Kapitel 06 Der Dachstein oder die Ambivalenz der Aussöhnung Berg Und Sinn

»Wenn ich es mir aussuchen kann, ob mich die Leute bis Passau kennen – oder ab Passau, dann nehme ich Zweiteres.« Viktor Frankl

Das Leben ist eine Bergtour durch viele Ebenen und ab- schnittsweise kein Spaziergang. Im Nachstieg der Generationen sind wir Erstbegeher auf unserem persönlichen Entwicklungs- weg, im Vorstieg aller, die nachkommen. Ist unser Lebensweg vorgezeichnet? Das wissen wir nicht. Wir gehen vorausschau- end und verstehen rückblickend: Schritt für Schritt bewegen wir uns über einen schmalen Grat unserer Entscheidungen, der das endlose Panorama aus Gegensätzen und Widersprüchen in uns und in der Welt durchzieht. Immer wieder geraten wir auf ihm aus dem Gleichgewicht und gewinnen dadurch an Trittsicher- heit im permanenten Wechselspiel zwischen »entweder – oder« und »sowohl – als auch«. Vielleicht zieht es uns deshalb in die Berge: weil sie uns beibringen, die Ambivalenz als Bedingung des Lebens leichter zu akzeptieren.

Berge ermöglichen uns große, ja unvergessliche Momente: im ersten zarten Morgenlicht auf einem Gipfel zu stehen, den fri- schen Atem der Natur im Gesicht zu spüren, während wir dem Alltäglichen entsteigen. Dort oben, in den Felsen, dort können wir über uns hinauswachsen, scheinbar Unmögliches möglich werden lassen, Schlüsselstellen meistern, innere Widerstände überwinden. Und wenn wir uns am Ziel einer erfolgreichen Tour dankbar in die Arme fallen, ist alles gut, und wir spüren, wie schön das Leben ist.

Die Berge lehren uns auch, dass unser inneres Idealbild nicht immer deckungsgleich mit der äußeren Wirklichkeit ist. Sie sind keine künstliche Studiokulisse romantisch-kitschiger Heimat- filme, in deren Abspann immer »Happy End« steht. Nie gibt es als Gegenwert zum Risiko eine Garantie für ein wohlbehaltenes Nachhausekommen. In der alpinen Natur kann sich aus dem Nichts die Sonne verdüstern und unsere Routen zu tückischen Labyrinthen machen; wir können uns im Nebel verirren, in Ge- witter geraten, von Steinen getroffen werden, abstürzen oder uns wegen Nichtigkeiten mit Gefährten überwerfen. Die His- torie des Bergsteigens ist voller Lehrgeschichten für das Leben. Sie zeigt, wie eng Triumph und Tragödie in jedem Moment bei- sammenliegen, wie glorreiche Erstbegehungen durch minimale Unachtsamkeit oder einfach »Pech« plötzlich im Desaster enden und wie Menschen – trotz ihrer Erfahrung, ihres Könnens, ihrer Umsicht, ihres Engagements, ihres Willens, ihres Optimismus – tragisch scheitern können.

Die Ambivalenz, der wir zwischen Himmel und Abgrund ausgesetzt sind, ist unmittelbarer als jene im Tal. Diese Ehrlich- keit ist es, die wir an Bergen lieben, weil sie uns die Konsequen- zen unserer Entscheidungen und unseres Handelns unmittel- bar rückmelden und uns so mit unserer Eigenverantwortung in Kontakt halten. Quid pro quo, dies für das: Die alpine Natur kennt und akzeptiert nur das Gesetz von Ursache und Wirkung. Ist es kalt und wir haben keine Jacke, frieren wir. Verlieren wir uns in Gedanken und sind unaufmerksam, stolpern wir. Sind wir nachlässig gesichert und stürzen, sterben wir. So einfach ist es in den Bergen.

Haben wir unsere Tour gut geplant, ist zumindest klar, wo- hin der Weg führt. Wir müssen beim Klettern also »nur« den Einstieg finden, »nur« den ersten Schritt machen, und können uns dann einer bereits erkundeten Linie anvertrauen. Unsere Wahlmöglichkeiten beschränken sich auf Wesentliches. Diese Einfachheit ist eine Sehnsucht, die uns wieder und wieder in die Berge treibt. Die Variablen des Lebens sind dort oben auf unser Können, auf Wind und Wetter und das gute Zusammenspiel mit unserem Seilpartner reduziert. Klar: Auch im alpinen Kosmos müssen wir agieren, reagieren, funktionieren, wir müssen bereit sein, Risiko zu nehmen und uns manchmal bewusst dagegen entscheiden, weil unser Leben und unsere Gesundheit auf dem Spiel stehen. Doch unterm Strich sind Gefahren und Chancen in der Höhe klarer auszumachen als in unserem Alltag, wie er in zahllosen Grauschattierungen zu ebener Erde stattfindet.

Keine von Viktor Frankls Touren macht die Ambivalenz zwischen Berg und Tal deutlicher als jene durch die Südwand des 2995 Meter hohen Dachsteins. Es ist unsere sechste Destination der alpinistischen Spurensuche, und hier spüren wir eine neue, größere Dimension im Frankl’schen Alpinuniversum. Bisher fielen unsere Touren in seinem Nachstieg immer in die Kategorie »Tagesausflug auf die Wiener Hausberge«. Der Dachstein hinge- gen ist für uns schon eine kleine Expedition. Anreise am Vortag, um vier Uhr früh aus dem Bett, weil knappe zwei Stunden Zu- stieg und mehr als 20 Seillängen an Kletterei auf uns warten. Mit den Wiener Hausbergen liegt der Dachstein zwar geologisch auf einer Linie, er überragt sie aber in der Höhe gleich um ein Drittel! Er ist der Publikumsstar unter den heimischen Bergen: Ein Be- liebtheitsranking der Austria Presseagentur reiht den Dachstein zum größten unter 2000 Bergen, obwohl er gar nicht der höchste ist – auf keinen anderen nehmen Menschen in ihren Beiträgen in Sozialen Medien mit hunderttausenden Postings, Selfies und Hashtags dermaßen begeistert Bezug. Das liegt am besonderen Charisma dieses Gebirgsmassivs und an seiner Vielschichtigkeit: Ganz im Westen, noch im Bundesland Salzburg, hebt es mit der Bischofsmütze an, findet im Hohen Dachstein seine Krönung und läuft 30 Kilometer weiter im Osten mit dem Stoderzinken aus. Während im Norden, in Richtung des oberösterreichischen Seengebiets, Gletscher mit Felsgraten und ein Karstplateau be- stimmend sind, bricht das Dachstein-Gebirge auf steirischer Seite, nach Süden hin, bis zu 1000 Meter tief ab. Der Gipfel des Massivs ist vom Gosaugletscher aus über den Westgrat im Jahr 1832 erstmals bestiegen worden. Um Gästen dessen Besteigung zu erleichtern, organisierte der aus Böhmen stammende, in Wien lebende Geograf Friedrich Simony, der »Dachstein-Professor«, 1877 den Bau von Versicherungen bis ganz nach oben. Verwegene Kletterer aber beschäftigte schon zu dieser Zeit vor allem die Fra- ge, ob auch ein Weg durch die Dachstein-Südwand möglich sei.

Wer direkt vor dem Hohen Dachstein auf dem Parkplatz der Hunerkogel-Seilbahn steht, muss den Kopf weit ins Genick wer- fen, damit er dieses unfassbar mächtige Felsschild überblicken kann. Es sieht im Jahr 2019 wohl nicht weniger einschüchternd und fordernd aus als in früheren Zeiten. Aber es sind einfache, klare Herausforderungen, mit denen uns die Wand konfrontie- ren wird. Quid pro quo, dies für das, Schritt für Schritt.

In Viktor Frankls Biografie steht das so geschlossen wirken- de Massiv hingegen als Symbol dafür, wie das Komplexe, Viel- schichtige und Verworrene aus den Tälern und Städten auf die Berge kommt. Wie Berge Menschen auch entzweien, verletzen und gegeneinander aufwiegeln können. Dass uns Bergsteigen nämlich an sich zu besseren, geläuterten Menschen machen würde, ist eine romantische Vorstellung, die in der Realität leider nicht hält. Genauso wenig treffen einander dort nur Menschen, die ihre Liebe zu den Bergen verbindet und ihre gemeinsame Begeisterung für das Klettern im Herzen eint. So einfach war es nie, ist es nicht. Bestenfalls bieten uns Berge eine Chance, mit den Widersprüchen in uns selbst gelassener umzugehen. Am Berg fällt – und er selbst war dafür der beste Beweis – die Frankl′sche Selbstdistanzierung leichter, eine stellare Perspektive zu unserer terrestrischen Position einzunehmen. Genauso stimmt aber: Wo immer wir hingehen, nehmen wir uns selbst mit – mit allen Nö- ten, die wir in uns tragen, mit unseren Ängsten, Schmerzen und Zweifeln. Bergsteigen ist vieles, eine Therapie ist es nicht. Auch dafür ist der Dachstein ein Symbol.

Noch in der Dunkelheit kurven wir die Mautstraße hinauf zur Talstation der Hunerkogel-Seilbahn. Wir sehen die giganti- sche Wandflucht, die allein zwischen dem Torstein im Westen und dem Koppenkarstein im Osten sechs Kilometer breit ist, nur in ihren Umrissen. Im Schein der Stirnlampe sortieren wir auf dem großen Parkplatz auf 1700 Meter Höhe unsere Ausrüstung. Beim Packen sind wir akkurater als sonst, nehmen bloß das Al- lernötigste mit, um ja nicht unnützes Gewicht zu schultern: Vor uns liegen ein steiler Weg und ein langer Tag. Wir sprechen nicht, atmen nur im Takt dieses Meditativen, das auch Frankl so liebte, wenn er zu Klettertouren zustieg. Als wir in der kühlen Morgen-luft die Südwandhütte passieren, herrscht drinnen noch Nacht- ruhe. Ein zartes Rosa am Horizont kündigt den beginnenden Tag an. Gut so, denn der Weg wird alpiner, braucht bald den Einsatz von Füßen und Händen. Den Pfad zum westlich ansetzenden »Steinerweg« lassen wir links liegen, auch der Startpunkt des»Johann« ist nicht unserer. Was hatte dieser Klettersteig durch die Südwand in den späten 1990er-Jahren doch für hitzige Dis- kussionen entfacht! Entweihung und Untergang des klassischen Bergsteigens waren – wieder einmal – befürchtet worden. Dank des durchgehend versicherten Eisenweges war die elitäre Dach- stein-Südwand demokratisiert worden, nun konnte sie »jeder« durchsteigen. Dabei haben Elitegedanken noch nie zu etwas Gu- tem geführt. Und schon gar nicht hier auf dem Dachstein.

Über seine Historie lässt sich nämlich auch jene von jüdi- schen Bergsteigern wie Viktor Frankl im Alpenverein nach- erzählen und nachvollziehen. Das Dachstein-Massiv liegt im Norden der Steiermark, im Süden Oberösterreichs, im Osten Salzburgs – aber in der Pionierzeit war die alpine Welt ein Dorf, besser gesagt: ein Wiener Vorort. Drei Stundenten haben in Wien mit dem Österreichischen Alpenverein den ersten Bergsteiger- verband auf europäischem Festland gegründet. Erst sieben Jah- re später entstand in München, damals der alpine Kontrapart zu Wien, der Deutsche Alpenverein, 1873 kam es zur Zusam- menführung beider Vereine, bis 1945. Gute jüdische Bergsteiger waren in den großen Sektionen von Anfang an vertreten. Wer meint, dass deren Ächtung und Ausgrenzung erst im Jahr des Zusammenschlusses von Deutschland und Österreich begonnen hätte oder vielleicht schon 1933 mit der Machtübernahme Adolf Hitlers, irrt. Der Keim des Antisemitismus trieb im Alpinismus schon vor der Jahrhundertwende aus: Die Akademische Sektion Graz unternahm 1891 als Erste den Vorstoß, in ihren Statu- ten einen »Arier-Paragrafen« zu verankern, der die Aufnahme jüdischer Mitglieder verhindern sollte. Da der Zentralausschuss in Wien das nicht billigte, benannten sich die Steirer einfach in »deutsch-akademische Sektion« um, was jüdische Studenten von vornherein abhalten sollte, überhaupt um Aufnahme an- zusuchen. Zunächst wurden Versuche, im Alpenverein einen »Arier-Paragrafen« festzuschreiben, von liberalen Kräften abge- blockt. Das Hadern mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg und die Suche nach Schuldigen dafür öffneten dem antisemitischen Ge- dankengut jedoch wieder Tür und Tor. Aus dieser Situation her- aus entstand ein Dominoeffekt der Verfemung: 1920 wurde den Alpenvereinssektionen ein Ausschluss von »Nicht-Ariern« zuge- standen, viele unter ihnen – bizarrerweise vor allem solche, die ohnehin nie Juden in den Reihen gehabt hatten – machten davon Gebrauch. Als schließlich auch in der Sektion Austria, der Grün- dungszelle des Alpenvereins und Inhaberin der ältesten Hütte auf dem Dachstein, beschlossen wurde, die jüdischen Mitglieder auszuschließen, fiel eine große Bastion der Menschlichkeit.

Besonders unrühmlich hatte sich dabei ein gewisser Eduard Pichl als erster Vorsitzender der Sektion, hervorgetan. Dabei hätte dieser athletische Mann als Alpinist durchaus nach Vik- tor Frankls Geschmack sein können: Der 1872 geborene Wie- ner war kräftig, kühn, ein Pionier am Fels. Obwohl er erst mit 22 Jahren zum Klettern gefunden hatte, hinterließ er in prak- tisch jedem Gebirge, das er erkundete, ein Vermächtnis an Erst- begehungen: auf der Rax den Akademikersteig, im Gesäuse die Planspitze-Nordwand, in den Dolomiten die Langkofel-Nord- kante, am Ortler den Rothböckgrat. Selbst am Mont Blanc eröff- nete er einen neuen Weg vom Dôme-Gletscher. Das war die eine Seite Edmund Pichls. Die andere war seine Verblendung. »Pichl hat im Bergsteigerleben und in den alpinen Vereinen, denen er angehört, allzeit in Wort und Schrift den deutschen Gedanken betont und gilt als einer der Hauptvertreter des deutschvölki- schen Gedankens im Alpenverein.« Dieser Satz entstammt nicht dem Bericht einer Historikerkommission, nein: Pichl, als Student schlagender Burschenschafter, selbst hatte sich als Mitautor des Buches Wiens Bergsteigertum auf diese Weise verewigt. Wie Hitler verehrte er den Nazi-Vordenker Georg von Schönerer, verfasste über diesen eine sechsbändige Biografie und förderte deutsch- nationale, sogar paramilitärische Vereinigungen. Wie tief Pichl verstrickt war in seinem völkisch-rassistischen Gedankengut, zeigte sich während seiner Internierung im russischen Kriegs- gefangenenlager Krasnojarsk als Soldat des Ersten Weltkrieges: Er gründete dort einen Turnverein, dem allerdings nur »arische« Kriegsgefangene angehören durften.

Unter ihm hatten Juden keine Zukunft mehr in »ihrer« Sek- tion Austria. Also gründeten sie die Sektion Donauland des Al- penvereins für nichtarische Mitglieder und alle, wie im Antrag stand, »die mit der Tendenz und dem Hineintragen der Politik in die alpinen Vereine nicht einverstanden sind«. Pichl reagierte postwendend: »Unsere Mitglieder mögen versichert sein, dass die Angelegenheit ›Donauland‹ nicht eher zur Ruhe kommen werde, als bis sie in unserem, also in deutschem Sinn erledigt sein werde.« Gemeinsam mit Getreuen ließ er nicht locker, grün- dete 1922 im Alpenverein den Deutsch-Völkischen Bund, dem sich – die Welle des Bösen baute sich immer rasanter auf – die meisten österreichischen und Münchner Sektionen anschlossen. Irgendwann hatten sich die extremistischen gegen die liberalen Kräfte im Alpenverein vollkommen durchgesetzt, die Sektion Donauland wurde verbannt. Der Aufschrei in den Medien mit Schlagzeilen wie »Der Terror hat gesiegt« oder »Eine Kultur- schande« verhallte. Auch die Mahnung von Johann Stüdl, dem prominenten Ehrenmann des österreichischen Alpinismus und Ehrenmitglied der Sektion Donauland, vom »Fluch der bösen Tat« führte zu keinem Umdenken. Ausgerechnet der eigentlich parteilose Alpenverein fungierte als ein »Vorreiter des Antise- mitismus«, wie Martin Achrainer, dessen heutiger Archivar, in einer Rückschau vermerkt – die offene Aufarbeitung der ambi- valenten Alpenvereinsgeschichte erfolgte erst Jahrzehnte später.

Die beschriebenen Vorkommnisse mit all ihren Verbindun- gen und Verstrickungen liegen lange Zeit zurück. Doch sind sie eine geistige Landkarte des Gebiets, in dem wir unterwegs sind, und geben ihm einen historischen Hintergrund.

Kalt ist es hier, diese mächtige Wand hat einen kühlen Atem – selbst im Sommer. Aus dem meditativen Hinaufspazieren ist ein achtsames Zusteigen im hochalpinen Gelände geworden. Mehr als eineinhalb Stunden sind wir schon unterwegs. Passagenwei- se sind wir etwas langsamer gegangen, um uns immer wieder gedanklich auszutauschen und auf die biografisch-räumliche Verortung einzulassen.

Wir sind fast da. Umso mehr gilt es vorsichtig zu sein: Erst diesen Sommer hat beim Zustieg zur Südwand eine Schnee- brücke unter einer guten Bekannten von uns – einer versierten Alpinistin, die alle Viertausender der Alpen bestiegen hat – nachgegeben. Tausendmal ist nichts passiert … und dann: zum Glück nur eine Platzwunde und ein paar blaue Flecken. Es gibt hier oben keine Garantie, nie. Auch die Schneefelder sind noch da und durchgefroren. Sie kennen kaum ein Sommerloch und sind tückisch. Wir holen die leichten Alu-Steigeisen aus unseren Rucksäcken, um sicher queren zu können, und nutzen die Pause, um genau zu rekapitulieren, unter welchen Begleitumständen Viktor Frankl vor 82 Jahren diese Stelle bei seiner Dachstein-Be- steigung passiert hat.

Rudi Reif ist einer von vielen ambitionierten jüdischen Berg- steigern, die vom antisemitischen Schwenk des Alpenvereins persönlich betroffen waren. Entmutigen ließ er sich davon nicht. Nach dem politischen Verbot der Naturfreunde 1934 während des Austrofaschismus wechselte auch Frankl in den »Alpenver- ein Donauland«, der seit 1925 Rückzugsort und alpinistisches Exil für Alpinisten in der Heimat war. Dort tat Rudolf Reif hauptberuflich genau das, was er schon in der vormaligen Sek- tion Donauland getan hatte: Er gab dem Zusammenschluss von Bergbegeisterten über einen starken Geist der Gemeinschaft den Charakter einer Verschworenheit. Er bot Kletterkurse an, grün- dete eine Vereinigung für Hochtouren und unternahm mehr als 100 Sektionstouren pro Jahr.

Wie die Auswertung der Tourenbücher aus seinem Nach- lass ergab, war Reif 1927, 1928 und Anfang Oktober 1937 auf dem Dachstein gewesen. Für die Rekonstruktion relevant ist der Herbst 1937: Die Dachstein-Tour, auf die sich Viktor Frankl in der Auflistung alpinistischer Höhepunkte immer wieder bezog, kann nur zu einem Zeitpunkt stattgefunden haben, als er be- reits als Facharzt am Steinhof arbeitete, in der Wohnung seiner Schwester eine Privatordination eröffnet hatte und Bergführer- anwärter war. Uns fehlte nur lange das letzte Puzzlestück, wir wussten nicht, welche Tour genau die beiden gegangen waren: den 850 Meter langen Direktdurchstieg der Südwand, den die Ramsauer Brüder Georg »Irg« und Franz Steiner im Jahr 1909 geschafft hatten, oder den kürzeren und leichteren Weg durch

Tour der Ambivalenz: Auf dieser Postkarte ist der »Pichlweg« durch die Dach- steinsüdwand eingezeichnet, den Viktor Frankl 1937 mit Rudi Reif geklettert ist.

den Ostteil der Wand? Auf der Suche nach Informationen fand Alexander Vesely, der in den USA lebende Filmemacher und En- kelsohn Viktor Frankls, eine alte Dachstein-Postkarte ohne Da- tum. Dafür hatte sein Großvater darauf die Route eingezeichnet, die er 1937 im Rahmen seiner Bergführerausbildung mit Reif geklettert war. Wieder zeigt sich die Ambivalenz der Alpinge- schichte: Auch der zweite Klassiker durch die Dachstein-Süd- wand ist nach seinem Erstbesteiger benannt – nach Eduard Pichl.

Das mussten wir erst einmal sacken lassen. Die ausgegrenz- ten jüdischen Bergsteiger Viktor Frankl und Rudi Reif wählten ausgerechnet jenen Weg, den der erbitterte Antisemit eröffnet hatte? Das wirft natürlich Fragen auf: War Frankl damals – wie man heute sagen würde – so »schmerzbefreit«? Gab es 1937 das heute gängige Verständnis politischer Korrektheit nicht, eine Tour, die einem deklarierten Gegner zugeordnet war, selbstver- ständlich nicht zu gehen? Die Tour des Wiener Bergsteigers, den nichts mehr umzutreiben schien, als jüdische Alpinisten aus den Bergen zu jagen? Nun: So einfach ist es nicht und war es nie. Viktor Frankl, mit seinem differenzierten altruistischen Blick auf Menschen und ihre seelischen Ambivalenzen mit Stärken und Schwächen, hätte auf solche Fragen wohl nicht knapp mi »Ja« oder »Nein« geantwortet – sondern das »Sowohl-als-auch« gesehen. Möglicherweise hätte er sogar Positives zu Pichl ins Treffen geführt: Immerhin hatte der zu verhindern geholfen, dass nach dem Ersten Weltkrieg Bergsteiger dauerhaft aus dem Rax-Schneeberg-Gebiet ausgesperrt worden waren – was auch Frankl persönlich hart getroffen hätte. Oder Pichls Idee, ehema- lige Frontsteige in den Karnischen Alpen als touristische Wege zu nutzen – der beliebte Karnische Höhenweg existiert bis heute. Oder seine alpinistische Lebensleistung insgesamt. Was Viktor Frankl auch immer durch den Kopf gegangen sein mag, als er mit der »Randkluft«, wie wir heute, den Einstieg zum Pichl- weg erreicht hatte, er verzichtete offensichtlich auf jede Geste der Aversion, ließ Pichl Pichl sein – vielleicht nach dem Motto: Was kann die Wand für ihren Erstbesteiger? Stattdessen bezog er sich auf den Sinnhorizont, der nun vor und über ihm lag, auf die Tour gemeinsam mit Rudi Reif.

Die startete gleich mit der Schlüsselstelle, einer Rissstruktur im vierten Grad, die wir komplikationslos meistern. Wir lösen damit die Eintrittskarte für genussvolle Seillängen, die dritte führt durch den »Schwarzen Kamin«, wieder so eine Analogie. Gut fünf Stunden werden wir mit den 700 Höhenmetern be- schäftigt sein. Die Sonne ist mittlerweile auf unserer Seite un wärmt den rauen Dachsteinkalk. Rund 120 Meter haben wir in der Vertikalen zurückgelegt, als wir in den »Pichlkessel« gelan- gen. Wir müssen uns jetzt auf die Linie konzentrieren. Hier wird die Tour ein wenig zu einer Rätselrallye für Erwachsene, und die Navigation erfordert Einfühlungsvermögen. Wir rasten, halten inne und blicken uns um. In dieser mächtigen Wand fühlt man sich sehr ausgesetzt und sehr geborgen zugleich. Was haben Frankl und Reif hier gesehen? Und was hat Pichl hier bewegt, als er mit 29 Jahren diese Route als Erster ging? Den pensionierten Hofrat des Münzamtes vermochte die Weite der Berge zeitlebens nicht aus der Enge seiner Geisteshaltung zu befreien: »Ich blicke zurück auf ein langes Leben, und stünde ich am Anfang dessel- ben, ich würde es wieder so leben wollen«, diktierte er in sein Testament. Zwei Monate vor Unterzeichnung des Staatsvertrags starb er am 15. März 1955 im Dachsteinhaus.

Wir bewegen uns weiter nach oben, hinauf zu diesem Wahr- zeichen Österreichs. Wir sind gut in der Zeit, und es ist wenig los. Den Jausenplatz, wir sind schon weit in der zweiten Hälfte der Tour, nützen wir wieder für Reflexionen. Denn in Wahrheit er- zählt diese Dachstein-Besteigung Frankls auf Pichls Spuren eine noch weitaus größere Geschichte. Österreichische Geschichte. Miteinander verbunden, bilden die alpinistisch-biografischen Bezugspunkte ein Fraktal, ein Teilelement, in dem sich das gro- ße Ganze in seinem Wesenskern widerspiegelt. Wie der Berg im Stein, der Baum im Blatt, das Meer im Tropfen, so changieren Irrungen und Katastrophen, Verdrängung und Verantwortung, Depression und Prosperität seiner österreichischen Heimat auch in Frankls Lebensgeschichte, die sich über neun wechselvolle Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts erstreckt hat. Über weite Strecken ist die größte Herausforderung dieser Heimat die Suche nach Identität inmitten der Ambivalenz der eigenen Geschichte geblieben. Und ob es uns bewusst ist oder nicht: Da- raus ist das Netz gesponnen, auf dem wir alle schwingen. Diese Ambivalenz bringt mitunter typisch österreichische Paradoxien hervor, etwa den eigenwilligen Umgang mit großen Töchtern und Söhnen. Echte Nähe zu ihnen vermag dieses Österreich – es sei denn, es handelt sich um Sänger simpler Texte oder Skifahrer – meist nur über die Distanz zu entwickeln. Sind sie entweder räumlich weit weg oder schon länger tot, dann erst öffnet sich für manche von ihnen das sentimentale rot-weiß-rote Gemüt. Bleiben sie allerdings, wie Frankl, selbst nachdem er vier Kon- zentrationslager überlebt und seine Familie verloren hatte, aus Liebe zur Heimat im Land, so hält es Große wie ihn auf eine subtile Weise klein. Bewusst unbewusst? Vielleicht.

Sein persönliches Schicksal als Überlebender, sein Umgang mit dem, was er in seinem Werk die tragische Trias aus Leid, Schuld und Tod nannte, verliehen Viktor Frankl Glaubwürdig- keit als Vorbild für den kompetenten Umgang mit einer schwie- rigen Geschichte. Trotz allem, was er durchgemacht hatte, wei- gerte er sich, sich selbst als stumme Anklage zu stilisieren. Er war überzeugt, dass es nach dieser historischen und persönli- chen Tragödie zwischen den Extremen von Verdrängung, Ver- leugnung und Verachtung nur einen gangbaren Ausweg geben konnte – die Aussöhnung über den Glauben an einen höheren Sinn. Diese Weltanschauung postulierte er, publizierte er, prak- tizierte er. In der Welt wurde das gesehen, in Österreich nicht. Eher im Gegenteil: Für seine differenzierte Sichtweise und seine kategorische Verneinung, wonach alle Österreicher in der Zeit des Nationalsozialismus einen kaum je wieder abtragbaren Berg an kollektiver Schuld auf sich geladen hätten, wurde er von den einen stumm ignoriert, von den anderen offen angefeindet. Denn mit Frankls Interpretation von persönlicher Integrität konnten hierzulande lange Zeit weder Täter noch Opfer umgehen. Nicht im Großen, wenn er in seinen authentischen Erfahrungsberich- ten beispielsweise vereinzelt von menschlichen SS-Leuten und unmenschlichen jüdischen Kapos sprach, nicht im Kleinen, wenn er seine Patienten an einen Facharzt-Kollegen überwies, wissentlich, dass dieser einmal NSDAP-Mitläufer gewesen war. Frankl sah im Menschen den Menschen, das ließ er sich als Hu- manist nicht nehmen. Und wenn er auf einen Menschen schaute, dann schaute er auf dessen Potenzial und nicht, wie es in der Psychotherapie lange Zeit üblich gewesen war – auf Defizite und Störungen. Das ließ er sich als Arzt und Therapeut nicht nehmen. Bei all dem war Frankl nie ein Ja-Sager, ein Diplomat oder ein Opportunist gewesen. Das ließ er sich als Mensch nicht nehmen.

Die Ambivalenz Frankl gegenüber zeigte sich deutlich, als Ärzte und Wissenschaftler nach der Besatzungszeit aus dem Exil auf ihre Posten und Lehrstühle nach Wien zurückkehrten. Frankl war keiner der Auserwählten im Kreis der Koryphäen, denen nunmehr Kliniken oder Forschungsfelder samt entspre- chender budgetärer Möglichkeiten – mitunter durchaus im Sin- ne angemessener Wiedergutmachung – überantwortet wurden. Giselher Guttmann, langjähriger Universitätsdekan für Philoso- phie und Psychologie, jener schon beschriebene Frankl-Freund, der ihm die Absolution zum Klettern verdankt, schildert diesen Umstand so: »Damals wurden von den Verantwortlichen nicht nur Steckenpferde für Kollegen geschaffen, das waren mitunter Brauereirösser.« Frankl war nie Teil dieses Establishments. Er mochte Menschen, respektierte Sachkompetenz, schätzte Un- terstützung – aber er verbog sich nicht und verleugnete nicht seine Überzeugungen, nur um den Preis, irgendwo dazuzuge- hören. Weder als junger »Auserwählter« seiner beiden Lebens- abschnittsmentoren Sigmund Freud und Alfred Adler hatte er das getan, noch irgendwann danach. Er war nie Mainstream ge- wesen, wie man das heute zu umschreiben pflegt, er ging seinen eigenen Weg – es blieb ihm in der Heimat auch nichts anderes übrig.

Seinen Lebensjob als Leiter der Neurologischen Abteilung in der Wiener Poliklinik hatte ihm, wie im Buch schon erwähnt, nach dem Krieg der Sozialdemokrat Bruno Pittermann ver- schafft. Auf Basis einer alten, persönlichen Freundschaft aus gemeinsamen Tagen in der Sozialistischen Schülerbewegung der Zwischenkriegszeit wohlgemerkt, nicht weil das offizielle Österreich ein Symbol der Wertschätzung für angemessen ge- halten hätte. Die chronische Zurschaustellung kaum verhüllter Ignoranz kann mit allem zu tun gehabt haben, außer mit Frankls fachlicher Exzellenz. Denn er schuf mit seiner Logotherapie und Existenzanalyse etwas, das außer Freud und Adler in österrei- chischen Fachkreisen niemand vorzuweisen hatte: eine Thera- pierichtung, die er, gewissermaßen als Start-up für Sinn und Seele, gemeinsam mit seiner Frau Elli als One-Couple-Show zu einem Welterfolg machte.

Seine Bücher waren längst internationale Bestseller in allen Sprachen, seine Logotherapie auf allen Kontinenten bekannt, die renommiertesten Universitäten rund um den Globus verlie- hen ihm Ehrendoktorate, und Medien weltweit berichteten über ihn, weil seine Sinnlehre Millionen Menschen aus ihrer Sinn- leere geholfen hatte. Doch selbst dann noch ließ man in Frankls Heimatstadt Wien die Arme distanziert verschränkt, anstatt we- nigstens leise zu applaudieren. Dabei hätte man diesen kleinen Mann mit seinem großen Geist wegen seiner Erfahrung und sei- ner Integrität gut brauchen können in dieser Republik, nicht zu- letzt auch für eine probate Aufarbeitung der ambivalenten Ge- schichte. Doch irgendwie passte dieser große Sohn Österreichs jahrzehntelang nicht so recht in dessen kleine Raster. Als Karl Schranz 1972 in Sapporo von den Olympischen Spielen wegen eines Verstoßes gegen Werbebestimmung ausgeschlossen wur- de, säumten bei seiner Rückkehr mehr als 100000 Menschen den Ballhausplatz. Über Viktor Frankl stand vier Jahre später, am 10 November 1976, eine Punktmeldung in der Arbeiterzeitung mit dem Titel »Endlich ein Preis für Frankl«. Der mit 100.000 Schilling dotierte Preis der Donaulandstiftung war – sieht man von einer Ehrung für Volksbildung (1956) und der Verleihung des Kardinal-Innitzer-Preises der Erzdiözese Wien ab, die ers- te relevante Anerkennung. Seit Frankl nach dem Krieg in Wien wieder neu angefangen hatte, waren 30 Jahre vergangen.

In den 1970er-Jahren steigerte sich die öffentliche Wahrnehmung Frankls in seiner Heimat ein wenig, blieb aber im We- sentlichen auf die österreichische Wertschätzungsrichtlinie von »Nicht geschimpft ist gelobt genug« beschränkt. Und selbst das nicht immer: Über die Beweggründe von Frankls Treffen mit dem einflussreichen deutschen Philosophen Martin Heidegger wurde viel moniert, wobei dessen antisemitische Gesinnung und Nazi-Kollaboration erst vor einigen Jahren publik geworden sind. Wäre es früher der Fall gewesen, ist trotzdem die Frage, ob das Frankl jemals von einem privaten Philosophicum mit Heidegger abgehalten hätte – wahrscheinlich nicht. Er sprach einfach gerne mit Menschen auf seinem intellektuellen Niveau. So wie er auch gerne in die Berge ging, in den Schutzhütten or- dinäre Lieder mitsang und einfach nur der Viktor war. So wieer den Pichlweg auf den Dachstein nicht aus Protest nicht ging. Außerhalb fachlicher Diskussion vergeudete er keine Zeit fürs Rechthaben, verstrickte er sich nicht in Kleingeistiges. Frankl äußerte sich nicht politisch und verzichtete prinzipiell auf Justa- ment-Gesten, auch wenn diese von ihm erwartet worden wären, wie das während der Waldheim-Affäre der Fall gewesen war. Als der spätere Bundespräsident während seiner Kandidatur für das höchste Amt im Staate 1986 von seiner Vergangenheit in der SA eingeholt wurde und es weltweite Protest gab, stand Frankl trotzdem zu ihm. Später nahm er das »Große Silberne Ehrenzei- chen mit dem Stern« von Waldheim an, anstatt – wie es von ihm gefordert wurde – abzulehnen. War Frankl solchen Vorgängen gegenüber naiv, gleichgültig oder stand er – als denkbar unpoli- tischer Mensch und kraft seiner Lebenserfahrung – einfach über den Dingen? Dass sein Verhalten bei seinen Kritikern mitunter nicht gut ankam, das nahm er hin. Genauso wie den Umstand, dass das öffentliche Interesse an ihm und seiner Arbeit hier in Österreich weitaus geringer war als sonst wo. »Wenn ich es mir aussuchen kann, ob mich die Leute bis Passau kennen – oder ab Passau, dann nehme ich Zweiteres«, sagte er einmal, und ein wenig Sarkasmus klang durch.

Freilich war auch Viktor Frankl, bei all seiner menschlichen Größe und Integrität, persönlich nicht völlig frei von Ambi- valenz. Von ihm das Bild des allumfassend Friedliebenden zu zeichnen, wäre zu einseitig, obwohl ihm die Fähigkeit zu hassen fehlte. Aber er konnte, ganz besonders im fachlichen Diskurs, auch streitbar sein, impulsiv und intensiv. Ein Beleg dafür fin- det sich beispielsweise in seiner Biografie »Dem Leben Antwort geben«, wo er an einer Stelle ausführt, was ihn motiviert hätte, eigene eigenständige Therapie zu entwickeln: »Wenn man abernach den letzten Ursachen und tiefsten Wurzeln, dem verbor- gensten Grund meiner Motivation, die Logotherapie zu kreieren, fragt, dann kann ich nur einen nennen, der mich dazu bewo- gen hat und unermüdlich weiterarbeiten lässt: das Erbarmen mit den Opfern des zeitgenössischen Zynismus, wie er sich in der Psychotherapie breitmacht, in dieser miesen Branche. Mit ›Bran- che‹ will ich das Kommerzialisierte andeuten und mit ›mies‹ das wissenschaftlich Unsaubere. Wenn die Leute vor einem sit- zen, die nicht nur psychisch Leidende sind, sondern durch die Psychotherapie Geschädigte, dann greift es einem ans Herz. Tatsächlich ist der Kampf gegen die depersonalisierenden und dehumanisierenden Tendenzen, die vom Psychologismus in der Psychotherapie ausgehen, ein roter Faden, der sich durch meine Arbeiten hindurchzieht.«

So klingt kein Angepasster, keiner, der Konflikte scheut oder Gegenwind fürchtet. So klang es, wenn Viktor Frankl Klartext redete – und jede andere Sprache war ihm fremd, egal, in wel- cher Fremdsprache er sich artikulierte. Seine geschliffene Rhe- torik, geschärft durch die Brillanz in Verknappung und Humor, eingepegelt im breiten Frequenzspektrum zwischen Enthusias- mus und Realismus, war sein mächtigstes Werkzeug. Das wusste er auch. Viktor Frankl hatte Ecken und Kanten, die Geradlinig- keit, oft Schonungslosigkeit, waren Teil seines Charakters. »Er war einer zum Gernhaben – nicht für alle, das habe ich an ihm besonders gern gehabt«, sagt Giselher Guttmann über seinen Freund. Und schildert eine Begebenheit, die sich einmal rund um den Weltkongress der Psychotherapie in Wien zugetragen hat. Frankl war damals als Keynote, als Hauptvortragender, groß angekündigt gewesen. Man schätzte, von 5000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus aller Welt würde die Hälfte nur anreisen, um den Altmeister zu hören. Doch dann passierte etwas, was dem Veranstalter einen herben Schock versetzte: Der Weltstar der Psychotherapie sagte kurzfristig ab! Daraufhin läutete das Telefon bei Giselher Guttmann, mit beschwörenden Bitten des Organisators, er, Guttmann, möge auf Frankl einwirken und ihn umstimmen. Guttmann: »Ich habe ihn gleich angerufen und ge- sagt: ›Viktor, das kannst du doch nicht machen, der ganze Kon- gress ist auf dich aufgebaut …‹« Die Antwort sei gewesen: »Das ist mir wurscht, Gisi. Ich habe schon alles tausendmal gesagt.« Er hätte seinen väterlichen Freund aber dann so lange und ein- dringlich gebeten, doch aufzutreten, bis dieser einlenkte: »Also gut. Aber ich halte keinen Vortrag, du interviewst mich«, willig- te Frankl ein. Legitimerweise wollte Guttmann wissen: »Viktor, was soll ich dir denn beim Kongress für Fragen stellen?« Die et- was grummelige Antwort: »Diese schon einmal nicht! Ich will mir das nicht überlegen. Wir setzen uns hin und reden einfach.« Einigermaßen ratlos wandte sich Guttmann, ein Freund der gan- zen Familie, hilfesuchend an Elli Frankl, die sofort den Familien- rat – also alle, mit Ausnahme ihres Mannes – einberief. »Wir sind einen ganzen Nachmittag gesessen und haben den Fragenkata- log zusammengestellt – das Thema nicht, das schon, das nicht. Es war sehr lustig. Jedenfalls haben wir es dann so gemacht, wie vereinbart. Ich habe Fragen gestellt, Viktor hat geantwortet, der Kongress war ein voller Erfolg und alle waren zufrieden.«

1987, als ihn der Alpenverein zum 125-Jahr-Jubiläum als Redner lud, da drohten im Vorfeld 40 Funktionäre an, den Saal zu verlassen. Frankl sprach, sagte philosophische Dinge über das Bergsteigen und nahm auch auf die antisemitischen Verstrickun- gen 60 Jahre davor Bezug. Mit dem für ihn typischen versöhnli- chen Fazit, dass auch im Alpenverein das Kollektiv nicht für das Fehlverhalten einzelner Funktionäre haftbar gemacht werden könne. Statt offenem Protest gab es stehenden Applaus. Erst ein weiterer Anlass, Frankls vielbeachtete Gedenkrede anlässlich des 50. Jahrestages von Hitlers Einmarsch, schien ihn den Ös- terreichern mehr ins Bewusstsein zu rücken. Am 15. März 1988 auf dem Wiener Rathausplatz stellte er die Bedeutung der Ver- söhnung einmal mehr in den Mittelpunkt seiner Worte. »Der Na- tionalsozialismus hat den Rassenwahn aufgebracht«, sagte der damals 83 Jahre alte Frankl. »Aber wenn ich Ihnen verraten darf, wie ich darüber denke, dann lautet meine Antwort so: Es gibt eigentlich nur zwei Typen von Menschenrassen, und das ist die Rasse der anständigen Menschen und die Rasse der unanstän- digen Menschen, und die Rassentrennung geht quer hindurch alle Nationen und innerhalb jeder Nation quer hindurch, durch alle Parteien und alle Gruppierungen sonstiger Art.« Für Viktor Frankl waren seine Äußerungen keine Anbiederungen an das offizielle Österreich, sondern entsprachen seiner tief humanisti- schen Grundhaltung. Dass er sich als Jude mit dieser Positionie- rung nicht nur Freunde machte, sondern harsche Kritik erntete, lag auch auf der Hand.

Warum gerade er den Mut aufbringe und sich öffentlich gegen pauschales Verurteilen wende, fragte ihn einmal ein Uni- versitätsprofessor, der ehemals Offizier bei der SS war, mit Trä- nen in den Augen: »Sie können′s nicht«, antwortete er ihm: »Sie würden pro domo sprechen. Ich aber bin der ehemalige Häftling Nr. 119 104, und als solcher kann ich es sehr wohl tun, und daher muss ich es auch tun.«

Der einstige Bundespräsident Rudolf Kirchschläger sagte über ihn, er halte ihn für den größten noch lebenden Österrei- cher. Was im Jahr 1995 darauf prompt eine – auf gut Wienerisch: »hatscherte« – Koinzidenz nach sich zog. Mit dem einzigen ös- terreichischen Politiker, der umstrittener war als seinerzeit Kurt Waldheim, mit Jörg Haider. Frankl, im fortgeschrittenen Alter von 90 Jahren, praktisch blind und auch sonst nicht bei allerbes- ter Gesundheit, hatte das Enfant terrible auf einer Veranstaltung kennengelernt – und just am selben Abend eine Kreislaufschwä- che erlitten. Haider kümmerte sich persönlich um den gebrech- lichen Professor, begleitete ihn ins Spital – man kann sich weder Erstbegeher noch Ersthelfer aussuchen. Ausgerechnet auf Betrei- ben Haiders setzte die FPÖ in Wien durch, was der regierenden Sozialdemokratie scheinbar in all den Jahren nicht von selbst in den Sinn gekommen war: Viktor Frankl die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. Es kam am Ende zu einer der typisch österreichi- schen Polit-Peinlichkeiten: Haider stand damals gerade wegen seiner Rede vor SS-Veteranen in Krumpendorf am Pranger. Wie es seine Art war, hielt er bei einem Fernsehauftritt effektvoll et- was in die Kamera – eine Buchwidmung Viktor Frankls: »Für meinen Freund Jörg Haider«. Er pflegte seine Bücher häufig in diesem Wortlaut persönlich zu widmen. Die Aufwallung nötigte den greisen Viktor Frankl zu einer öffentlichen Klarstellung: Er bedankte sich per Presseaussendung für Haiders Hilfestellung bei seinem Schwächeanfall, distanzierte sich aber von dessen Aussagen zur SS: »Man wird verstehen, dass ich nun nicht öf- fentlich Wortklaubereien darüber anstelle, ob es sich dabei nur um die Hilfsbereitschaft eines Bekannten oder schon um einen Beweis von Freundschaft handelte. Das wäre unwürdig für alle Beteiligten.«

In diese Kategorie fiel auch Frankls letzter Kontakt zum offiziellen Österreich. Seine Witwe Elli erzählt die Geschichte noch heute mit Entrüstung. Als Viktor Frankl spürte, dass sein Ende nahte, ließ er sich einen Termin beim damaligen Wiener Bürger- meister Helmut Zilk geben. Wie bekannt ist, war Zilk 1993 bei einem Briefbombenanschlag selbst Opfer eines rechtsradikalen Fanatikers geworden. Frankl kam in Begleitung seiner Frau in das Rathaus und fragte Zilk, ob denn seitens der Gemeinde Wien nach seinem Ableben geplant sei, seinem Werk und Wirken ein Andenken zu setzen, was der Bürgermeister laut Elli Frankl so kommentiert haben soll: »Herr Professor, jetzt simma uns ehr- lich: Wenn Sie die Augen zu machen, interessiert sich kein Hund mehr für Sie.« Frankl stand auf, bedankte sich für die Zeit, nahm Elli an der Hand und sagte im Stiegenhaus zu ihr: »Bitte ver- sprich mir, nie wieder in dieses Haus zu gehen.« Wie sich her- ausstellen sollte, lag Zilk falsch.

Die letzte Seillänge in der Südwand. Die Zeit im Pichlweg ist schnell vergangen. Vielleicht, weil diese Route so viel Geschichte hat und so viele Geschichten erzählt. Jetzt sind wir oben. Wir fal- len einander in die Arme. Inniger als sonst? Ein Panoramablick im warmen Licht, wenn die Sonne im Zenit steht. Das Leben ist gut. Von oben betrachtet, verändern die Dinge ihre Gestalt und man kann über sie hinaussehen.