Berg Und Sinn Kapitel 03 Auf der Hohen Wand oder die Seilschaft als Verantwortung

Seilschaft, das ist ein großes Wort. So groß, dass es als Sy- nonym für eine wechselseitig fördernde Verbindung aus dem alpinistischen in den politischen Sprachgebrauch entfremdet worden ist. Doch die Tiefe des Begriffs lässt sich nur in der Höhe ermessen und nur im ursprünglichen, bergsteigerischen Sinne verstehen und erfahren: als eine der verbindlichsten Verbindun- gen, die Menschen überhaupt im Übergangsbereich zwischen Erde und Himmel eingehen können.

Sobald wir das sichere Terrain des festen Bodens unter unse- ren Füßen verlassen haben, sobald unsere Wege in die Vertikale führen, wir über ausgesetzte Grate, durch große Wände gehen, wird das Seil zur einzigen und letzten Rückversicherung. Im Angesicht von Schönheit und Gefahr, von Staunen und Angst erleben wir in der intimen Gemeinschaft die radikale Reduktion auf unser existenzielles Fundament, die Gleichzeitigkeit eines Zurückgeworfenseins auf uns selbst und des Gefühls tiefer Ver- bundenheit mit anderen. Also eine metaphorische Verdichtung des Menschseins, in der abstrakte Werte wie Freiheit, Verant- wortung, Vertrauen ganz konkret werden: Bei einem Sturz in der Wand hält ein Partner den anderen, bremst durch entschlos- senes Zupacken dessen Fall und verhindert so schwere Verlet- zungen oder gar den Tod. Die Verbindlichkeit entsteht aus der Tatsache, dass das Leben des einen in jedem Augenblick von der Aufmerksamkeit des anderen abhängt. Jede Tour ist ein Wag- nis, das man als Kletterer bewusst und freiwillig eingeht. Sobald man als Seilschaft unterwegs ist, bleibt in der Wand kein Raum für Tagträume. Klettern bedeutet, in die Selbstüberwindung und in die Selbstermächtigung zu gehen, sowie sich dem Seilpartner bedingungslos anzuvertrauen. Zwischen Abgrund und Gipfel entführen uns die Berge in eine Intensität, die nicht alltäglich ist.

Während des Zustiegs zu einer Tour oder beim Wandern in den Bergen konnte Viktor Frankl seinem Geist weiten Raum für neue Ideen geben. In der Wand beanspruchte das Klettern seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Omnipräsenz der Gefahr unter- brach die Schleifen seines analytischen Denkens und zwang ihn in den Augenblick. Dieses Freiheitsgefühl und die Verbindlich- keit seiner Seilschaften gaben Frankl – sprichwörtlich – Berge. Und von all den Klettertouren, die er im Laufe seines Lebens unternommen hat, kommt wohl dem Kanzelgrat auf der Hohen Wand emotional die höchste Bedeutung zu.

Die Linie im südlichen Teil der Hohen Wand ist schon von Weitem zu erkennen. Sie liegt dort, wo der Felsriegel, vom 50 Kilometer entfernten Wien aus gesehen, fast schon wieder endet. Der zackige Grat dürfte schon lange großen Zauber auf die Kletterer ausgeübt haben – gehörte er doch zu den ersten Bereichen, die dort ab dem Jahr 1880 erschlossen wurden. Acht Kilometer ist die Hohe Wand lang, sie schwingt sich bis auf 1000 Meter Höhe auf, und heute warten dort auf Kletterer mehr als 1500 Touren. Von hier blickt man hinüber zum Schneeberg, dem letzten markanten Gipfel im äußersten Osten der Alpen, hinaus ins Wiener Becken und hinein in die Pannonische Tief- ebene. Dieser fast mediterrane Hauch ist spürbar, als wir im Nachstieg von Viktor Frankl in dieser nunmehr dritten Destina- tion unterwegs sind. Von der Pension Seiser in Grünbach aus ge- hen wir durch Wald- und Wiesenabschnitte zum Wandfußsteig.

Paul Preuß, das aus dem steirischen Altaussee stammende Klettergenie jüdischer Herkunft, ist hier um die Jahrhundert- wende unterwegs gewesen, als der Erschließer der Hohen Wand gilt jedoch der »Bergsteigerpfarrer« Alois Wildenauer. Der Wie- ner Priester und promovierte Doktor der Philosophie betreute von 1911 bis 1921 die Pfarre in Grünbach am Schneeberg und nützte seine freie Zeit hinlänglich für kühne Erstbegehungen: Neben immer noch populären Touren wie dem Tirolersteig, dem Grafenbergsteig oder dem Hamburgersteig, die er in anderen Bereichen der Hohen Wand als Erster durchstiegen hat, hat er vor allem am Kanzelgrat seine Spuren hinterlassen.

Entlang des blau markierten Wandfußsteigs, horizontal zu den Kletterrouten, passieren wir den einfachen und beliebten Kanzelsteig. Von unten stellt er sich eher als felsiges Gehgelän- de denn als Kletterterrain dar. Auch den Wienersteig, den Wil- denauer 1910/11 erschlossen hat, passieren wir und sinnieren einmal mehr, welche Route Viktor Frankl damals genommen hat. »Wir hatten uns für den Kanzelgrat entschieden«, schrieb er später eher lapidar über diese für ihn so bedeutsame Tour. Im heutigen Verständnis ist damit ein Gebiet auf der Hohen Wand, nicht aber eine bestimmte Linie gemeint.

Als wir schließlich zum Fredsteig kommen, sehen wir ein trauriges Mahnmal einer anderen Seilschaft: Der 22-jährige Jus-Student Alfred Neugebauer diente, wie einer Erinnerungsta- fel zu entnehmen ist, im Ersten Weltkrieg als Kadett des 2. Ula- nen-Regiments und hat am 13. September 1915 an der Spitze sei- nes Zuges durch einen Herzschuss »den Heldentod gefunden«. Wildenauer, der gemeinsam mit seinem Bergkameraden Franz Weninger diese Tour im Oktober 1915 erstmals durchstieg, wid- mete sie seinem jungen Freund und hielt dazu fest: »Ihm, der für hohe Ideale starb, soll ein unvergängliches und gewaltiges Denkmal in diesem zu reinen Höhen führenden Idealsteige ge- setzt sein.« Außerdem sei die Tour, die heute ein Top-Klassiker auf der Hohen Wand ist, der »wahre und eigentliche Kanzelgrat«.

Hier fühlen auch wir uns richtig und in unserer Wahl – zu- mindest symbolisch – bestätigt. Mit neun Seillängen zählt der Fredsteig zu den längsten Klettertouren auf der Hohen Wand und führt über teils großartigen Fels hinauf zur berüchtigten Frednase, einem besonders steilen Abschnitt. Die Route endet nach 200 Meter Höhendifferenz bei der Großen Kanzel. Dort oben, wo die Felslinie nahe der Wilhelm-Eichert-Hütte in das Plateau übergeht, ist dem Bergpfarrer Wildenauer ein weithin sichtbares Gedenkkreuz gewidmet.

Die Griffe und Tritte im Kalkstein des Kanzelgrats lassen nicht nur an Wildenauer, Weninger und Neugebauer denken. Sie sind stumme Speichermedien einer Begebenheit, die Viktor Frankl gemeinsam mit seinem besten Jugend- und Kletterfreund Hubert Gsur 1941 in diesen Wänden erlebt hat. Um diese Tour rankt sich die berührende Geschichte einer tiefen Verbunden- heit zweier Männer, die Geschichte einer Seilschaft, in der Ver- trauen, Zuversicht, Können, Risiko, Mut und Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit die verbindenden Elemente waren. Um die Symbolkraft dieser gemeinsamen Klettertour über den Kanzelgrat besser zu verstehen, lohnt es sich, ihre Bezugspunkte deutlich zu machen.

Das Leben Frankls hat sich in Stufen vollzogen, die mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts korrelieren: Seine Kindheit und Volksschulzeit fielen in die Spätphase der Donaumonarchie, als Wien noch eine Weltstadt der Kunst, Kultur und Wissenschaft war. Während des Ersten Weltkrieges war er Gymnasiast und erlebte die Armut und den Zerfall des Habsburger Reiches.

Familienmenschen: Die Frankls um 1926 – von links nach rechts: Viktor

In den 1920er-Jahren studierte er Medizin und ab 1930 bis zum »Anschluss« Österreichs an das Großdeutsche Reich galt er als aufstrebender Neurologe und Psychiater. Das passte exakt zu seiner Karrieredisposition: Schon in seiner Kindheit war für Frankl festgestanden, dass er Arzt werden wollte. Es mag da- bei auch eine Rolle gespielt haben, dass sein Vater Gabriel im Jahr 1883 ein Medizinstudium kurz vor dem Rigorosum wegen Geldmangels hatte abbrechen müssen. Als Verwaltungsbeamter im Ministerium für Jugendschutz hatte Gabriel Frankl öfters im neunten Wiener Gemeindebezirk zu tun und nahm seinen Sohn dorthin mit. Vor dem Anatomischen Institut in der Währinger Straße wird er ihm von Sezierkursen erzählt haben, an denen er als Student teilgenommen hatte. Bezeichnenderweise ekelte sich Viktor, der damals gerade sieben, acht Jahre alt war, nicht vor dem beißenden Geruch des Formaldehyds, der aus offenen Fenstern der Sezierräume im Keller drang. Ganz im Gegenteil: Er zog seinen Vater förmlich in die Formaldehyd-Wolke hinein und ließ sich nicht die geringste Reaktion anmerken – ein frühes mentales Selbstexperiment und ein weiteres Beispiel für seine »Trotzmacht des Geistes«, die später eine entscheidende Rolle in seinem Leben spielen und die eine tragende Säule in seinem The- oriegebäude werden sollte.

Während der Volksschüler Frankl seine frühe Berufung zum Mediziner kindlich und freudvoll entdeckte, war in Wien ein an- derer endgültig daran gescheitert, seine vermeintliche Berufung tatsächlich zum Beruf zu machen. Zweimal hatte der Mann sich an der Wiener Kunstakademie beworben, zweimal war er abge- wiesen worden. Mühsam hielt er sich sechs Jahre lang mit selbst gemalten Ansichtskarten und Gelegenheitsarbeiten über Was- ser. Schließlich war er mittellos, 3,4 Kilometer von der Wohnung der Frankls in der Czerningasse entfernt, im Männerwohnheim Meldemannstraße untergekommen. Sein Scheitern kompensier- te er mit krudem Fanatismus. In den Aufenthaltsräumen der Meldemannstraße schwadronierte er vor Obdachlosen. Bis er im Mai 1913 seiner Tristesse entfloh, indem er sich in Österreich-Un- garn dem Wehrdienst entzog und illegal nach München ging. Sein Name: Adolf Hitler.

Zum frühen, klar umrissenen Berufswunsch kam bei Viktor Frankl die zielstrebige Art, diesen auch zu verwirklichen. Unge- wöhnlich jung vertiefte er sich am Sperlgymnasium in Themen, die keine Schulfächer waren. Neben allen medizinischen Inhal- ten beschäftigten ihn Einsichten der Naturphilosophen. Beson- ders die neue Disziplin der Psychologie fesselte ihn so sehr, dass er oft an Wochenenden an Kursen in der Volkshochschule Otta- kring teilnahm. Mit 16 Jahren hielt er dort seinen ersten Vortrag mit dem richtungsweisenden Titel »Über den Sinn des Lebens«. Die Heimat Wien war in den Zwanzigerjahren Weltmetropole der Psychotherapie; angesichts der Rigidität, Prüderie und der seelischen Kollateralschäden nach dem Ersten Weltkrieg war das kein Zufall. Der Psychiater Sigmund Freud hatte hier in der Berggasse 19 – die berühmte Adresse ist Titel eines Buches und eines Films – die Psychoanalyse entwickelt. Alfred Adler, Freuds Berufskollege, wie er Jude und einige Zeit dessen engster Ge- folgsmann, begründete nach einem Zerwürfnis mit Freud die Individualpsychologie. Der junge Viktor Frankl stand mit bei- den Grandseigneurs der Seelenheilkunde in persönlichem Kon- takt. Was eine seiner zentralen Qualitäten zeigt: Frankl verstand es, im Leben »Seilpartner« zu finden und sie als Mentoren für sich zu gewinnen. Noch in seiner Zeit als Gymnasiast sandte er Freud regelmäßig Briefe, die dieser mit handgeschriebenen Post- karten beantwortete. Auch seine erste wissenschaftliche Publi- kation verdankte Frankl Freud: In der siebenten Klasse schickte er dem Psychoanalytiker von Weltruf einen seiner Schulaufsätze. Thema: »Zur mimischen Bejahung und Verneinung«. Der re- nommierte Professor veranlasste den Abdruck in der Internatio- nalen Zeitschrift für Psychoanalyse. Persönlich begegnet sind die beiden einander nur einmal, und zwar zufällig: Frankl studierte damals schon Medizin und meinte, in einem älteren, gebückten Herrn mit Silberknauf am Spazierstock sein Vorbild Sigmund Freud, das er bis dato ja nur auf Fotos gesehen hatte, zu erken- nen. Er folgte ihm und stellte sich in der Berggasse mit Namen vor. Darauf antwortete Freud: »Einen Moment, nur einen Mo- ment: Viktor Frankl, 2. Bezirk, Czerningasse 6, Tür Nummer 25. Stimmt das!?« Der Professor hatte sich an die Korrespondenz mit dem jungen Frankl erinnert, obwohl bei dieser ersten und einzi- gen persönlichen Begegnung der anfänglich so vielversprechend verlaufene briefliche Kontakt zwischen Freund und Frankl nicht mehr bestand. Denn bei allem gebührenden Respekt vor dem Psychoanalytiker machten Frankl trotz seiner Jugend zwei Din- ge skeptisch: Zum einen war es die despektierliche Art, mit der ihn ein Mitarbeiter Freuds zu einer langwierigen und kostspieli- gen Psychoanalyse nötigen wollte. Diese wäre die Bedingung für die Aufnahme in die »Psychoanalytische Vereinigung« gewesen. Dieses für ihn irritierende Erlebnis mag ein Mitgrund gewesen sein, warum Frankl zeitlebens dem Thema »Selbsterfahrung« in der Logotherapie ablehnend gegenüberstehen sollte. Überhaupt hatte er – bei aller Wertschätzung für Freuds Verdienst – große Vorbehalte gegen dessen Fazit, der Mensch sei im Wesentlichen nicht mehr als ein von unbewussten Sexualtrieben gesteuertes Subjekt. Dieser Art von Vereinfachung konnte schon der junge Viktor Frankl nichts abgewinnen, selbst wenn sie von einem Ge- nie wie Sigmund Freud kam. Also zog der Student für sich die Konsequenzen – und einfach weiter.

1924, im Jahr seiner Matura, in dem er auch seine Faszinati- on für das Klettern entdeckte, lernte er dann Alfred Adler ken- nen, den er für weniger dogmatisch hielt, und wurde in dessen innersten Kreis der »Gesellschaft für Individualpsychologie« geladen. Adler muss das aufstrebende Talent in Frankl erkannt und einen potenziell gehorsamen Jünger seiner Lehre in ihm gesehen haben. Drei Jahre bemühte der Individualpsychologe sich persönlich um den Jungspund, der sich so für die Tiefen der menschlichen Seele interessierte. Freilich nur so lange, als dieser keine von Adlers Prinzipien abweichenden, eigenen Gedanken artikulierte. Doch genau dies tat Frankl: Viel zu mechanistisch und reduziert schien ihm auch das Menschenbild in der Indivi- dualpsychologie zu sein, in ihrer Grundannahme, der Mensch sei im Wesentlichen über seine verdrängten Minderwertigkeits- gefühle erklärbar. Als Frankl 1927 anregte, die Individualpsy- chologie in eine humanistischere Richtung weiterzuentwickeln, und sich außerdem für zwei bei Adler in Ungnade gefallene Kollegen stark machte, brach sein Mentor prompt den Stab über ihm: Er sprach kein Wort mehr mit Frankl und ekelte ihn unehr- enhaft aus seiner Vereinigung – im Prinzip war das alles eine Reinszenierung der Überwerfung, die Adler mit Freud erlebt hatte. Viktor Frankl musste das Erscheinen seiner Zeitschrift »Der Mensch im Alltag« einstellen, die sich mit Inhalten der In- dividualpsychologie beschäftigt hatte.

Rückblickend verstanden, war der Lohn dieser Zäsur für Frankl höher als ihr Preis. Zwar war er durch den unsanften Rauswurf entwurzelt und tief enttäuscht, gleichzeitig hatte er aber zwei wesentliche Lektionen für sein späteres Fortkommen gelernt: Verantwortungsgefühl seinem eigenen Gewissen ge- genüber und die gesunde innere Distanz zum Establishment der psychotherapeutischen Zunft. Dass die renommiertesten Menschenkenner ihrer Zeit auf einer persönlichen Ebene auch nur mit Wasser kochten, bewies ihr Umgang miteinander. Fach- liche Auffassungsunterschiede hatten die beiden prominenten Schulgründer nicht kollegialer aufzulösen vermocht, als sie in einer erbitterten Feindschaft mit dem Resultat des vollkomme- nen Bruches eskalieren zu lassen. Auch das war für Frankl eine Erfahrung: Dass Verhaltensauffälligkeit nicht zwangsläufig nur ein Vorrecht der Patienten war.

Was er mit den großen Namen seines Faches erlebt hatte, be- stärkte den Studenten darin, hinsichtlich seiner weiteren Orien- tierung das zu tun, was er beim Klettern in jeder freien Minute praktizierte – seine eigene Linie zu finden, ihr zu vertrauen und mutig seine eigene Route zu wählen. Seine Ideallinie für seine berufliche Zukunft antizipierte er im Verschneidungsbe- reich zwischen der Philosophie und einer humanen Psychothe- rapie. Dieser gesunde Selbstbezug tat ihm gut – und gab ihm auch menschlich Kontur: Die eigenen Sinnzweifel, die ihn die Reifejahre hindurch auf dem schmalen Grat zwischen den ni- hilistischen und optimistischen Vertretern des Existenzialismus immer wieder aus der Balance geworfen hatten, schwanden all- mählich. Sein seelisches Straucheln machte ihn trittsicherer im eigenen Leben. Denker wie Gabriel Marcel, Karl Jaspers oder Martin Buber gaben seinem Welt- und Menschenbild eine positi- ve und humanistische Grundierung.

Schon im Jahr 1926 hatte er in einem öffentlichen Vortrag erst- mals den Begriff Logotherapie als von ihm begründetes, eigen- ständiges Therapiekonzept postuliert. Diese sollte nach Freuds Psychoanalyse und Adlers Individualpsychologie zur dritten Wiener Schule der Psychotherapie werden. Gegen Ende seines Medizinstudiums – den Doktortitel bekam er 1930 – organisier- te er kostenlose, anonyme Beratungsstellen für suizidgefährdete Schüler und Jugendliche in Wien. So sammelte Frankl wertvolle methodische Erfahrungen für eine therapeutische Aktivierung der Sinnperspektive in verzweifelten jungen Menschen.

Auch wenn die Zeiten wirtschaftlich und politisch äußerst schwierig waren: Für Frankl begann in den kommenden Jah- ren das, was man heute eine Bilderbuchkarriere nennt. Nach der Facharztausbildung zum Neurologen und Psychiater wurde er mit der Leitung des »Selbstmörderinnen-Pavillons« im Psy- chiatrischen Krankenhaus am Wiener Steinhof betraut, wo er in den Jahren zwischen 1933 und 1937 rund 12 000 Patientinnen behandelte. Die enorme Anzahl an Fallstudien war für den jun- gen Arzt und die Weiterentwicklung seiner Logotherapie von größtem Wert. Im Unterschied zum damals gängigen Klischee der »Götter in Weiß« begegnete Frankl psychisch angeschlage- nen Patientinnen nicht nur auf Augenhöhe, sondern sah in ihnen hinter oder unter allen Störungen immer das, was in der Seele heil geblieben war. Das war revolutionär: ein Nervenarzt, der auf das Gesunde fokussiert war. Er tat zwischen sich und den Psychiatriepatientinnen keine Kluft auf, im Gegenteil, er baute eine Brücke und experimentierte mit Interventionstechniken, die sich als überaus wirkungsvoll herausstellten. So arbeitete er beispielsweise mit der Paradoxen Intention, einer der bekanntes- ten Methoden aus der Logotherapie. Wenn er Patientinnen fragte »Würden Sie sich noch einmal umbringen?«, antworteten diese für gewöhnlich mit »Nein!«, allein schon um aus der Anstalt ent- lassen zu werden. Ob dies zu verantworten war, stellte Frankl dann mit der scheinbar paradoxen Frage »Warum nicht?« fest. Führten die Frauen etwas Sinnvolles in der Zukunft ins Treffen, eine Aufgabe oder Menschen, die auf sie warten würden, hat- ten sie ihre Verzweiflung bezwungen. Verklärten sie die Vergan- genheit, war weiterhin Suizidgefahr im Verzug. Auf die Weise verfeinerte Frankl seine Wahrnehmungsfähigkeit für die Sor- gen und Nöte der Menschen. Diese schienen das zu spüren und gaben die Wertschätzung ihres Psychiaters in entwaffnender Ehrlichkeit zurück, was wiederum Frankl sehr an seinen Patien- tinnen mochte. Mitunter konnte diese Vertrautheit auch zu skur- rilen bis tragikomischen Situationen führen. So antwortete eine seiner Patientinnen auf die Anamnesefrage »Hatten Sie schon einmal Geschlechtsverkehr?« mit »Mein Gott, Herr Doktor, grad nur wenn ich vergewaltigt werde, ich komm ja nirgends hin.« Durch die Erfahrungen am Steinhof kristallisierte sich Frankls Lehre immer deutlicher heraus. In Nachtdiensten schrieb er sie in das Manuskript zu seinem ersten Buch »Ärztliche Seelsorge«. Im Jahr 1937 eröffnete Viktor Frankl eine Privatpraxis für Neu- rologie und Psychiatrie in der Alser Straße, unweit der Univer- sitätsklinik. Die Praxis war in der Wohnung seiner Schwester Stella untergebracht. Sein Bruder Walter, Handwerker und In- nenarchitekt, hatte eigens einen Schreibtisch und Bücherregale für die Ordination gezimmert. Die wenigen freien Stunden, die ihm neben Beruf und Berufung blieben, verbrachte Frankl, der in dieser Zeit im Alpenverein Donauland die Ausbildung zum Bergführer absolvierte, mit seiner Lieblingsbeschäftigung: dem Klettern mit Freunden in der Mizzi-Langer-Wand, auf dem Peil- stein, der Hohen Wand, der Rax und am Schneeberg.

Frankls schneller beruflicher Erfolg, amouröse Beziehungen mit Krankenschwestern, die rare, aber schöne Zeit mit Kletter- kameraden hatten den Anschein eines Lebens ganz nach Plan. Doch all das war nur ein flüchtiges, trügerisches Glück: Während er als jüdischer Arzt im zunehmend antisemitisch aufge- ladenen Wien Karriere machte, kam ausgerechnet der einstige Agitator aus dem Obdachlosenheim Meldemannstraße in eine gefährliche Machtposition. Getrieben von Machtrausch und Skrupellosigkeit, protegiert durch unglücksselige historische Entwicklungen, wurde Adolf Hitler zum Auslöser einer der größten Tragödien der Menschheitsgeschichte. Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht, der »Wiedereintritt seiner Heimat in das Großdeutsche Reich«, wie Hitler den »Anschluss« Öster- reichs am 15. März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz verkünde- te, waren nur der Beschleuniger für den Brand, der weite Teile Europas in Schutt und Asche legen und 80 Millionen Todesop- fer fordern sollte. Der »Führer« hielt seine umjubelte Rede zehn Tage nach Viktor Frankls 33. Geburtstag. Für ihn und viele ande- re bedeutete dies den Anfang vom Ende eines Lebens in Frieden und Freiheit.

Mitten in dieser beklemmenden Zeit erlebte Viktor Frankl nur selten Gipfel persönlichen Glücks. Einen solchen bescherte ihm stets die Seilschaft mit seinem sieben Jahre jüngeren Freund Hubert Gsur. Wo und wann die beiden einander kennengelernt hatten – ob in der Sozialistischen Jugend oder über das Klettern bei den Naturfreunden und nach 1934 in der Alpenvereinssekti- on Donauland –, wissen wir nicht. Dass Gsur Wehrmachtssoldat war, tat ihrer Freundschaft keinen Abbruch. Wie das Gros seiner jüdischen Kollegen verlor auch Frankl seine berufliche Position, er musste seine Privatordination schließen, weil die Wohnung »arisiert« wurde und er offiziell jetzt nur noch als »Judenbe-handler für Neurologie und Psychiatrie« in der Wohnung seiner Eltern praktizieren durfte.

1940 ernannte man ihn überraschend zum Leiter der Neuro- logischen Abteilung im Rothschild-Spital. Während des Krieges war es das einzige Krankenhaus in Wien, in dem Juden über- haupt noch medizinisch behandelt wurden. Frankls vorüberge- hende Duldung als Stationsarzt durch die Gestapo bot ihm und seinen Eltern – seine Schwester war in Australien, sein Bruder entging der Judenverfolgung zunächst in Italien – vorerst einen gewissen Schutz vor der Deportation. In diesen Wirren begeg- nete Viktor Frankl auch seiner ersten großen Liebe Tilly Grosser, einer Stationsschwester im Rothschild-Spital. Die beiden heira- teten Ende 1941 als letztes jüdisches Paar in Wien. Nach ihrer Trauung gab es eine bescheidene Hochzeitsfeier nur zu sechst in der Frankl-Wohnung. Auf dem Foto, das damals entstand, sind auch Hubert Gsur und seine Frau Erna zu sehen.

Die Vernichtungsmaschinerie der Nazis war damals längst angelaufen. Die noch in Wien verbliebenen Juden mussten den markanten gelben Stern mit der Aufschrift »Jude« sichtbar auf ihrer Kleidung tragen. So auch Viktor Frankl. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben war Juden untersagt, auch Bergtou- ren waren strengstens verboten. Nicht nur sie lebten unter dem Damoklesschwert der Deportation – auch Menschen, die ihnen Schutz boten, drohte Gefahr. Anonyme Anzeigen, etwa durch missliebige Nachbarn, konnten ausreichen, selbst »Arier« ins KZ oder unter das Fallbeil im Hinrichtungsraum des Wiener Landesgerichts zu bringen. In der Angststarre dieser Jahre ging Frankl seiner Arbeit als Arzt im Rothschild-Spital nach – und immer wieder das beträchtliche Risiko ein, Diagnosen für psy- chisch Kranke so zu verfälschen, dass diese Hitlers Euthanasie- programm entgingen. Frankl und seine junge Frau Tilly traf die Ideologie dieser Zeit bald nach ihrer Hochzeit mit ihrer ganzen Härte: Tilly musste ihr gemeinsames Kind, sie hätten es so gerne Marion oder Harald genannt, abtreiben lassen. Die einzige Al- ternative zu einem Schwangerschaftsabbruch wäre die Deporta- tion ins Konzentrationslager gewesen.

Wir, die im Nachstieg Viktor Frankls und seiner Generation leben, können die Schrecken von damals nicht einmal erahnen. Bergtouren waren für Frankl stets eine so ergiebige Quelle in- nerer Freude gewesen. 1941 hatte er bereits mehr als ein volles Jahr verstreichen lassen müssen, ohne den Fels unter seinen Fingerkuppen zu spüren. Denn er wagte es nicht, gegen die be- stehenden Rassengesetze zu verstoßen. Seine Sehnsucht ließ ihn immer wieder von den Bergen träumen, bis zum besagten Tag, an dem sein bester Freund Hubert Gsur zu ihm sagte: »Pass auf, Vikerl, du reißt dir den Judenstern vom G’wand und wir gehen morgen auf die Hohe Wand klettern.« Um keinen Verdacht zu erwecken, trug Gsur bei der illegalen Tour seine Wehrmachts- uniform. Sie überhaupt zu unternehmen, war für beide Kletterer viel riskanter als die Route selbst.

Deren genaues Datum ist weder bekannt noch wichtig. Ent- scheidend war, wie diese Klettertour auf der Hohen Wand die Freundschaft der beiden Männer vertiefte und Frankl Kraft gab. Denn die Erinnerungen an diese drei, vier Stunden am Kanzel- grat ließen ihn im Konzentrationslager das lebensgefährliche Fleckfieber überstehen, indem er die Route im Geist wieder und immer wieder kletterte und sich vorstellte, wie er in Zukunft wieder durch Felswände steigen würde. Damit verhinderte er, dass er in der Nacht einschlief und so der Krankheit erlag. Was Frankl in dieser lebensbedrohlichen Phase nutzte, war die »Selbstdistanzierung«, eine von ihm entwickelte Methode aus der Logotherapie, die der Fähigkeit gleichkommt, psychischen oder körperlichen Leiden gegenüber geistig in Opposition zu ge- hen oder auch eine positive Zukunftsvorstellung zu evozieren.

Sein Leben lang berührten ihn die Zivilcourage Hubert Gsurs und dieser besondere Moment, als er damals ohne Judenstern am Fuß der Hohen Wand stand, zutiefst: »Als ich damals wie- der den Fels in meinen Pratzen gespürt habe, da habe ich ihn geküsst«, beschrieb er die Bedeutung dieser Glückserfahrung in- mitten des kollektiven Wahnsinns. Es sei einer der emotionals- ten Momente seines Lebens gewesen.

Das Momentum des Kletterns liegt immer im Entschluss, sich auf die Unwägbarkeiten der Elemente einzulassen. Zu den Un- wägbarkeiten des Berges kamen damals 1941 noch jene der Zeit: das Seil als Verbindung zwischen zwei Männern, als Symbol für die Verbindung mit dem Leben, mit dem Überleben – und damit als Symbol für die Verantwortung innerhalb einer Seilschaft.

Nach jenem gemeinsamen Bergerlebnis sollte Viktor Frankl und Hubert Gsur nicht mehr viel Zeit bleiben, ihre Freundschaft zu pflegen. Der Tag der Deportation hatte sich durch Frankls Tätigkeit als Arzt im Rothschild-Spital und andere glückliche Zufälle hinausgeschoben, Ende September 1942 war er jedoch für ihn, seine Eltern, seine Frau und deren Mutter gekommen. Frankl blieb gerade noch Zeit, einem freundlichen Nachbarn in der Czerningasse 6 zu sagen, er könne sich aus der Wohnung nehmen, was er wolle: das 30-Meter-Kletterseil, zwei Floretts, ei- nen Egon-Schiele-Druck, den er einmal erstanden hatte, und die Bücher. Mehr besaß er ohnehin nicht.

Sammelplatz für die Deportation war das Sperlgymnasium, seine ehemalige Schule. Auf diese Reise ins Ungewisse nahm Vik- tor Frankl als persönlichsten Wertgegenstand nur sein geliebtes Bergführerabzeichen mit. Das Original seines Buchmanuskripts von »Ärztliche Seelsorge«, in dem er die Grundelemente der Lo- gotherapie mit einer alten Schreibmaschine niedergeschrieben hatte, war in den Saum seines Mantels eingenäht. Zwei Durch- schläge auf Kohlepapier hatte er noch bei Freunden in Wien hin- terlegt, falls die Originalfassung verloren gehen sollte, was in der Desinfektionskammer des Konzentrationslagers Auschwitz dann tatsächlich passierte.

Einer dieser Durchschläge war der letzte, wenngleich indi- rekte Freundschaftsdienst, den Frankl Hubert Gsur erweisen konnte: Denn der Wehrmachtssoldat gehörte der Widerstands- gruppe 40 an, die sich aus als Fremdarbeiter getarnten Kom- munisten zusammensetzte, die noch während des Krieges aus Frankreich nach Österreich zurückgekehrt waren. Frankls Ju- gendfreund und Seilgefährte wurde mit seiner Frau Erna am 28 August 1943 von der Gestapo verhaftet. Die Anklage: Gsur hätte einen Vervielfältigungsapparat instandgesetzt und illegale kommunistische Flugblätter hergestellt. Erna Gsur wurde nach Auschwitz deportiert und überlebte. Ihr Ehemann wartete im Wiener Landesgericht 60 Wochen lang auf seinen Prozess – am 26 Oktober 1944 wurde er wegen »Vorbereitung zum Hochver- rat« und »Wehrkraftzersetzung« schließlich zum Tode verurteilt. Nach der Urteilsverkündung gelang es einem gemeinsamen Freund, Frankls fast fertiges Manuskript in die Todeszelle von Hubert Gsur zu schmuggeln. Es soll ihn getröstet und zu einem letzten Gedicht inspiriert haben, das er »Abschied« nannte. Die erste Strophe: »Nun bin ich nur noch eine kleine Weile auf eurem Weg. Schon schweigt der erste Stern. Und wie ich noch mit eu- rem Schatten eile, bin ich euch schon um tausend Träume fern.« Hubert Gsur wurde am 5. Dezember 1944 im Keller des Wiener Landesgerichtes enthauptet – wie 600 andere Widerstandsange- hörige, die in den Jahren 1938 bis 1944 durch das Fallbeil den Tod fanden.

Viktor Frankl selbst erfuhr erst etwa ein halbes Jahr später, nach seiner Befreiung aus dem KZ und seiner Rückkehr nach Wien, vom tragischen Schicksal seines besten Freundes. »Die Besten haben nicht überlebt« – mit diesem Satz nahm er immer wieder Bezug auf Hubert, dem er sein Buch Die Existenzana- lyse und die Probleme der Zeit widmete. Mit Gsurs Witwe Erna gab es hingegen nach dem Krieg ein Wiedersehen, die Freund- schaft bestand über viele Jahre weiter. Die Seilschaft, die Viktor Frankl und Hubert Gsur verbunden hatte, hielt in Gedanken ein Leben lang.