungen im Salzkammergut. Seinen Sohn Viktor zum Mitgehen in den Wienerwald zu überreden, soll hin- gegen einer Extra-Portion Motivation bedurft haben – meist in Form seiner geliebten Schaumrollen als Belohnung für die nicht ganz freiwillig auf sich genommene Anstrengung.

Gemessen am verbreiteten Erziehungsmodell der frühen Zwanzigerjahre, das durch Sittenstrenge, Demütigung, Miss- brauch und drakonische Bestrafungen gekennzeichnet war, wuchs Viktor in seiner Familie behütet auf. Bei Eltern, die ihn zwar zur Höflichkeit anhielten und zur Einhaltung von Regeln und Pflichtbewusstsein, aber ihn nicht auf blinde Obrigkeits- hörigkeit drillten, sondern Selbstbewusstsein und kritische Ur- teilskraft förderten. Geradezu diametral zum vorherrschenden pädagogischen Prinzip von Zucht und Ordnung, das nur dar- auf abzielte, Kinder und Jugendliche gefügig zu machen. Diese schwarze Pädagogik sollte sich später rächen und zur wesent- lichen Erfüllungsbedingung für den tragischen Lauf der Ge- schichte werden: Als Erwachsene waren die auf diese Weise sozialisierten Kinder anfällig für Ideologien, durch den Natio- nalsozialismus verführbar und so willfährige Mitläufer in die Katastrophe.

Viktor hatte bei seinen Eltern in seiner kindlichen Entwick- lung deutlich mehr Spielraum. Innerhalb der Familie kam ihm jene Freigeistrolle zu, wie man sie bei den Zweitgeborenen häu- fig beobachten kann. »Bocki« nannte ihn seine Mutter liebevoll und selbsterklärend, wohl weil er im Entdecken der »Trotzmacht des Geistes« schon früh großes Engagement gezeigt hatte. Doch anders als andere in seinem Alter hemmte Viktor niemand in der Entfaltung seiner Individualität und Kreativität.

 

INSERT FRANKL ON MOUNTAIN

Eine frühe Neigung zum Klettern und Bergsteigen ist aus Viktor Frankls Kindheitstagen nicht überliefert. Erwähnenswert ist vielleicht, dass die kleine Wohnung der Familie Frankl im Haus Czerningasse 6 in Wien-Leopoldstadt, Tür 25, im fünften Stock lag – ohne Lift klarerweise. So bekam der spätere Begrün- der der Höhenpsychologie, verteilt über die Zeit seiner Kindheit und Jugend, im eigenen Stiegenhaus eine erkleckliche Anzahl an Höhenmetern in die Beine. Noch eine Bergsteigerqualität lernte Frankl en passant als Kind und mitten in der Stadt: die Verbind- lichkeit einer »Seilschaft«. Wenn er seinen Vater von dessen Büro im ersten Bezirk, wo die Wollzeile den Ring erreicht, abholte, passierten die beiden auf dem Nachhauseweg einen schmalen Betonabsatz. Dieser befand sich direkt vor dem Museum für an- gewandte Kunst, und dort spielte sich dann immer dasselbe Ri- tual ab: Viktor balancierte über den Sockel, er hielt sich dabei am Knauf des Gehstocks seines Vaters fest und war so mit ihm wie in einer Seilschaft verbunden. Gleichzeitig musste er darauf ach- ten, auf der äußerst schmalen Linie entlang des »urbanen Fels- grats« das Gleichgewicht zu halten. Um diese beiden Aspekte geht es ja schließlich beim Klettern – um die richtige Linie auch auf ganz schmalen Graten und um das Gleichgewicht.

Auf den Spuren der Anfänge Viktor Frankls als Kletterer wählen wir zwei gemütliche Routen in der Lutterwand: das »Sanduhrenparadies« und die »Lutterplatte«. Beide mit dem dritten, vierten Schwierigkeitsgrad bewertet, im linken Bereich, wo auch schon früher viel geklettert worden ist. Auch, weil der Anspruch dem entspricht, was Viktor Frankl für sich stets als das persönlich richtige Maß in der Balance zwischen Genuss und Herausforderung interpretiert hat.

Griffige Schuppen, große Felswulste und solide Trittstruktu- ren bilden hier jeweils die Basis für eine schöne, jeweils knapp 15 Meter lange Kletterei. Dass die ausgiebigen Regenfälle zuletzt viel Sand in die Wand gespült haben, der erst langsam auftrock- net, stört angesichts der Kompaktheit des Gesteins wenig. Die Maßeinheit der Selbstüberwindung ist auch an der Lutterwand die eigene Körpergröße: Solange man sie nicht in Richtung Aus- stieg überwindet, hat man sich auch nicht selbst überwunden. Werden währenddessen die Hände schweißnass – durch An- strengung oder Aufregung –, so kann man den inneren Schwei- nehund vielleicht auch mit einem Griff in das Chalk Bag etwas zähmen. Auch das ist so ein neuzeitliches Utensil für Fans der Felsen: In dem kleinen Beutel, den man auf der Rückseite des Klettergurts trägt, befindet sich weißes Pulver namens Magnesi- umkarbonat. Den »Kalk« hat man dabei, um die Feuchtigkeit der Finger zu binden. Für viele Kletterer ist der Griff in den Chalk Bag auch ein Ritual, um das eigene Nervenkostüm zu stärken. Hier in der Lutterwand kommt es gar nicht so weit, sie ist ein sicheres Laboratorium. Auf dem Foto aus dem Jahr 1974 ist doku- mentiert, wie der damals 69-jährige Viktor Frankl die Lutterplat- te klettert und dabei entschlossen nach oben blickt. Damals hatte er mit seiner Höhenpsychologie, die die Freiheit des Menschen zu Entscheidungen in den Mittelpunkt stellt, längst die Welt er- obert. Sich durch den Fels zu bewegen, sich geistig über innere Barrieren und die Schwierigkeiten einer Wand hinwegzusetzen, um so über sich selbst hinauszuwachsen, hat ihm zeitlebens see- lisch Kraft gegeben – weil die »Trotzmacht des Geistes« ein zeit- loses Geschenk des Lebens ist.