»Das Spannendste sind für mich das Roulettespiel, eine Hirnoperation und eine Erstbegehung.«
Viktor Frankl
Unser Lebensweg ist ein Wahlgang. In jedem Augenblick ste- hen wir vor Entscheidungen – und trachten danach, sie jeweils so zu treffen, dass wir danach auch hinter unseren Entscheidungen und ihren Konsequenzen stehen können. Das fällt uns vielfach gar nicht auf – und manchmal sehr schwer. Es gehört zum Kon- tinuum des Lebens wie das Atmen. Jede Entscheidung ist ein Unikat. Selbst wenn Milliarden anderer schon analog entschie- den haben, ist das so, weil jeder Mensch einzigartig in seiner Person und einmalig in seiner Situation agiert. Wenn seit einem Jahrzehnt zehn unterschiedliche Jahrgänge eine standardisierte Zentralmatura ablegen – und pro Jahrgang sämtliche teilneh- menden Schülerinnen und Schüler zeitgleich exakt dieselben Aufgaben lösen mussten –, bleibt dennoch jede einzelne Matura ein einzigartiges Ereignis. Selbst bei identen Antworten, gleicher Punkteanzahl und gleichem Ergebnis bleiben die subjektiven Erfahrungen unterschiedlich. Wahrscheinlich allerdings mit der Übereinstimmung, dass die Matura in jener Lebensphase, in der der Übergang in ein eigenständigeres Leben erfolgt, für jeden ein wichtiger Akt der Selbstermächtigung ist.
Diese Kriterien von subjektiver Entscheidung und Erfahrung lassen sich auf alles umlegen – auch auf das Klettern, wobei der Narrativ einer Erstbegehung wie jede Pionierleistung als Kür der Passion gilt. Als Erster durch eine große Wandflucht steigen. Als Erster auf einem Gipfel stehen, auf dem zuvor noch nie jemand gestanden ist. Als Erster eine neue Linie in einem Felsbereich erkunden und ihn zu durchklettern …
Dabei ist eine Erstbegehung viel mehr als eine rein körper- liche Höchstleistung. Sie ist eine Genesis, ein Prozess, der nicht nur das eigentliche Ereignis umfasst. Zunächst braucht es Fan- tasie, einen schöpferischen Blick auf eine Wand und die Vorstel- lungsgabe, um das Mögliche zu erkennen, während wir noch unten am Wandfuß stehen. Dann kommt der Mut ins Spiel, die- sen Weg auch tatsächlich zu gehen. Wir treffen unsere Entschei- dung im Abgleich zwischen Realität und Idealität, zwischen Sein und Sollen, zwischen dem, was uns eine neue Tour, eine Pionier- tat in der Vertikalen, abverlangen wird und dem, was wir für unser persönliches Können halten. Wir unterziehen die eigene Vision einem Reality Check. Erstbegehungen am Fels sind also keine reinen Gedankengebäude – die Tour ist schon mit allen Sinnen begangen, mit jeder Zelle antizipiert, bevor sie überhaupt beginnt. Dann erst tritt der Plan in Aktion, dann erst wird alles zu unmittelbarem Erleben – die Hingabe genauso wie die innere Bereitschaft zum Risiko – und zum Scheitern. Erstbegehungen, das macht ihre Faszination aus, haben einen Preis: Erfolg ist auch und gerade auf dem Berg ein Bejahen von Risiko, und das Risiko ist die Konfrontation mit den Möglichkeiten außerhalb der Kom- fortzone, mit Verletzung bis Tod. Dies gilt zwar für Erstbegeher im ganz besonderen Maße, aber nicht minder für jeden Kletterer, der nachfolgt – die Einzigartigkeit der Person und die Einmaligkeit der Situation machen jede Klettertour zu einer Erstbege- hung in eigener Sache. Und das macht das Klettern zur Parabel für das Leben.
1924 stand Viktor Frankl – als angehender oder frischgeba- ckener Maturant, vielleicht auch schon als neu inskribierter Me- dizinstudent an der Universität Wien – zum ersten Mal in sei- nem Leben am Wandfuß des Peilsteins und am Einstieg einer der damaligen Touren. Minutiös rekonstruieren lässt sich die zeitliche Abfolge seiner Anfänge als Kletterer nicht mehr, aber immerhin historisch kontextualisieren durch kleinteilige Puzz- lestücke unserer Recherchen. Dass Frankl »dem Klettern ab dem Jahr 1924 verfallen war«, hielt er in seinen Memoiren fest. Sein Debüt am Fels war für ihn viel mehr als nur ein neues Hobby: Mit dem Klettern gab er sich eine Selbstermächtigung, die sein gesamtes weiteres Leben, sein Wirken, sein Werk und seine Wi- derstandskraft »in der Weißglut des Leidens« bei großen Schick- salsprüfungen beeinflussen und begünstigen sollte.
Zunächst erlebte er den Peilstein aber als das, was er für viele in der Zwischenkriegszeit war: als ein Refugium für die Suche nach Neuland in der Vertikalen. Das variantenreiche Gebiet im Südosten von Wien steht wie ein alpines Monument inmitten ei- ner hügelig-bewaldeten Lieblichkeit, die sich auf die vier nieder- österreichischen Gemeinden Alland, Schwarzensee, Neuhaus und Nöstach verteilt. Die Reste des Urozeans Paratethys haben den Peilstein schon vor 35 Millionen Jahren in seiner Schroffheit aus der Erdkruste geschliffen. Sein Name, der zwischen dem Harz und Südtirol recht häufig zu finden ist, stammt vom alt- deutschen Wort bîl und bezeichnete in der Jägersprache den Ort, an dem die Hundemeute bei der Jagd das Wild bei einer Felsfor- mation stellt. Das passt, denn der »Sta«, wie die Einheimischen den Peilstein nennen, ist auch kein singulärer Zahn, sondern ein ganzes Felsgebiss, das in die Landschaft fletscht und Kletterer herausfordert.
Die glänzend weißen Türme, die aus den Wäldern der sanften Landschaft ragen, waren schon früh ein Spielplatz der Helden. Die ersten »Kletterschulen« im Wiener Raum entstanden bereits in den 1870er- und 1880er-Jahren mit dem »Matterhörndl« im Anningergebiet und den Felsen der Hinterbrühl. Auf ihrer Su- che nach mehr, nach größeren Wänden und Herausforderungen, pilgerten die jungen Kletterpioniere bald danach in Nachtmär- schen zum stattlichen Kalkriff im Wienerwald. An Sonntagen – bis inklusive Samstag wurde gearbeitet – frönten sie ihrem neu- en Sport. Später konnten sie die Anreise bis zur Peilsteinhütte zumindest auf fünf, sechs Stunden verkürzen, wenn sie mit der Straßenbahn bis zur Endstation in Mauer fuhren. Der Rückweg zu Fuß blieb ihnen jedoch nicht erspart.
Im Nachstieg Viktor Frankls haben wir es da wesentlich einfacher: Über die Allander Autobahn fahren wir direkt zum Gasthof am Holzschlag hinauf, stellen das Auto ab, werfen uns das Seil über die Schultern und schlendern hinüber zu den Fel- sen. Mehr als 30 Sektoren zählt man allein an den Hauptwän- den, dazu kommen die Gebiete im nahegelegenen Arnstein und Holzschlag sowie der Thalhofergrat. Mit »Matterhorn«, »Cimo- ne«, »Große Zinne« tragen die Touren hier klingende Namen, die die große Welt der Alpen früh in die Nähe der Metropole holten. Heute führen Sportkletterrouten aller Schwierigkeitsgra- de himmelwärts, in Summe sind 1400 Linien dokumentiert. Im Jahr 1949 waren es immerhin 280, oder 280 plus 20, um genau zu sein. Doch auch dazu später mehr.
Unser heutiges Ziel in der Wand liegt auf der Hand: Wir sind unterwegs zur »Prof.-Viktor-Frankl-Kante«, die ein Teil des Bereichs »Luckerte Wand« ist. Der Einstieg ist mit signalro- ter Schrift markiert, die durch Witterungseinflüsse an Kontur verloren hat und allmählich zu einem Lückenrätsel für die In- sider wird. »Klassische, vielfältige Route, abgeschmiert; unange- nehme Leistenquerung«, vermerkt der Kletterführer von Ewald Gauster und Kurt Schall über die 17 Meter lange Kletterlinie im fünften Schwierigkeitsgrad. Zugegeben: Als wir in diese Route einsteigen, sind wir froh, dass Ewald Gauster, »Hausmeister« des Peilsteins, die Klettertouren auf dem »Sta« seit 1984 in mehreren Wellen saniert, mit Bohrhaken versehen und damit den heute geltenden Sicherheitsstandards angepasst hat. Das engmaschige Auffangnetz im wahrsten Sinn des Wortes felsenfest verbohrter, verschraubter und verklebter Haken macht dieses Klettergebiet zu einem Erlebnisraum, der den Genuss in den Mittelpunkt stellt.
Seinerzeit gab es in den Routen am Peilstein fast keine Zwischensicherungen. Bei den niedrigen Übungsfelsen kam das Seil ohnehin von oben, während in den alpinen Routen bis zum vier- ten und beginnenden fünften Grad die Haken-Abstinenz gera- dezu ein Markenzeichen der »Wiener Schule« des Kletterns war. Selbst bei den schwierigen Peilstein-Routen war vom Seilersten eine sehr stabile Moral gefragt: So musste man etwa beim 33 Me- ter langen »Fickertriss«, heute mit Schwierigkeitsgrad 6+ bewer- tet, mit zwei geschlagenen Haken zum Sichern auskommen! Wer es wagte, zusätzliche Lebensversicherungen in eine Felsritze zu hämmern, wurde argwöhnisch beäugt und als Stümper geäch- tet. Toleriert wurden hingegen zusätzliche Schlingen, die man über Felsspitzen legte oder – wenn es der Fels zuließ – durch Löcher im Gestein fädelte. Mehr nicht.
Klettern war damals nicht der sympathisch-bunte Schulsport, der überall freudvolle Gesichter produziert und eine Einladung an Jung und Alt ausspricht. Es galt als verwegene Tätigkeit und hatte in der Gesellschaft nicht das trendige Image von heute. Abseits eingeschworener Kreise durfte man als Bergsteiger kei- ne gesteigerte Wertschätzung erwarten. Auch nicht, wenn man wie Viktor Frankl als angehender Neurologe und Psychiater ein »G‘studierter« war: Klettern war etwas für Individualisten mit Hang zum Heroismus, und die Menschen hatten nach dem Ers- ten Weltkrieg andere Sorgen und Nöte, als sich für den Lifestyle junger Wilder zu begeistern.
Selbst in Routen, die wir heute als »Sportklettern« klassifizie-ren, war damals ein Abrutschen nicht angesagt, da dies unwei- gerlich Verletzungen nach sich gezogen hätte. Denn die Schul- tersicherung, bis in die 1970er-Jahre der übliche Weg, um den Partner in seinem Fallen zu bremsen, erwies sich oft als ohn- mächtige Methode, um den auftretenden Kräften bei einem Sturz zu trotzen. Somit war klar, dass man sein eigenes Potenzial bes- ser nicht völlig ausreizte. Lieber blieb man innerhalb der eigenen Kompetenzzone, wenn man mit schweren Schuhen oder barfuß in die noch unberührten Wände stieg oder sich rittlings an Gra- ten fortbewegte. Regelmäßig verletzten sich Kletterer bei diesen Felsabenteuern inmitten der pittoresken Wienerwald-Szenerie – und der Weg ins nächste Spital nach Baden war sehr weit. Nicht selten war er zu weit.
Eingedenk dieser erheblichen Unterschiede zwischen den An- fängen und heute steigen wir in die »Prof.-Viktor-Frankl-Kante« ein. Den fünften Schwierigkeitsgrad bekommt sie durch eine schon etwas polierte Stelle im unteren Wandteil. Im seinerzeitigen Verständnis der Bewertung von Touren galt alles, was jen- seits des sechsten Grades war, als »unmöglich«, und dementspre- chend viel musste in die Skala hineingepackt werden.
Dass Viktor Frankl die nach ihm benannte Tour jemals selbst geklettert ist, scheint eher unwahrscheinlich, bilanziert sie doch hart an der Obergrenze dessen, was ihm im Fels nach eigenen Angaben möglich war. Wie seine beiden Kindheitsträume, ein Fahrrad zu besitzen oder Pfadfinder zu werden, ließ sich auch sein großer Wunsch nach einer Erstbegehung als junger Er- wachsener nicht erfüllen. »Das Spannendste«, schrieb er einmal, »sind für mich das Roulettespiel, eine Hirnoperation und eine Erstbegehung.« Das mit dem Casinobesuch hätte sich wohl ein- richten lassen. An Hirnoperationen wagte sich Frankl später in den Wirren des Krieges heran – notgedrungen ohne konkrete Ausbildung als Autodidakt. Die Erstbegehung blieb ihm leider verwehrt. In den 1930er-Jahren war er zwar einmal zu einer Tour eingeladen, die die erstmalige Durchsteigung einer neuen Route vorsah. Weil Frankl aber Dienst als Arzt hatte, musste er für die alpinistische Pioniertat passen.
Jedem Erstbegeher kommt das Recht zu, seine Schöpfung auch selbst zu benennen. Sosehr sich Frankl darüber gefreut hät- te, dies zu tun, seinen eigenen Namen hätte er dafür wohl nicht verwendet. »Seine« Kante wurde Viktor Frankl gewidmet, und zwar 1955 von Rudolf Reif – der darüber schrieb:
»Nach dem berühmten Philosophen, Neurologen, Univ. Prof. u was weiß ich noch was benannt. Er ist mein gelegentlicher Gefährte u. die Benennung trug mir 4 Flaschen orig. Grinzinger ein. Ich suche nun andererwärts Routen, die ich nach ihm be- nennen kann, denn der Wein war gut u. ich könnte noch einige Flaschen vertragen.«
Reif, ein drahtiger, kleiner Mann mit Brille, galt zu seiner Zeit als Koryphäe unter Kletterern. Alle Versuche seines Vaters, ihn davon abzuhalten, bewirkten das Gegenteil. 1891 in Mähren ge- boren, übersiedelte Reif um die Jahrhundertwende mit seiner Familie in die Hauptstadt der Monarchie. Mit 15 Jahren erstand er sein erstes Kletterseil und zwei Paar Bergschuhe für sich und seinen Freund. Wenig später saß er dann als mutmaßlicher Ein- brecher auf der Polizeistation – Passanten hatten eine Abseil- übung am Donaukanal missdeutet. Einmal löste er auf der Rax eine Suchexpedition nach ihm aus, über die sogar in der Zeitung zu lesen war: Reif hatte seinen Kletteraufenthalt kurzerhand ver- längert, aber vergessen, seinen Eltern Bescheid zu geben.
Für den jungen Frankl war der 716 Meter hohe Peilstein bio- grafisch ein Meilenstein. Setzt man die Puzzleteile seiner Ent- wicklung zum Bergsteiger zusammen, ergibt sich folgendes Bild: Bei seiner – eher zufälligen – Teilnahme an Abseilübungen im Bereich Lutter- und Mizzi-Langer-Wand am Stadtrand von Wien hatte der Gymnasiast erkannt, dass ihm die Höhe und der Blick in den Abgrund mental sehr zu schaffen machten. Wie darge- stellt, hat er vor dieser »Schwäche der eigenen Seele« aber nicht resigniert, sondern, im Gegenteil, sich ihr gestellt. Er hat sich mithilfe seiner Trotzmacht des Geistes über die eigene Angst ge- stellt und erste persönliche Klettererfahrungen gesammelt. Dem Ausprobieren auf den Kletterfelsen im Wiener Nahbereich folgte dann auf dem Peilstein die ernsthafte Ambition – seine Sinnsu- che in der Herausforderung, ein Balanceausgleich zwischen Rea- lität und Idealität, zwischen seinem überaus virtuosen Geist und seinem notorisch unterforderten, nicht gerade kraftstrotzenden Körper.
Im Unterschied zu anderen in seinem Alter hatte sich der he- ranwachsende Viktor nämlich stets über seine geistigen Fähig- keiten definiert, nie über körperliche Kompetenzen. Das rührte wohl noch aus seiner Kindheit her, wo Ärzte seiner Mutter Elsa geraten hatten, ihren Sohn wegen seiner spindeldürren Beine tunlichst vom Fußballspielen abzuhalten. Einmal soll es ihm allerdings gelungen sein, beim Ringen im nahegelegenen Pra- ter den Klassenkräftigsten »zu legen« und in den Schwitzkasten zu nehmen. Ansonsten aber teilte der kleine, schmächtige und schwächliche Bursche die Interessen von Gleichaltrigen kaum. Umgekehrt brachte er Klassenkameraden mit rhetorischem Ge- schick und seiner Eigenart, offene Fragen mit wirkungsvoller Spannung in den Raum zu stellen, dazu ihm zuzuhören. Me- dizin, Psychologie, Philosophie – der Rest, die meisten anderen Schulfächer inklusive, interessierte ihn eher nur am Rande.
In den Wissensgebieten, die ihn faszinierten, war Viktor nach heutiger Diktion durchaus als Hochbegabter einzustufen, als seelisch überaus herausgeforderter Hochbegabter. Die ständige Auseinandersetzung mit großen Fragen des Lebens, seine inten- sive Beschäftigung mit Werken nihilistischer Gelehrter, dazu die von politischen Spannungen und wirtschaftlichen Problemen geprägte Zeit – all das hatte ihn in seiner Reifezeit in eine drama- tische existenzielle Verunsicherung gebracht. Später reflektierte er diese in großer Offenheit, beispielsweise in einem Gespräch mit Franz Kreuzer, der in den 1970er-Jahren das Fernseh-Dis- kussionsformat »Club 2« leitete und später Gesundheits- und Unterrichtsminister war. Frankl: »Ich glaube, man könnte sagen, dass ich meine Lehre zunächst einmal für mich entwickelt habe. Man sagt ja für gewöhnlich, dass jeder, der ein System der Psychotherapie begründet hat, letzten Endes seine eigene Krankengeschichte geschrieben und darin niedergelegt hat. Man weiß, dass Sigmund Freud an kleineren Phobien gelitten hat, man weiß, dass Alfred Adler darunter gelitten hat, dass er als Kind nicht besonders kräftig und gesund war. So kam Freud zu sei- ner Lehre vom Ödipuskomplex und Adler zu seiner Lehre vom Minderwertigkeitsgefühl. Ich muss sagen, dass ich keine Aus- nahme von dieser Regel bin. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich als junger Mensch in den Reifejahren sehr mit dem Gefühl zu ringen hatte, dass letzten Endes doch vielleicht alles gänzlich sinnlos sei. Und dieses Ringen hat dann schließlich zu einem Sich-Durchringen geführt. Und ich habe gegen den eigenen Ni- hilismus ein Gegengift entwickelt.« Ohne selbst jemals erfahren zu haben, wie schwer die existenziellen Sinnzweifel auf der eige- nen Seele lasten können, hätte er in späteren Jahren weder eine eigenständige Psychotherapieform entwickeln noch Therapeut von Weltruf werden können. Das innere Ringen, aus dem letzt- lich ein Sich-Durchringen wird, ein Akt der Selbstermächtigung, der Selbstüberwindung, bei dem einem die innere Trotzmacht des Geistes in den entscheidenden Situationen bereitstellt, was für deren Bewältigung vonnöten ist: Hier wird das Klettern zum Gleichnis für das Leben und auch umgekehrt.
Wie befreiend und bereichernd muss es also für Viktor Frankl gewesen sein, sich diese neue Dimension des Lebens über die Vertikale zu erschließen, endlich durch körperliche Aktivität einen Ausgleich zur Vergeistigung und eine Ablenkung zum Belastenden gefunden zu haben, und endlich auch einmal mit anderen männlichen Bezugspersonen zusammenzukommen als mit denjenigen, die er in seinen studentisch-wissenschaftlichen Kreisen tagtäglich antraf. Bei Kletterabenteuern mit Gleichge- sinnten auf dem Peilstein durchpulste ihn die Lebendigkeit des Abenteuers, erdete ihn der Wiener Schmäh, fand er die Antwort auf die Nestroy’sche Frage »Jetzt bin ich wirklich neugierig, wer stärker ist: Ich oder ich?«, indem er seine Ängste Schritt für Schritt überwand und so immer mehr über sich hinauswuchs als Mann und als Mensch, der nach Großem strebte.
Naheliegenderweise trat Frankl, der auch in der Sozialisti- schen Jugend engagiert war, zunächst den Naturfreunden bei. Dort hatte sich Anfang der 1920er-Jahre die Alpinistengilde eta- bliert, und zwar in ihrem selbstbewussten Selbstverständnis »nur für Naturfreunde-Mitglieder, die Lust haben und Eignung besitzen, über das Mittelmaß hinausragende Fels- und Eisfahrten auszuführen«, zu sein. Der Peilstein war damals die von Wien aus nächstgelegene Ausbildungsstätte für ambitionierte Klette- rer, und zu ihnen zählte auch Viktor Frankl. Es ist anzunehmen, dass er immer wieder während seiner Studentenzeit – er appro- bierte 1930 als Arzt – an Fahrten mit seinen Kletterfreunden und Alpinkursen auf der Rax, dem Schneeberg, der Hohen Wand oder im Gesäuse teilgenommen hat. Eindeutige Belege dafür ließen sich jedoch bei den Recherchen weder in einschlägigen Archiven noch im Privatnachlass finden. Wohl aber legt sein damals um- fangreiches Engagement nahe – er baute etwa ehrenamtlich ein Netz aus Suizidpräventionsstellen für verzweifelte Schüler und arbeitslose Jugendliche in Wien und anderen Städten auf –, dass seine verfügbare Zeit für solche Ausflüge begrenzt war. Gerade deshalb dürfte der Peilstein in Viktors alpinistischen Anfängen jenes Gebiet gewesen sein, das er am häufigsten frequentierte: Denn es bot ihm eine Vielfalt und war von Wien aus noch ver- gleichsweise schnell und einfach erreichbar.
Verbrieft ist allerdings, dass der junge Psychiater wie die meis-ten jüdischen Bergsteiger seiner Generation spätestens nach dem politischen Verbot der Naturfreunde 1934 ein Mitglied im Alpen- verein Donauland war, dem damals letzten alpinistischen Rück- zugsraum für Juden. Dort lernte er mit Rudolf Reif die prägende Figur für seine weitere Entwicklung zum Alpinisten kennen.
Bergkameraden: Viktor Frankl (links) 1936 mit Freunden vom Alpenverein Donauland auf dem Weg in die Berge.
Anders als Viktor Frankl mit seinem anerzogenen Pflichtge- fühl und seinem seelischen Tiefgang war Rudi Reif ein Drauf- gänger und Freigeist. Nichts und niemand blieb verschont von seinem scharfen Humor. Ihr geistreicher Witz, ihre Liebe zum Geschichtenerzählen und ihre glühende Begeisterung für das Klettern verband die beiden. Eine Schilderung Frankls illus- triert, dass es die beiden trotz schwieriger Zeiten sehr lustig miteinander hatten: »Wenn der Klub mit ihm und mit mir Klet- tertouren machte, pflegte er mich – den Psychiater – immer als Narrendoktor zu apostrophieren. Ich war damals Anstaltsarzt in der Irrenanstalt Am Steinhof. Jedenfalls nannte er mich nie Doktor, sondern eben nur Narrendoktor. Bis ich eines Tages mit meiner Geduld am Ende war und ich ihm vor allen Klubmitglie- dern sagte: ›Passen Sie auf, Herr Reif, wenn Sie mich weiterhin Narrendoktor nennen – wissen Sie, wie ich Sie dann nennen wer- de: „Steinhof-Reif“!‹«
Sie waren per Sie und dennoch befreundet. Mehr noch: Der erfahrene Alpinist Rudolf Reif war Frankls Mentor und vermit- telte ihm als sein Kletterausbildner die elementaren Kenntnisse des Bergsteigens. Dazu gehörte das komplette Set an mentalen Kompetenzen, die der Alpinismus verlangt. Und nicht nur der Alpinismus, sondern synonym die Kunst, sein Leben begeistert zu leben: Risikobereitschaft, Mut, Konzentration, Zentrierung, Zielfokussierung, Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz, also wesentliche Statikelemente im psychischen Fundament Viktor Frankls, die sich in weiterer Folge noch in mehrfacher Hinsicht als wertvolle Ressource für sein Leben herausstellen sollten – im wahrsten Sinne des Wortes auch für sein Überleben. Frankl erwarb unter Reifs Obhut das Führerabzeichen, dem spä- ter noch tragische Bewandtnis zukommen sollte.
Im Unterschied zu dem pflichtbewussten Arzt war der Humorist und Alpinist Reif ein Mann mit leichtem Gepäck, nicht nur im Gebirge, sondern bei allem, was er tat. Um seine Frau Hedwig Eitelberger, eine Christin, heiraten zu können, trat er ohne großes Federlesen aus der jüdischen Glaubensgemein- schaft aus. Wie er dann den Einmarsch Hitlers erlebte und auf die politischen Umwälzungen in seiner Heimat reagierte, steht n einem seiner Tourenbücher, die im Museum des Österreichi- schen Alpenvereins erhalten sind:
»2. bis 12. März 1938 leitete ich einen Skikurs im Bundschuhgebiet. Teilnehmer Frau Haber, Schneider aus Krumau, Sissy u. noch 2 Jünglinge. Am 10. III. traf ich auf der Abfahrt einen Jä- ger, der mich mit ›Heil Hitler!‹ begrüßte. Meine Antwort war: ›Kusch! Idiot!‹ Im Standquartier angelangt, erfuhr ich, dass die Deutschen in Wien einmarschieren. Konsternierung unserer- seits. Meine Teilnehmer fuhren sofort nach Wien. Ich blieb noch 2 Tage. Als ich im Tal anlangte: überall Hakenkreuzfahnen, der kleinste Knabe u. der älteste Mann trugen Hakenkreuzabzei- chen. Im Eisenbahnzug bereits verhaftete Nazigegner – – Aus – ! Am 2. Dezember 1938 fuhr ich nach Shanghai, China.«
In den Pogromen der von den Nazis inszenierten und gesteu- erten »Reichskristallnacht« von 9. auf 10. November 1938 entlud sich der über Jahre geschürte Antisemitismus in einer Orgie der Gewalt durch SA, SS und aufgehetzte Teile der Bevölkerung. Allein in Wien wurden 30 Juden ermordet, 7800 verhaftet, 4000 deportiert, ihre Häuser und Wohnungen geplündert, enteig- net, Synagogen niedergebrannt, darunter auch das Gebetshaus in der Tempelgasse, das die Frankls immer besucht hatten. Der Holocaust in seiner systematischen Entrechtung, Entwürdigung und Vernichtung der Juden hatte begonnen.
Während Rudi Reif drei Wochen später zusammen mit seiner Frau vor dem Regime der Nazis ins sichere Ausland flüchtete, harrte Viktor Frankl in Wien aus. Es war nicht Naivität, vielmehr hielten ihn sein unerschütterliches Pflichtgefühl, die Loyalität und Liebe zu seinen alten Eltern, vielleicht auch die aus seinem tiefen Glauben genährte Schicksalsergebenheit in seiner Heimat. Zwar erwog er die Emigration nach Amerika, um dort frei von Repressalien sein »geistiges Kind«, die Logotherapie und Exis- tenzanalyse, weiterentwickeln und in seinem Buch »Ärztliche Seelsorge« vervollständigen zu können, doch als ihm später tatsächlich ein Visum für die USA zugesprochen wurde, ließ er es verfallen, weil er seine Eltern nicht sich selbst überlassen wollte. Es war wieder eine dieser Sequenzen in Frankls Biogra- fie gewesen, in der aus dem Ringen mit sich selbst letztlich ein Sich-Durchringen zu einer weitreichenden Entscheidung ge- worden war. Frankl traf sie, einem Wink des Schicksals folgend, am Abend bevor er sein Visum in der Botschaft der Vereinig- ten Staaten hätte abholen sollen. Hin- und hergerissen zwischen den Optionen von Gehen und Bleiben hatte er an jenem Abend bei einem Orgelkonzert im Stephansdom um einen Fingerzeig des Himmels gebeten, doch es blieb ihm unmöglich, sich fest-
Männerseilschaft: Rudi Reif und Viktor Frankl nach dem Krieg erstmals wieder gemeinsam unterwegs.
zulegen. Dann ging er nach Hause. Auf dem Tisch lag ein Stück Marmor, das Viktor Frankls Vater in den Ruinen der gebrand- schatzten Synagoge gefunden hatte. Es war ein Bruchstück der Gesetzestafeln, wie der eingemeißelte hebräische Buchstabe ver- riet. »Wenn es dich interessiert, kann ich dir sagen, zu welchem der zehn Gebote dieser Buchstabe gehört«, sagte Gabriel Frankl zu seinem Sohn und löste das Rätsel: »Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass du lange lebest im Land.« – Das war der Fingerzeig des Himmels, und er blieb. Wann immer er später auf diesen Augenblick zu sprechen kam, rührte ihn die Erinnerung daran zu Tränen. Weinen ist nichts, wofür man sich als erwach- sener Mann zu schämen hätte, im Gegenteil, es ist ein Zeichen von Kongruenz. Auch diese Ermutigung verdanken wir Viktor Frankl, aus einer Zeit, als das noch nicht en vogue war.
Als die Seilgefährten Viktor Frankl und Rudi Reif sich vor dessen Ausreise nach Shanghai im Dezember 1938 verabschie- deten, war ihnen klar, dass es ein Abschied auf unbestimmte Zeit, vielleicht sogar für immer sein würde. Hier, an diesem zeit- geschichtlich neuralgischen Punkt, trennten sich ihre Wege und führten beide auf ihre Schicksalsspur voller Härten, Entbehrun- gen und unmenschlicher Prüfungen.
Viktor Frankl hatte in Wien nach dem »Anschluss« noch vier Jahre »Schonfrist«, ehe dann seine persönliche Tragödie ihren Lauf nahm. Für Reif und dessen Frau, die wenigstens nicht an Leib und Leben persönlich bedroht waren, zerschlug sich die Hoffnung auf ein besseres Leben 1941: Der Angriff der Japaner auf Pearl Harbor machte ihren Traum von einer Emigration in die USA oder nach Australien jäh zunichte – und die vermeintli- che Zwischenstation Shanghai wurde zu einer Endstation Sehn- sucht. Die europäischen Emigranten wurden in ein Getto im Stadtteil Hongkou verfrachtet, die Verpflegung drastisch ratio- niert. Wann immer Reif von der Sehnsucht nach seinen österrei- chischen Bergen geplagt wurde, kletterte er im Geiste den »Wie- ner Neustädter Steig« auf der Rax, eine seiner Lieblingsrouten. »Hirnklettern« nannte er diese Visualisierungen, die an Stefan Zweigs »Schachnovelle« erinnern. Er lebte sich so sehr in diese Tour ein, dass jeder Tritt, jeder Griff real schienen. An der Schlüs- selstelle, dem Büchlriss (oberhalb liegt das Steigbuch), einer en- gen, zehrenden Passage, hielt er sich dabei stets an einer kleinen Vertiefung fest, die er allerdings nur als Produkt seiner Fantasie erachtete. Nach seiner glücklichen Rückkehr im Jahr 1949 fand er diese Stelle tatsächlich vor. In seinem Buch »Ein Stück vom Him- mel« bemerkte der Wiener Bergsteiger Karl Lukan zu dieser er- staunlichen Episode: »Die Erinnerung hat den Griff vergessen – das Unterbewusstsein nicht.«
Klettern nur in der Vorstellung – auch in diesem Punkt hatten die Seilgefährten Reif und Frankl etwas gemeinsam. Wie seinen Kletterlehrer im Exil in Shanghai sollte diese mentale Technik auch Viktor Frankl in aussichtslosen Situationen während seiner Zeit in insgesamt vier Konzentrationslagern psychisch aufrecht und in letzter Konsequenz auch physisch am Leben erhalten. »Seine Erinnerungsbilder waren so stark, dass sie ihm geholfen haben, das Schlimmste zu überleben«, hat Reinhold Messner, der berühmteste Bergsteiger der Welt, einmal in einem Interview über Viktor Frankl gesagt. Tatsächlich verdankte er sein Überleben dieser Selbstanwendung einer zentralen Technik seines Thera- piekonzepts, die auf der exklusiv menschlichen Fähigkeit beruht, sich von sich selbst und äußeren Bedingungen geistig distanzie- ren und auf diese Weise frei Stellung beziehen zu können. Ein Schutzprogramm der Seele gegen die Widrigkeiten des Lebens.
Die Tour der Passion: Die Seilgefährten Viktor Frankl und Rudi Reif auf dem Drei-Enzian-Steig.
Was muss es für diese beiden Bergbegeisterten für ein über- wältigendes Gefühl gewesen sein, als sich ihre Sehnsüchte Jahre später und gegen jede Chance erfüllten – und sie erstmals wieder gemeinsam Klettern konnten. Beide hatten den Holocaust über- lebt. Im Juni 1949 waren Frankl und Reif mit ihren Ehefrauen Elli und Hedwig zum allerersten Mal seit ihrer Zeit am Peilstein wieder gemeinsam in den Bergen. Reifs Tourenbuch verzeichnet den »Akademikersteig« und den »Wachthüttelkamm« auf der Rax, die Erste von vielen gemeinsamen Unternehmungen nach dem Krieg.
1949 war es auch, als Rudolf Reif die Hoffnungen Hubert Peterkas und der Bergsteigergruppe des Österreichischen Gebirgsvereins zerstörte, sie hätten einen »Peilsteinführer für alle Zeiten« herausgegeben. Peterka, einer der versiertesten Alpinis- ten seiner Zeit mit mehr als 500 Erstbegehungen in den Gesäu- se-Bergen, dem Dachstein und den Hohen Tauern, wollte bei der Bearbeitung des Führers von Leopold Landl aus dem Jahr 1928 alle noch möglichen Linien von seiner Sektion begangen und damit in diesem Buch abgedeckt sehen. »Was am Peilstein noch an Neutouren zu machen ist, das machen wir selber«, sagte Pe- terka damals im Gebirgsverein. »Damit nicht nachher ein Herr Gschisti oder Gschasti eine Erstbegehung macht und unser Füh- rer nimmer auf dem letzten Stand ist.«
Er hatte seine Rechnung ohne Reif gemacht: Denn nach sei- ner Zeit in der Emigration holte der Alpen-Humorist alles auf, was er versäumt hatte. In der Kletterabstinenz war er nur noch besser geworden. Nach Erscheinen von Peterkas Peilsteinfüh- rer für alle Zeiten, der 280 Routen enthielt, legte Reif dort gleich 20 Erstbegehungen nach. Insgesamt fünfzigmal ist es ihm gelun- gen, bergsteigerisches Neuland zu erkunden und nach freien Stü- cken zu benennen, so wie etwa die »Prof.-Viktor-Frankl-Kante«.
Reif starb 1958 in der Wiener Poliklinik. Frankl hat ihn als Leiter der dortigen Neurologischen Abteilung wohl noch auf sei- ner letzten, großen Tour begleitet und um 39 Jahre überlebt. Er blieb seinem Klettermentor und Freund zeitlebens und darüber hinaus für die alpinistische Widmung auf dem Peilstein dank- bar. Wie ihn überhaupt der Umstand, dass nach ihm auch auf der Rax zwei Touren benannt sind (eine im Bereich der Vormäu- er, eine im Törl-Klettergarten), genauso, wenn nicht mehr freu- te wie die internationale Anerkennung als Wissenschaftler mit 29 Ehrendoktoraten.