Kapitel 08 Frankl und die Berge Ein Bietrag Von Ellizabeth Lukas Berg Und Sinn

Frankls Menschenbild

Genies sind nicht von Geburt an Genies. Sie entwickeln sich im Laufe ihres Lebens dazu. Wobei es nicht ihre Entwicklungsumstände sind, die sie zu Genies machen, sondern vielmehr ihr persönliches Geschick ist, ihre jewei- ligen Entwicklungsumstände auf konstruktive Weise zu nützen.

Bei Viktor E. Frankl gab es eine Menge Entwicklungsumstände, die ihn bei seiner Karriere als begnadeter Seelenarzt enorm hätten behindern können. Häusliche Armut, schmächtiger Körperbau, Antisemitismus, Wirt- schaftsflaute und nicht zuletzt zwei dramatische Weltkriege überschat- teten die erste Hälfte seines Lebens – und das ist eine lange Zeit. Doch Frankl schöpfte gerade aus diesen Faktoren Erkenntnisse, die sich für die Wissenschaftslehre der Psychotherapie als bahnbrechend erweisen soll- ten. Es gelang ihm nachzuweisen, dass der Mensch in jedem bewussten Augenblick aktiver Mitgestalter seiner Umstände und nicht bloß passi- ves Opfer seiner Umstände ist, und dass er daher stets eine Wahl hat, wie er mit seinen jeweiligen Lebenssituationen umgeht. Je sinnvoller solche Wahlen sind, je weltoffener und verantwortlicher er sie trifft, desto besser glückt sein Leben. Frankl richtete den Akzent der von ihm begründeten Therapierichtung »Logotherapie« darauf aus, ratsuchende und in Konflik- te verstrickte Menschen zu sinnvollen Wahlen zu motivieren.

Frankls »Gebirgsinspirationen«

Es kann schon sein, dass die Leidenschaft des jungen Frankl für das Bergsteigen und Klettern ihn zu seinen Theorien inspiriert hat. Hoch oben in den Felsen entscheidet jeder einzelne Schritt und Tritt, jede einzelne Handbewegung über den Fortgang des Unternehmens. »Sinnvolle oder weniger sinnvolle Wahlen« sind Herren über Leben und Tod. Ausreden auf missliche Umstände wie glatte Wände oder schlechtes Wetter nützen dem Kletterer gar nichts. Gefährliche Gletscherspalten, Stürme und Kälte sind eben sorgfältig einzukalkulieren, und Risiken sind rechtzeitig zu minimie- ren. Die Frage, ob eine bestimmte Tour für eine bestimmte Person sinnvoll ist oder nicht, muss mit Vernunft und Gewissen verhandelt werden. Es ist nicht viel anders als im normalen Alltag, nur steht mehr auf dem Spiel. Aber auch inmitten unserer täglichen Routine muss immer wieder neu entschie- den werden, was jetzt gerade zu tun oder zu unterlassen ist, was der Au- genblick von uns verlangt. Wer sich dem verwehrt, stürzt leicht ab …

Frankls Kritik an Sigmund Freud

Es ist kein Wunder, dass der junge Frankl in den frühen 1920er-Jahren von den Thesen Sigmund Freuds, dem damaligen »Psychotherapiepapst«, abgerückt ist, obwohl dieser die Begabung Frankls erkannt hat und ihn zu fördern geneigt war. Doch zwischen beiden, dem alternden und dem auf- strebenden Genie, stand der Pandeterminismus wie ein unüberbrückbarer Abgrund. Für Freud gab es praktisch weder freie Wahlen noch Sinn. Die Qualität der erlebten Kindheit und Triebgeschichte determinierte Freuds Meinung nach eines Menschen Schicksal, und »wer nach Sinn fragte, war seelisch krank«. Es klang, als würde man behaupten, dass der Start eines Bergsteigers Allmacht habe über dessen weiteren Weg und es folglich illu- sorisch wäre, nach passenden Routen zu suchen. Die Startvariablen wür- den den Bergsteiger unweigerlich einholen. Dem widersprach Frankl vehe- ment. Schlechte Ausgangsbedingungen sind zwar bedauerlich, so Frankl, aber in fast jedem Hier und Jetzt kann der bedächtige Bergsteiger noch eine Route finden, die ihn an das Ziel bzw. heil nach Hause bringt.

Frankls Konzept zur Angstbewältigung

Frankl entwarf das Menschenbild des »unbedingten Menschen«, der sei- nen Bedingungen trotzen kann, wenn es nottut. Wohlgemerkt: kann und nicht muss. Zum Beispiel war es bezüglich Frankls Höhenangst klug, ihr Widerstand zu leisten. Hätte er sie wuchern lassen, hätte sie ihm viele vergnügte Stunden in seinen geliebten Bergen verdorben. Sie hätte ihm schöne und triumphale Erfahrungen geraubt und sein Leben beschwert. Solche unnötigen und einer Sachlage nicht angemessenen Ängste be- zeichnet man als »irrational«.

Nicht wenige Menschen leiden unter irrationalen Ängsten, die sich bis zu Panikattacken aufschaukeln können. Die Geplagten fürchten ziem- lich unwahrscheinliche Bedrohungen, wie in kleinen Räumen zu ersticken, von Spinnen gebissen zu werden, sich auf Partys gruselig zu blamieren, in Kaufhäusern zu kollabieren etc. Frankl erkannte schon sehr bald, dass es wenig hilfreich ist, nach möglichen Ursachen derartiger Überbesorgnisse zu fahnden. Heute weiß man, dass eine bunte Mischung aus Erbmaterial, Umwelteinflüssen und Eigenanteilen daran beteiligt ist. Physisches, Psy- chisches und Soziales ist eng miteinander vernetzt. Die geistige Person jedoch, Träger all dieser Vernetzungen, kann sich ein Stück weit darüber erheben. Sie kann sich selbst etwas abtrotzen, im Extremfall sogar, sich lächelnd vorzunehmen, den nächsten »Urlaub« just in kleinen Räumen zu verbringen, Freundschaft mit sämtlichen Spinnen zu schließen, Partygäs- te mit tollen Narreteien zu unterhalten oder versäumten Schlaf in Form von erholsamen Ohnmachten im Kaufhaus nachzuholen … Nichts hebt uns so hoch über uns selbst hinaus wie der Humor!

Frankls Sinnbegriff

Allerdings ist keineswegs jede Angst irrational. Viele Ängste wachen schützend über uns, und niemand weiß das besser als die tüchtigen Män- ner von der Bergrettung, die sich hauptsächlich um jene Leichtsinnigen kümmern müssen, die ihren »rationalen« Ängsten kein Gehör geschenkt haben. Wenn sich jemand fürchtet, in Shorts und Sandalen ins Gebirge aufzubrechen, dann ist das eine ausgezeichnete Angst, der diese Person wahrlich nicht trotzen sollte. Wenn sich jemand fürchtet, mit einem Klein- kind an der Hand in den Nebel hinauszuwandern, ist Trotz ebenfalls nicht angesagt. Die »Trotzmacht des Geistes«, von der Frankl sprach, und die er nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei seinen Patienten erfolgreich zu mobilisieren verstand, bleibt Situationen vorbehalten, die sie wirklich er- fordern. Und sie hat schweigend zu warten in Situationen, die Gehorsam, Fügung, Anpassung und Unterwerfung erfordern. Der Skifahrer hat sich der Gewalt »Lawinengefahr« zu beugen. Die Verletzte hat sich dem ärztli- chen Verdikt »Operation unumgänglich« zu fügen. Wir Menschen kommen an Grenzen, und wo wir sie nicht mutig hinausschieben können, dort ha- ben wir sie demütig zu akzeptieren.

Wer entscheidet aber, ob Mut oder Demut das Gebot der Stunde ist? Ob die Mobilisierung eines heroischen Trotzes oder die schlichte Annahme einer Unerfreulichkeit an der Reihe ist? Der Schiedsrichter ist der Sinn. Nicht irgendein willkürlich ausfantasierter Sinn, den man selbstherrlich nach eigenen Wünschen »machen« könnte (auch wenn das moderne Schlagwort vom »Sinn machen« umgeht). Nein, es ist der Sinn, den man nicht erfinden, sondern nur finden kann, weil er in den verschiedenen Le- benskonstellationen verschlüsselt liegt und sich einzig dem ehrlich und gewissenhaft Suchenden erschließt. Als Frankl zu der Überzeugung kam, dass – im Gegensatz zu Freuds Ansicht – »geistig rege und mündig ist, wer nach Sinn fragt«, war der Spatenstich zu seiner sinnzentrierten Psy- chotherapieform getan.

Frankls Umgang mit Stress

Innere Ausgeglichenheit ist zweifellos eine wichtige Zutat im Gepäck je- des Bergsteigers. Losrennen, keuchend dahinstolpern, erschöpft rasten und erneut wild umherirren ist nicht professionell. Leider gleicht ein sol- cher Modus vielen Zeitgenossen, die sich bis zum Burn-out-Syndrom ver- ausgaben und dann deprimiert auf der Strecke bleiben.

Frankl war in der zweiten Hälfte seines Lebens gut beschäftigt. Von außen betrachtet könnte man sein Beschäftigungsausmaß sogar als »gigantisch« definieren. Er leitete die Neurologische Abteilung der Poliklinik in Wien, hatte eine ständige Professur und zahlreiche Gastprofessuren inne, schrieb exzellente Fachbücher, hielt Vorträge im In- und Ausland und war nicht zuletzt ein liebevoller Ehemann und Vater (was bekanntlich auch Zeit kostet). Doch niemals wäre er bei alledem »ausgebrannt«. So wie die erfolgreichen Gipfelstürmer gemächlich und konstant voranschreiten und sich weder ablenken noch total auspowern lassen, so verfolgte Frankl be- harrlich seinen Lebenspfad und schuf Stück für Stück ein Werk, das ei- ner »Erstbegehung« durchaus ähnelt. Keiner vor ihm ist in solch geistige Höhen der Psychotherapie vorgedrungen. Keiner hat die Seelenheilkunde auf ein philosophisch so anspruchsvolles Niveau gestellt und mit traditio- nellen Weisheiten aus dem kulturellen Menschheitsschatz verknüpft wie er. Und doch wusste Frankl sich bei all diesen Superleistungen vor hekti- scher Überarbeitung zu hüten und sich und den Seinen ein friedliches und fröhliches Miteinander zu bewahren. Vielleicht war das unter dem Strich die allergrößte Leistung, die er vollbracht hat!

Frankls Erholungsgebiet

Können wir uns diesbezüglich etwas von ihm abschauen? Gewiss! Frankl war ein zutiefst bescheidener Mann, der auf überflüssigen Luxus verzich- tete. Er baute sich keine Galavilla mit Swimmingpool, er kaufte sich keine Jacht und er mochte es nicht, von Fans angehimmelt zu werden. Statt- dessen betrieb er Psychohygiene vom Feinsten. An freien Wochenenden begab er sich auf seinen »Hausberg«, die Rax, um innere Ruhe zu tanken. Die körperliche Aktivität des Kletterns bot ihm einen idealen Ausgleich zu seiner anstrengenden kognitiven Aktivität während der Woche. Die Be- wegung auf dem Rax-Plateau war sein Ausgleich zum Sitzen in der Arzt- praxis und zum Stehen im Hörsaal. Die Lärmfreiheit und die frische Luft in der Höhe waren der reinste Genuss gegenüber dem städtischen Krach und Gestank. In einer austarierten Abwechslung von Spannung und Entspan- nung fand Frankl die seelische Balance, die es ihm gestattete, Verkramp- fungen und Engpässe zu vermeiden und Kritiken von Neidern großzügig wegzustecken. Der Blick über Wolken und Landschaften weitet die Brust und wischt kleine Ärgernisse von der Stirn. Nirgendwo gewinnt man so viel Distanz zu den Talsohlen menschlicher Kleinkrämerei wie am Berg. Frankl hat mir selbst einmal erzählt, dass er seine brillantesten Ideen in der Ein- samkeit auf der Rax entwickelt hat.

Frankls Rat, in die Natur zu gehen

Jeder von uns sollte sich ein ähnliches Refugium schaffen. Die Kids von heute spazieren mehr durch virtuelle Räume als durch die Realität. Das entfremdet sie von den Heilgärten der Natur. Durch die ununterbrochene Online-Kommunikation verlernen sie es, Stille auszuhalten und mit sich selbst allein zu sein. Es muss nicht das grandiose Panorama der Berge sein, das sie wieder mit sich und ihrem innersten Selbst in Einklang bringt, es könnten auch Wälder, Seen, Heidefluren oder das nächtliche Firmament sein, die sie eindrücklich berühren. Aber gelegentliche Stille und Innehal- ten im Alltagsgetriebe ist notwendig, um sich buchstäblich zu be-sinn-en. Um den eigenen Kurs zu überprüfen und bei Bedarf zu korrigieren. Wohin soll unsere Reise gehen? Wer wollen wir schlussendlich sein und geworden sein? Die Maschinen werden immer intelligenter, doch solche existenziel- len Fragen können sie uns nicht beantworten. Da müssen wir schon unse- re individuellen Antworten ausbuchstabieren und ausformulieren.

 

 

Frankls Rat, sich für eine Aufgabe zu engagieren

Frankl hat darauf hingewiesen, dass es nicht nur psychosomatische Krankheiten, sondern auch eine »psychosomatische Gesundheit« gibt, insofern, als uns der Organismus genügend Kräfte gewährt, um eine wichtige Aufgabe, die wir uns gesetzt haben, zu erfüllen. Vorausgesetzt freilich, dass diese Aufgabe unserem Ressourcenrahmen entspricht. Wie schon Goethe erkannt hat, wächst der Mensch mit seinen Aufgaben – und stagniert mit fehlenden Aufgaben. Frankl wurde nicht müde, vor den Fol- gen eines »existenziellen Vakuums«, das sich in Stumpfheit, Langewei- le, Gleichgültigkeit, Ohnmachts- und Leeregefühlen äußert, zu warnen. Wenn Menschen sich ausgeliefert fühlen, sei es an dominierende Obrig- keiten, sei es an leidvolle Ereignisse oder andere Gewalten, reduzieren sie ihre Initiativen und lassen sich hilflos treiben. »Wer sein Schicksal für be- siegelt hält, ist außerstande, es zu besiegen«, hat Frankl doziert. Wer sich hingegen einer selbst erkundeten Aufgabe widmet, legt sofort an Elan zu. Demnach empfiehlt es sich, bis an das Lebensende kleine persönliche Aufgaben zu übernehmen. Sie halten Körper und Gemüt fit.

Dennoch soll eine Aufgabe, die man erfüllen möchte, nicht für eige- ne Zwecke instrumentalisiert werden. Frankl erläuterte diese Einsicht am Beispiel Sport. Siege im Sport stehen und fallen mit der Intention, mit der sie angepeilt werden. Wobei es stets zwei Regeln zu beherzigen gilt: Ers- tens, rivalisiere mit niemandem außer mit dir selbst! Zweitens, strebe nicht nach Siegen, sondern handle nach deinem besten Vermögen! Was wollte Frankl uns mit diesen zwei Regeln mitteilen?

Frankls Sportregel Nr. 1

Zu Regel Nr. 1: Ein Konkurrenzkampf ist nicht so »belebend«, wie ihn Wirtschaftsbosse gerne deuten. Konkurrenzdenken ist von Eifersucht, Gegnerschaft und nicht selten von schäbigen Diffamierungen und Hin- terhältigkeiten geprägt. Respekt und Wertschätzung werden dem Rivalen versagt. Das ist des Menschen und schon gar des Sportlers nicht würdig, der eigentlich Fairness auf seine Fahnen geschrieben haben sollte. Im Un- terschied dazu ist es ein Zeichen von seelischer Reife und Souveränität, einem Gegner den Sieg zu gönnen, wenn er ihn verdient. Überhaupt ist es ein Merkmal charakterlicher Stärke, sich mit dem Glück anderer Menschen mitfreuen zu können und es ihnen nicht heimlich »wegzuwünschen«.

Wer selbstsicher in sich ruht, vergleicht sich nicht andauernd sehn- süchtig mit anderen, denen es eine Spur besser geht als ihm, die eine We- nigkeit mehr besitzen als er, kurz, die ein bisschen mehr »Sonnenseite« abkriegen als er. Wer ferner gescheit genug ist, vergisst nie, dass es millio- nenfach andere auf unserem Planeten gibt, die wesentlich schlechter dran sind als er, und die ihr Dasein auf der »Schattenseite« fristen müssen, was traurig genug ist. Vergleiche sind im Prinzip unfruchtbar, weil jeder Mensch auf seine Weise einzigartig und einmalig ist und mit seinen eige- nen Trägheiten und Verführbarkeiten zu ringen hat, die ihn in seiner po- sitiven Entfaltung einbremsen könnten, und nicht mit Konkurrenten aus der Nachbarschaft.

Frankls Sportregel Nr. 2

Mit Regel Nr. 2 wollte Frankl in seiner Eigenschaft als Psychiater das Pro- blem der »Hyperreflexion« ausleuchten. »Eine Hyperreflexion verunmög- licht das Intendierte«, pflegte er zu sagen. Unter einer Hyperreflexion versteht man ein übermäßiges gedankliches Kreisen um sich selbst und sein Begehr. Im Fall des Sportlers ein Hängen- und Klebenbleiben seiner Gedanken am einzuheimsenden Sieg. Zahlreiche Studien bestätigen: Je mehr es jemandem um seinen Sieg geht, desto eher versäumt er ihn. Das ist hirntechnisch leicht zu erklären. Hauptteile der zerebralen Energie werden für das verbissene Erzwingen-Möchten des Sieges verwendet und stehen für die Hingabe an die zu bewältigende Aufgabe nicht mehr zur Verfügung. Zusätzlich schleicht sich noch eine vage Ängstlichkeit durch die Hintertüre ein und macht den Betreffenden schlapp. Denn wer um je- den Preis siegen will, der muss vor einer Niederlage zittern.

Die rechte Intention ist unweigerlich mit Selbstvergessenheit gekop- pelt. Sie ist auf eine gute Sache gerichtet, auf einen zu verwirklichenden Wert, auf eine geliebte Person, auf einen Beitrag zum Gelingen der Ge- meinschaft, der man angehört. Nie ist der Mensch so intensiv bei sich, nie so frei vom nervösen Geflunker in seiner Seele, als wenn er sich an etwas Größeres verschenkt, als er selbst ist. Etwaige Siege, Erfolge, Belo- bigungen usw. sind unangestrebte Nebeneffekte selbstüberschreitender Intentionen. Das ist keineswegs nur bei den Sportlern so. Das ist ein Ge- neralrezept für uns alle.

Frankls »tragischer Optimismus«

In einem Interview mit Franz Kreuzer, das 1986 in der Serie Piper veröf- fentlicht worden ist, erinnerte sich der damals 81-jährige Frankl an fol- gende Begebenheit:

»Ich bin einmal durch die Preiner Wand geklettert, und der Gruber-Naz hat mich geführt, und während er dort sitzt und sichert und mich nach- kommen lässt am Seil, sagt er: ›Sind’S mir net bös, Herr Professor, aber wann i eana so zuaschau, Sie haben überhaupt ka Kraft mehr. Aber wissen’S, wie Sie das wettmachen durch raffinierte Technik, Klettertechnik, i muass schon sagen, von eana kann man klettern lernen.‹ Stellen Sie sich vor, das sagt mir ein Mann, der soeben von einer Himalaya-Expedition zu- rückgekommen ist!«

Ja, das war Frankls Kunst: Das Wettmachen von Unzulänglichkeiten durch überlegene Taktiken. Diese Kunst hat er auch seine Patienten ge- lehrt, und sie haben es ihm gedankt. Die meisten von ihnen hatten ein ähnliches Kraftdefizit wie Frankl in der Preiner Wand, nämlich kaum mehr die Kraft, ihr Leben zu bejahen. Sie waren nach üblen Wirrsalen gestran- det, mit Neurosen, Psychosen oder Nervenkrankheiten geschlagen, durch Unfälle ins Elend geraten, aus sämtlichen Haltegriffen herausgepurzelt … sehr oft verzweifelte Menschen. Das dämpfte Frankls »tragischen Opti- mismus« nicht. Er sah in jedem von ihnen eine wertvolle, geistige Person, urwillkommen im Reigen der Schöpfung und fähig, den auf sie wartenden Part mit Bravour zu übernehmen.

Frankls Akzentuierung der Gegenwart

Frankl dachte nicht daran, alte Dramen wieder aufzuwärmen und seinen Patienten die Gespenster ihrer Vergangenheit ins Bewusstsein zu rufen. Eine Auseinandersetzung mit den Geschehnissen von Gestern und Vor- gestern hat keinen Vorrang in der Logotherapie. Er operierte in der Ge- genwart seiner Schützlinge, denn nur die Gegenwart ist lenkbar und ge- staltbar. In ihr schlummert der »Sinn des Augenblicks«, den einzufangen Frankl sich in seinen therapeutischen Gesprächen bemühte. Er zeigte den Patienten, dass sie trotz ihres Elends allerhand zu geben hatten, und sei es bloß ihr Vorbild, ihre Botschaft, ihre Ausstrahlung auf die Mitwelt. Er verwies auf die Bedeutung ihrer inneren Einstellungen, die allemal geän- dert werden können, selbst wenn alles Übrige unabänderlich ist. Vorsich- tig zog er ihre Aufmerksamkeit vom Selbstmitleid und vom »Schmoren im eigenen Saft« ab und öffnete die Patienten für neue Perspektiven. Zaghafte begannen, ihre Zaghaftigkeit auszulachen, Wütende begannen, ihren Feinden zu vergeben, Strapazierte begannen, ihren Lebensstil zu revidieren, Zwangskranke begannen, ihre Zwänge zu ironisieren, Schlaf- gestörte begannen, ihre nächtlichen Qualen zu ignorieren, Sexualfrust- rierte begannen, sich ihren Partnern zärtlich zuzuwenden … Ihr Leben ge- wann zusehends an Bejahenswürdigkeit.

Frankl bevorzugte bei seinen Interventionen den »sokratischen Dia- log«, das heißt, ein indirektes Geleit zur Problemlösung. Doch wenn sein Gegenüber erhebliche Verstehensschwierigkeiten hatte, spendete er ihm auch ein wenig »Seilhilfe«; eine Metapher, die er selbst vor seinen Studen- ten benutzte. Er bezog sich darauf, dass ein sichernder Kletterteilnehmer seinen nachsteigenden Kameraden normalerweise nicht am Seil zu sich hinaufzieht, sondern nur im Abrutschfall hält. Kommt sein Kamerad aber plötzlich nicht mehr von der Stelle, kann ein kleiner Ruck am Seil ein Mal- heur verhindern.

Frankls Sichtweise von der Zukunft

War schließlich ein Patient wieder in der Lage, seine Gegenwart zu meis- tern, dann rückte Frankl dessen nähere Zukunft in den Fokus der thera- peutischen »Plaudereien«. (Auch der Kletterer, der seinen aktuellen Stand gefunden hat, schwenkt ja zur Vorausschau auf den nächsten zu über- windenden Felsgrat über.) Was war es also, was auf diesen oder jenen Pa- tienten warten könnte? Wofür war er »aufgehoben« worden, wofür wäre er »perfekt ausgestattet«? Albträume wandelten sich in Träume. Enttäu- schungen in Hoffnungen. Traumata in Kompetenzen. Pläne wurden ge- schmiedet und Vorhaben gekürt. Das Glück ist nicht, dass jemand sagen kann: »Mir geht es gut«, sondern vielmehr, dass jemand sagen kann: »Ich bin für etwas gut«. Ausnahmslos kann jeder Mensch auf Erden »für et- was gut sein«, er muss es nur entdecken. Frankl trug das Nietzsche-Wort

»Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie« an seine Patienten heran. Ihr Warum und Wofür wurde mit ihnen erarbeitet und in ihr Morgen eingeschweißt.

Es stimmt, dass man sich Visionen innerlich vorwegnehmend minutiös ausmalen kann und sich dadurch in schlimmsten Leidenszuständen noch aus dem Sog von Resignation und Apathie freizustrampeln vermag. Frankl hat sich beispielsweise in der Hölle des Holocaust nicht nur »mental« auf luftigen Felszinnen gesehen, sondern auch in einem warmen, hellen Vor- tragssaal am Pult stehend, wo er über die Psychologie des Konzentrati- onslagers referiert. Natürlich werden nicht alle Imaginationen wahr, aber schon als Vision heizen sie den Überlebenswillen an, und sollten sie sich später tatsächlich verwirklichen, ist das ein besonderes Gnadengeschenk.

Frankl Sichtweise von der Vergangenheit

Tauchte bei einem Patienten eine Indikation zur Rückschau auf dessen Vergangenheit auf, scheute Frankl davor nicht zurück, nur verschob er die Rückschau auf einen nachrangigen Platz. (Auch der versierte Kletterer wird ja erst dann in die Tiefe unter ihm zurückblicken, wenn er auf einem festen Sitz gelandet ist, entspannt und locker.)

In seinen Richtlinien zur Lebensrückschau benutzte Frankl erneut eine Metapher aus der Bergwelt. Er wies darauf hin, dass sich Bergketten nach ihren höchsten Spitzen bemessen und nicht nach irgendwelchen Tälern dazwischen. Staunend vernimmt man etwa, dass es in den Küstenkordille- ren den 6960 Meter hohen Aconcagua gibt. Dass es in den Anden daneben etliche rund 700 oder 800 Meter hohe Täler geben mag, ist von weitaus geringerem Interesse. Genauso, argumentierte Frankl, bemesse sich ein Menschenleben nach seinen höchsten Gipfeln, seinen imposantesten Er- rungenschaften, seinen beseligenden Erlebnissen, seinen glorreichsten Einfällen, seinen tapfersten Bewährungen. Deshalb mahnte er, nicht am Beweinen der »Täler« voller Kümmernisse und Schuldbegängnisse, die man durchkrochen hat, festzukrallen. Primär möge sich die Rückschau an den »Highlights« des eigenen Lebens orientieren und das Herz mit Stolz, Zufriedenheit und Freude fluten. Konfrontiert man sich danach mit den negativen Schluchten der eigenen Lebensgeschichte, ist es leichter, diese »Täler« rückwärtig aufzufüllen mit generöser Versöhnung, ehrlicher Reue und – wenn möglich – Gottvertrauen.

Frankls seelenärztlicher Trost

Für Frankls trauernde Patienten war diese Metapher ungemein tröstlich. Sie, die den Verlust eines geliebten Menschen zu beklagen hatten, rich- teten sich bei dem Gedanken auf, dass ihnen diese Liebesbeziehung im- merhin eine Zeit lang gewährt gewesen war. Dass das Erlebte wie ein un- verrückbares Bergmassiv zur Kette ihrer Lebensgeschichte dazugehörte und ihnen einst emotionale Höhenflüge erlaubt hat. Keine Macht der Welt kann ihnen die Erklimmung dieses Bergmassivs mehr absprechen. Sie ha- ben sozusagen ihren Aconcagua gehabt! Die Tränen über das Verlorene versickern in der Dankbarkeit über das Gewesene …

Überhaupt plädierte Frankl dafür, dass niemand seine Augen für immer schließen solle, ohne vorher das Beste seines Lebens noch einmal Revue passieren zu lassen. Ihm schwebte dabei das Bild vom »Alpenglühen« in den Dolomiten vor, bei dem die untergehende Sonne die Felsformationen hoch über der Baumgrenze rotgülden anstrahlt, während die Niederungen darunter längst schon in der Abenddämmerung versunken sind. Am Ende wird zählen und nur zählen, was an Sinnvollem in einem Menschenleben gewirkt hat und bewirkt worden ist, so Frankls Credo.

Über die Autorin

Elisabeth Lukas, geboren 1942 in Wien, ist Schülerin von Viktor E. Frankl.

Sie spezialisierte sich auf die praktische Anwendung der von ihm begründeten Logotherapie, die sie methodisch weiterentwickelte. Ihre mehr als 30-jährige Erfahrung als Klinische Psychologin und approbierte Psychotherapeutin kam ihr bei ihrer Lehrtätigkeit auf Einladung von ca. 50 Universitäten zugute. Sie hat nicht nur hunderten Patientinnen und Patienten Beistand und »Lebenshilfe« geleistet, sondern auch als Dozentin eine ganze Generation an logotherapeu- tischen Fachkräften ausgebildet. Ihre zahlreichen Vorträge sowie Publikationen in 18 Sprachen machten sie international bekannt. Ihr Werk ist mit der Ehren- medaille der Santa-Clara-Universität in Kalifornien, mit dem Großen Preis des Viktor-Frankl-Fonds der Stadt Wien und mit einer Ehrenprofessur an der Universität Moskau ausgezeichnet worden.