»Wie froh ist doch der Kletterer, wenn er in der Wand eine schwierige – eine noch schwierigere – Variante findet.«
Viktor Frankl
Warum steigen wir auf Berge? Auf diese Frage gibt es vermut- lich ebenso viele Antworten wie Menschen. Jeder hat seine Prä- gung, seine Geschichte, seine Erfahrungen und Sehnsüchte, sein persönliches Warum. So individuell unsere Motivationen sind, das Gebirge als Sehnsuchtsort zu erwählen, so sehr erliegen wir dort einer kollektiven Faszination: Die alpine Natur beschenkt uns mit einem Reichtum an Perspektiven wie kein anderer Ort dieser Welt.
So gesehen, ist jede Tour eine Aussicht auf Einsicht. Die geis- tige Annäherung an einen Berg geschieht zunächst durch die Betrachtung des großen Ganzen, so, als schauten wir auf ihn durch ein Fernglas. Zur Einstimmung studieren wir Abbilder: aus günstigen Blickwinkeln der Totalen aufgenommene Fotos, Landkarten oder topografische Beschreibungen bestimmter Routen. Sie erzeugen in uns Bilder, die uns, um es mit Reinhold Messner zu sagen, immer wieder zur selben Entscheidungsfra- ge führen: für mich möglich oder unmöglich? »Selbsteinschätzung« nennen wir die innere Hochrechnung, die tatsächlich nur eine Schätzung, ein hochkomplexer Vorgang unserer Wahrneh- mung ist. Wir gleichen die wenigen abstrakten Informationen wie Gipfelhöhe, Länge und Schwierigkeitsgrad einer Aufstiegs- variante mit unserem Erfahrungswissen ab – und entscheiden uns auf Basis dieser Parameter, ob eine Tour für uns machbar ist oder nicht. Doch die Landkarte ist nicht das Gebiet, wie wir seit Alfred Korzybski, dem Begründer der Allgemeinen Semantik, wissen. Im Leben und im Besonderen für das Bergsteigen gilt: Unsere Welt der Sprache und Symbole ist nur eine Abstraktion der realen Erfahrungswelt da draußen – und niemals mit ihr identisch. Wie wir also einen Berg einschätzen, den wir gar nicht kennen, und wie wir uns zu ihm in Bezug setzen, das ist nur die innere Landkarte. Es ist deshalb wichtig, schon beim men- talen Kartografieren für ein bevorstehendes Bergabenteuer eine möglichst hohe Übereinstimmung zwischen der eigenen Vor- stellung und der äußeren Wirklichkeit zu finden. Wir sehen also: Auch beim Bergsteigen kommt es auf unsere Weltanschauung an. Viktor Frankl erachtete die persönliche Weltsicht der Wirk- lichkeit für einen bedeutenden psychohygienischen Faktor bei Menschen, denn sie zeichnet die inneren Landkarten, wie wir unsere Erfahrungen interpretieren und einordnen. Woraus folgt, wie sehr der Alpinismus auch in diesem Punkt als Lernraum für das Leben dient: Weder eine zu skeptische noch eine zu naive Weltanschauung sind eine gute Voraussetzung. Bei zu großer Skepsis erlebt man weder auf dem Berg noch im Leben große Momente, bei zu großer Naivität bringt man sich unnütz in Ge- fahr. Der gute Mittelweg verläuft zwischen positiver Grundein- schätzung und Wirklichkeitsnähe.
Als wir im Nachstieg Viktor Frankls zu unserer fünften Tour an der Reichenauer Seite des Schneebergs unterwegs sind, zwei- feln wir nicht an der Machbarkeit unseres Vorhabens. Behan- gen mit den Versatzstücken des modernen Alpinkletterns – mit Gurt, Helm, Seil, Express-Schlingen, Klemmkeilen und Kletter- schuhen –, gehen wir von einem unscheinbaren Parkplatz im Höllental am rechten Ufer der Schwarza los. Wir wollen zum»Richterweg«. Der traditionsreichste Anstieg der Stadelwand ist mit langen, spektakulären Routen gesegnet und gilt als Ever- green am Alpenostrand: 1914 ist diese Linie erstmals durch- stiegen worden, 1942 wurde bereits ihre tausendste Begehung vermeldet. Wir fühlen uns nicht als Pioniere, während wir dem Zustieg, einem einsamen, aber gut ausgetretenen Pfad durch den Wald, folgen. Er führt vorbei an mächtigen Buchen, windet sich um vermooste Steinblöcke aller Größen und Formen: Der enge Talschluss könnte ein Originalschauplatz für die Verfil- mung von »Herr der Ringe« gewesen sein. Zudem sind wir die Einzigen an jenem sonnigen Freitag, die sich auf den Weg zu den Wänden machen. An diesem heutigen Freitag, dem 26. Juli 2019, ist es auf den Tag genau 93 Jahre her, dass Viktor Frankl hier in der Gegend unterwegs war, konnten wir recherchieren. Viel- leicht ja sogar auch auf diesem Weg zur Stadelwand? Jedenfalls ist er im »Weichtalhaus« der Wiener Naturfreunde, dem tradi- tionellen Basislager für Kletterer im Höllental, eingekehrt und hat dort eine Ansichtskarte erstanden. Sie zeigt die Schutzhütte in vergilbtem Schwarzweiß, und auf ihr ist handschriftlich das Datum »26. VII 1926« vermerkt. Die Karte ist ein Glücksfall, denn sie ist eines der raren alpinistischen Originaldokumente, die im Familienarchiv erhalten geblieben sind.
Die Stille des Zustiegs wird nur durch metallische Geräu- sche unserer Ausrüstung untermalt, mit etwas Fantasie klingen wir wie ein Windspiel auf vier Beinen. Wanderer verschlägt es kaum zur Stadelwand. Von hier aus auf den Gipfel des Schnee- bergs zu marschieren, ist möglich, aber unnötig weit, viel zu steil und daher viel zu mühsam. Angenehm breite Wege wie auf der Rax, wo man sich teilweise wie auf einem Golfplatz fühlt, fehlen hier ebenso wie eine Berghütte, die etwas Entspannung ins ein- drucksvolle Naturerlebnis bringt. Die Stadelwand ist eine Frei- luft-Kletterhalle ursprünglichen Zuschnitts, eine antike Fels- arena, die Geschichten aus sämtlichen Klettererepochen kennt.
Als wir aus dem schattigen Wald heraustreten, öffnet sichder Bühnenvorhang dieses alpinen Amphitheaters. Oberhalb der Schotterbänke ragen fünf der Wand vorgelagerte Pfeiler in den Himmel. Dem Wow-Effekt folgt die Frage aller Fragen: Welcher dieser Türme ist jetzt bitte unserer? Also, wo genau ist der Richterweg? Die Landkarte ist eben nicht das Gebiet, das sie abbildet, und das Gebiet ist hier auch nicht mit fürsorglichen Wegmarkierungen zur sicheren Orientierung versehen, wie man es auf Wanderstrecken in den Ostalpen sonst vorausset- zen darf. Zur vorbereitenden Kartografie des Kletterers gehört auch das nahezu geheimbündlerische Wissen um die konkreten Einstiegspunkte in die eigentliche Tour. Das dritte Schotterfeld, an dessen Scheitelpunkt wir ihren Beginn vermuten, ist so lang wie steil, dass man es am besten gleich im Kriechgang bewältigt. Sieht zwar lustig aus, aber nach längerer Suche müssen wir uns schweißüberströmt eingestehen, dass der Richterweg nicht dort ist, wo wir ihn vermutet haben. Die weitere Suche nach dem Ein- stieg sollte uns an diesem Tag noch fast genauso viel Schweiß abverlangen wie die Tour im vierten und fünften Schwierigkeitsgrad selbst. Und uns einmal mehr ein Phänomen bewusst machen, das so typisch für den Alpinismus ist: Den Berg, auf den wir gehen, können wir letztlich nicht sehen.
Sobald wir einer Tour näherkommen, spätestens, wenn wir mittendrin sind, verändert sich im Fernglas unserer Wahrneh- mung auch die Brennweite und damit die Perspektive auf das große Ganze. Schritt für Schritt treten wir in die alpine Wirk- lichkeit ein und nehmen den Berg, den wir vorab in seiner Ge- samtheit studiert haben, plötzlich nur noch als Ausschnittver- größerung in Nahaufnahme wahr. Jeder Schritt, jeder Tritt, jeder Griff am Fels wird zum hochaufgelösten Fragment. Der perspek- tivische Wechsel vom Panoramablick zur Mikroskopaufnahme vollzieht sich fließend und begleitet uns auf der inneren Reise näher zu uns selbst. Der Atem ist unser Taktgeber für eine wun- dersame Wandlung, die gleichzeitig Vitalisierung und Harmo- nisierung bewirkt. Entlang der Windungen eines Zustiegswegs, der sich verändernden Vegetation und Landschaft gehen wir immer mehr in der Umgebung auf. Die Luft wird dünner, die Gedanken werden klarer, freier. Die Rumination, das Grübeln über Missgeschicke, Ängste und Sorgen in unserem alltäglichen Leben, lässt nach und löst sich schließlich völlig auf. Trotz An- strengung sind wir beim Bergsteigen von einer inneren Zuver- sicht getragen, weil wir ständig Belastendes unter uns lassen – und irgendwann ganz hinter uns wissen. Wir werden Teil dieses größeren Zusammenhanges, in dem wir uns selbst vergessen. Es ist ein stetes Hineinsinken in die Selbsttranszendenz, wie Vik- tor Frankl diesen Zustand als Logotherapeut benannt und als Bergsteiger immer wieder selbst erlebt hat. Auch bei uns tut sich jene nach innen zentrierende Perspektive auf. Frankl hatte deren Wirkung gerne anhand des Sehvorgangs beschrieben: Das gesunde Auge sieht sich selbst nicht. Es ist nur dann gesund, wenn es von sich absieht. Tauchen aber Wölkchen, Schatten oder Punk- te in unserem Blickfeld auf, so stimmt etwas mit dem Auge, mit unserem Fernglas in die Welt, nicht.
Mit unseren Augen ist alles gut. Den Einstieg in unsere Tour sehen wir trotzdem nicht. Würde sich diese Szene auf dem Weg bei einem dringenden Termin in der Stadt abspielen, träte an die Stelle heiterer Erschöpfung jetzt wohl grimmiger Unmut. Gebir- ge aber erschaffen ein gänzlich anderes Bewusstseinsfeld. Um dessen besondere Qualität zu betreten, ist Frankl – wie die Ge- neration an Kletterern vor oder nach ihm – in die Berge gegan- gen. Zwischen Wäldern und Wänden lernen wir einen positiven Umgang mit der eigenen Frustration und wir lernen, der Entbeh- rung ihren Wert zu geben. So löst sich beim Bergsteigen die typi- sche Plus-Minus-Differenzierung zwischen »unangenehm« un»angenehm« auf, weil wir alles unserem höheren Ziel – dem Weg und dem Gipfel – unterordnen und uns in alles einordnen, was diesem Ziel dient. Eine wertvolle Lebensschule: Viktor Frankl nahm diese Pädagogik der Berge auch in seinen normalen Alltag mit und handelte nach der Maxime, das Unangenehme immer zuerst und genauso gewissenhaft und schnell wie Angenehmes zu erledigen. Eine nützliche Prämisse, gerade am Berg, denn die Aufgabe ist klar: Hinauf! Wir wollen sie erledigen, ohne aus inneren Bewertungen zusätzliche Hindernisse zu erfinden. Die freie Wahl der inneren Einstellung zu äußeren Gegebenheiten ist nicht nur eine Grundvoraussetzung, sondern schon ein Teil der Antwort auf die Sinnfrage des Bergsteigens, das existenziell so aufgeladen ist wie kaum ein anderer Sport. Unsere Motive, warum wir unbedingt hinaufwollen, mögen unterschiedlich sein: »Weil der Berg da ist« (wie Mount-Everest-Pionier George Mallory meinte) oder »Weil der Grenzgang ein Selbstzweck ist« (wie Messner postulierte). Frankl brachte es so auf den Punkt: In den Bergen werden wir vom Sinn gefunden, ohne ihn suchen zu müssen.
Irgendwann an diesem Freitag war sie dann plötzlich doch da, die richtige Gedenktafel an dem richtigen Baum – zwei dis- krete Hinweise, dass nun endlich der richtige Pfeiler und damit diese prominente Tour erreicht waren. Okay, kann losgehen. Wir ziehen uns die engen Schuhe über die Fersen, legen die Kletter- gurte an, verbinden uns zu einer Seilschaft, obwohl in diesem unteren Teil des ursprünglichen Richterwegs noch keine silber- nen Bohrhaken aus der Wand blitzen – ein Luxus, den Frankl und seine Klettergefährten ohnehin nicht kannten. Wählt man nicht die 2008 hinzugekommene schwerere, dafür aber modern abgesicherte Einstiegsvariante, so gilt es zum Start eine kurze Reifeprüfung abzulegen, die auch Frankl hier bestanden haben muss: Sie führt in leichter, aber freier Kletterei über den Wandfuß in einen trichterförmigen, mit Geröll gefüllten Kessel. Die Welt- sicht der Wirklichkeit braucht hier durchaus Herz und Fokus, Zögern zieht nicht in diesen ersten Felspassagen, die auf den fast 300 Höhenmeter langen, begehrten Grat führen.
Dann wird die Linie eindeutig. Die Stadelwand mit ihren Routen und Varianten gerinnt in einer Spur von Tritten, Grif- fen und Felsstrukturen. So unterschiedlich und einzigartig sie in Form und Charakter sind, bilden sie doch eine logische Ab- folge in der vertikalen Bewegung. Je höher die Schwierigkeit ei- ner Tour, desto zwingender die Kombinationen, desto größer die Ausschnittvergrößerung der einzelnen Sequenzen, die zentime- terweise wie ein geheimer Code im Fels entschlüsselt werden. Alles außerhalb unseres Fokus, auch das, was viellaus dem Alltag überdauert hat, verliert seine Kontur endgültig in der Unschärfe der Bedeutungslosigkeit für den Moment.
Die Schlüsselstellen dieses Klassikers, wie etwa die Richter- platte, machen deutlich, dass der Untertitel unseres Buches wörtlich zu nehmen ist: Viktor Frankl ist hier in den 1920er-Jah- ren und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wohl nicht an- ders gestiegen als wir heute. Er hat kaum anders gegriffen und in den kniffligen Passagen wohl dieselben Tritte benutzt. Genau wie wir musste er auf dieser ausgesetzten Tour mitunter wohl die Trotzmacht des Geistes bemühen und hat hier ganz ähnliche Momente des Respekts, des Stolzes und der Freude erlebt. Diese Verbindung über Raum und Zeit hinweg wird lebendig, wenn wir Routen früherer Generationen von Kletterern nachsteigen – Klettern ist auch eine Erfahrungsseilschaft im weitesten Sinn.
Kaum verändert hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch der Blick hinüber zur Rax, die vom Richterweg mit jedem vertikalen Meter weiter aus dem Boden wächst. Das dunkelgrü- ne, felsdurchsetzte Plateau, das Frankl so geliebt hat, wird vom Schneeberg aus sichtbar und mit ihm die Abbrüche ins Höllen- tal und die schroffen Lechnermauern. Die beiden Gebirgsstöcke stehen einander gegenüber, als blickten sie einander tief in die Augen. Zwar war Viktor Frankls Lebens- und Lieblingsberg ganz klar die Rax, und dort hat er auch den viel größeren Teil seiner Zeit verbracht, was er von dort aus jedoch sah, war stets ihr imposantes Pendant auf der anderen Seite des Höllentals: der Schneeberg auf Reichenauer Seite. Von Frankls erhabener Per- spektive vis-à-vis wirkt er sanft, und er bot die alpine Kulisse für meditative Wanderungen zwischen seinem Dauerquartier in der Bergstation der Rax-Seilbahn, dem Ottohaus und der Prei- nerwand.
FRANKL ON MOUNTAIN P 107
Der Schneeberg hatte, bis Landvermesser am Anfang des 19. Jahrhunderts zuverlässigere Daten lieferten, kraft seiner Wucht als einer der höchsten Berge der Monarchie überhaupt gegolten. Die monumentale Komposition aus Felsrinnen, Gra- ten und Schneefeldern, die den 2076 Meter hohen Kalkstock oft bis in den Sommer hinein begleiten und von Weitem sichtbar sind, fesseln den Blick auf Puchberger Seite seit jeher. »Da steht er, der Schneeberg, so mächtig und weiß – aus Felsen die Krone, das Stirnband von Eis«, hatte der Dichter Franz Grillparzer sein Staunen einst in Worte gefasst. Nicht nur auf Maler und Litera- ten übte das majestätische Massiv eine Faszination aus, sondern auch auf Majestäten der Habsburger Monarchie hatte er eine starke Anziehungskraft: Schon 1574 entsandte Maximilian II. seinen Arzt und Hofbotaniker Charles de l’Écluse als ersten na- mentlich erwähnten Besteiger auf den Schneeberg. Und an die beiden Besteigungen von Kaiser Franz I. erinnert der Kaiser- stein, mit 2061 Metern die zweithöchste Erhebung. Erzherzog Johann ließ in dieser Phase übrigens eine erste behelfsmäßige Hütte auf dem Plateau errichten.
Pioniere wie Joseph August Schultes, Franz Xaver Embel und Alois Schmidl brachten Anfang des 19. Jahrhunderts lebendige Erfahrungsberichte vom Berg. Das Gros der Besteigungen fand von Reichenau aus statt, da sich der Ort über die Südbahnstre- cke und Gloggnitz von Wien aus schon früh leicht erreichen ließ. Dazu kam, dass Erzherzog Carl Ludwig 1872 das in Reichenau gelegene Schloss Wartholz zum Sommersitz der kaiserlichen Fa- milie machte. Der Ort, der den Blick auf die Rax richtet und die viel weniger spektakuläre Südseite des Schneebergs zeigt, zog fortan geistige Eliten, Künstler und Adel an. In Reichenau ent- standen ganze Villenviertel, die Sommerfrische boomte. Auch Sigmund Freud zählte Ende des 19. Jahrhunderts zu den illus- tren Gästen. Sogar seine allererste Psychoanalyse-Sitzung ging von hier aus später als Fallstudie in die psychotherapeutische Weltliteratur ein: der »Fall Katharina«. Die Tochter der Pächterin des Ottohauses offenbarte Freud damals ihre Ängste.
Hat der Umstand, dass sein frühes Vorbild Sigmund Freud Dauergast auf der Rax war, Viktor Frankl bei der Wahl seines al- pinen Basislagers beeinflusst? Lag es daran, dass er seine ersten hochalpinen Klettererfahrungen als junger Student hier gemacht hat? Oder ist die Preinerwand, verglichen mit den Grat-Routen, die von Puchberg aus auf den Schneeberg führen, einfach nur das bessere Klettergebiet? Sein Motiv lässt sich aus heutiger Per- spektive nicht mehr eindeutig nachvollziehen. Puchberg hatte den großen Schneeberg-Blick, war an die Eisenbahnverbindung von Wien aus über Wiener Neustadt angekoppelt, und die Zahn- radbahn führte bereits seit dem Jahr 1897, also 30 Jahre vor der Rax-Seilbahn, auf den Hochschneeberg. Mit den Orten am Fuße der Rax konnte es als Sommerfrische-Ziel dennoch nicht mithal- ten. Daran vermochten selbst Schneeberg-Besuche von Kaiser Franz Joseph I. und anderer Honoritäten der Monarchie, unter ihnen auch Minister Joseph Maria von Baernreither, dessen per- sönlicher Sekretär Frankls Vater Gabriel gewesen war, nichts zu ändern. Der Schneeberg lässt mondänen Charme vermissen. Visionäre Pläne aus den 1930er-Jahren, wie der Bau einer Hori- zontal-Seilbahn über das Höllental, die Rax und Schneeberg mit- einander verbunden hätte, und die Bewerbung für Olympische Winterspiele wurden nie realisiert. So ist der Schneeberg bis heute vornehmlich Ziel für Tagesausflügler und die Stadelwand in seinem Hinterhof ein elitärer Treff für Kletter-Individualisten geblieben.
Je mehr wir an ihrer Außenkante an Höhe gewinnen, desto endloser scheint der Richterweg zu werden: Eine Rampe folgt auf die nächste, dazwischen Bäume mit kurzem Gehgelände, ein Plateau ist trotzdem nicht in Sicht. Stattdessen ein weiterer Fels- abschnitt und danach erneut ein Aufschwung. Wir tanzen uns schwindlig an der herrlichen Kalksäule, die Kletterern seit mehr als 100 Jahren so viel Freude macht. Der namensgebende Er- schließer hat sich nicht nur hier, sondern auch einige Felsrippen weiter mit der »Richterkante« ein steinernes Denkmal gesetzt. Diese Route, etwas anspruchsvoller als der Richterweg, wurde durch eine Sanierung im Jahr 2002 vom Staub der Zeit befreit und wird seitdem wieder von den Kletterern geliebt. Denn nicht nur das Wie des Kletterns – ob man sich an Haken hochzieht oder diese nur zur Sicherung verwendet beispielsweise – änderte sich über die Jahrzehnte, auch das Image der Touren selbst unter- liegt Zeitgeisterscheinungen, die sich aus den sich verändernden persönlichen Präferenzen wie Routenführung, Schwierigkeit und Gesteinsqualität ergeben. In diesem Bereich zieht auch der 220 Meter lange Reifweg nach oben, dessen Erstbegehung durch Frankls alpinen Mentor im Jahr 1920 stattfand. Angesichts der tiefen Verbundenheit der beiden darf davon ausgegangen wer- den, dass die beiden Männer die Route auch als Seilschaft er- lebt haben. Für die heutigen Kletterer spielt die mit dem oberen vierten Schwierigkeitsgrad bewertete Linie keine Rolle mehr – zu lang ist der Weg dorthin angesichts der mäßig lohnenden Kletterstellen, die geboten werden. Zu hoch ist der Anspruch. Die Karawane ist weitergezogen zu den modernen Routen in der Vorderen Stadelwand. Der vorgelagerte Wandteil, der erst in den letzten Jahrzehnten konsequent erschlossen worden ist, punktet mit einem kürzeren Zustieg, besserer Absicherung und einem festen Fels, der durch die vielen Begehungen bis auf Weiteres auch vegetationsfrei bleiben sollte.
Ein weiterer, schon von Frankl geliebter Oldie-but-Goldie ist hingegen der »Stadelwandgrat«. Schon seit 1899 hält er sich be- ständig in den alpinen Charts: Elegant ist seine Linienführung, die ein Architekt nicht gefälliger hätte skizzieren können, mode- rat die Schwierigkeit – geklettert wird maximal im dritten Grad –, verführerisch der feste, weißlich schimmernde Fels. Die Route setzt zudem genau dort an, wo der Richterweg endet. Reiht man beide aneinander, macht das in Summe eine 450 Meter lange Tour, die einmal mehr das Gefühl bestärkt, über die Stadelwand könne man direkt in den Himmel steigen. Wir gehören an die- sem Freitag allerdings nicht zu den Glücklichen, die das tun: An- gesichts einer merklich sinkenden Sonne zwingen wir uns, aus der Trance des Steigens und Greifens herauszutreten und es für heute gut sein zu lassen. Ja, hätten wir bloß den Einstieg nicht so lange gesucht! Aber diese Wenn-dann-Schleife ersparen wir uns. Der Konjunktiv war noch nie ein guter Seilgefährte und die Brechstange kein brauchbares Werkzeug in alpinen Gefilden.
Den Richterweg verlassen wir über den letzten u-förmigen Einschnitt, klettern ab und queren hinunter zu einem Felsbal- kon. Das weiche Licht lädt die Landschaft mit warmen Rottönen auf und macht uns still. Das Höllental und die Rax kommen ins Blickfeld. Und wieder ist der Berg, den wir sehen, nicht der Berg, auf dem wir stehen. Schon ist der nächste Gipfel felsgeworde- ner Ausdruck unserer neuen Sehnsucht. Wir passieren wind- zerzauste Föhren, die wie trotzige Zen-Meister am Wegesrand ausharren. Sie sind stumme Zeugen für die Scharen an bergbe- geisterten Passanten, die hier über die Jahre gekommen und ge- gangen sind und sich an den Pfeilern, Platten und Wänden des Schneebergs versucht haben, die gelacht und gescherzt haben, begeistert oder verzweifelt waren und nach einer gelungenen Route – wie wir – bereits von den nächsten Abenteuern geträumt haben.
»Der Sportler, etwa der Kletterer, der sich Aufgaben sucht, schafft sich die Schwierigkeiten sogar selbst: Wie froh ist doch der Kletterer, wenn er in der Wand eine schwierige – eine noch schwierigere – Variante findet«, sagte Viktor Frankl bei einer Vortragsreihe im Jahr 1946 an der Volkshochschule in Wien-Ot- takring. Das Aufstrebende – im Tun und im Denken – ist die Urmotivation der Bergsteiger. Dieses symbolische »Mehr« ist der nächste Schritt zum Gipfel, genauso wie das Sich-hingezo- gen-Fühlen zu einer nächsten Herausforderung, einem höheren Berg, einer schwierigeren Route oder einer kniffligeren Stelle im Fels. Die Vertikale bringt uns in ein permanentes Spannungs- feld zwischen dem Wunsch, unserem inneren Impuls zu folgen, höher hinaus und hinauf zu streben, aber auch – im Sinne des fernöstlichen Ideals – das Glück im Moment sehen und finden zu können.
Wie ist der »Sinnsucher« Viktor Frankl mit dem scheinbaren Widerspruch umgegangen? Hätte er an solch einem Tag dafür plädiert, den Stadelwandgrat auch noch »mitzunehmen«? Oder wäre er – wie wir – mit dem »Richterweg« als Erlebniswert zu- frieden gewesen? Frankl scheint nicht nur als Mensch, sondern auch als Alpinist viel Augenmaß gehabt zu haben. Laut Alfried Längle, einem seiner langjährigen Mitarbeiter, sei ihm immer wichtig gewesen, dass er bei seinen Bergtouren »bis an den Rand der Erschöpfung« kam. In dieser Formulierung verbirgt sich auch Frankls Dringlichkeit in eigener Sache, einen Balance- ausgleich zwischen seiner unermüdlichen Denkarbeit und eine körperlichen Anstrengung zu schaffen. »Ich glaube, der Viktor hat die Herausforderung gebraucht«, bestätigte uns auch Elli Frankl. »Er ist sonst den ganzen Tag hier in der Wohnung geses- sen, hat immer nur gearbeitet, immer nur geistig gearbeitet.«
Die physische Erschöpfung, das Ausreizen körperlicher Ka- pazitäten auf dem Berg, war für Frankl der gelebte Ausdruck seiner tiefen therapeutischen Überzeugung, dass der Mensch nicht nur nach Spannungsfreiheit sucht, sondern, im Gegen- teil, auch dynamische Anspannung, gesunden Stress, für seine seelische Ausgeglichenheit braucht. Entsprechend ausgewogen war auch seine Routenwahl vom Drei-Enzian-Steig bis zum Stadelwandgrat: für ihn gut machbare Felslinien, die ihn kör- perlich forderten, denen er aber dank seiner langjährigen alpi- nistischen Erfahrung technisch gewachsen war. Um den Mode- begriff zu gebrauchen: Viktor Frankl kletterte Routen, die ihn in den Flow brachten, also in die gute Mitte zwischen Unter- und Überforderung.
In unserem heutigen Verständnis des Alpinismus, das stark von Extremleistungen und großem Hang zum Hochrisiko ge- prägt ist, war Frankl kein Grenzgänger. Kein Adrenalinjunkie, der Gefahrenmomente suchte, um sich zu »spüren«. Und er ging auch nicht in die Wände, um sich im Tal Applaus abzuholen und für seinen Mut bewundert zu werden. Auf seine alpinistischen Leistungen verwies er stets stolz und dennoch bescheiden. Wich- tiger als das Rampenlicht war ihm die therapeutische Intention, auch andere für »seine« Berge zu begeistern, sie zu inspirieren, den Wert dieses Selbstermächtigungsraumes für sich entdecken und nützen zu können. Dies tat er in seiner eigenen Familie, vor allem bei seiner Ehefrau Elli, weniger erfolgreich auch bei sei- ner Tochter Gabriele und seinen Enkelkindern Katharina un Alexander. Eigentlich hätte ihn die Rax-Schneeberg-Region als Tourismus-Botschafter engagieren müssen: Frankl promotete die Berge seines Herzens auf der ganzen Welt, in seinen Vorträ- gen, Interviews und Publikationen, in der täglichen Arbeit mit Patienten und Klienten, in Gesprächen mit Freunden. Das Berg- steigen als Metapher auf das Menschsein, als freudvolle Aufgabe mit Hingabe, hielt Viktor Frankl zeit seines Lebens als Sinnper- spektive hoch.
Besonders dankbar dafür ist ihm der Psychologe, Therapeut und Universitätsprofessor Giselher Guttmann, früher Dekan der Philosophischen Fakultät an der Uni Wien, später dann auch der Gründungsdekan der Sigmund Freud Privatuniversität. Die beiden verbanden Erstbegehungen, die ebenerdig stattfanden: Frankls erste Vorlesung als frischgebackener Universitätspro- fessor 1955 war auch die allererste, die der um 29 Jahre jüngere Student Guttmann besuchte. »Ich las Logotherapie, dachte mir, interessant, das hörst du dir einmal an und war beeindruckt«, verriet Guttmann in einem Gespräch für dieses Buch. »Doch persönlich in Kontakt gekommen sind wir dann erst 15 Jahre danach, als Viktor Frankl sich an mich wandte, weil er die Logo- therapie empirisch untersuchen lassen wollte.« Guttmann wähl- te damals Elisabeth Lukas als allererste Dissertantin zur Logo- therapie überhaupt aus. Sie erfand unter anderem den Logo-Test, das ist ein psychologisches Testverfahren, das später in 14 Spra- chen übersetzt und auf der ganzen Welt angewendet wurde. Das große Sampling an Befragten verdankte sie ihrem Einfallsreich- tum, bei einem Volksfest einen Stand mit der Aufschrift »Was ist der Sinn des Lebens?« aufzustellen.
Aus der zunächst beruflichen Verbindung zwischen Frank und Guttmann entstand eine enge Freundschaft. Die beiden Kollegen hatten mit den Bergen auch eine gemeinsame Leidenschaft. Allerdings war Giselher Guttmann seinem Vater im Wort, es beim Bergwandern zu belassen – und nicht zu klettern. Ein On- kel Guttmanns im steirischen Aflenz war ein draufgängerischer Kletterer gewesen. »Seine Seile und Felshaken haben die Neu- gierde in mir entfacht«, erinnert sich der anerkannte Fachmann für Gehirnforschung und Psychotherapie. Diese Geschichte hat er im Frühjahr 1968 auch Viktor Frankl erzählt, woraufhin sein väterlicher Freund und Mentor erwiderte: »Weißt was, Gisi: Mor- gen kommst mit mir auf die Rax, und wir gehen miteinander den Drei-Enzian-Steig.« Auf so eine Absolution hatte Guttmann gewartet: »Es war für mich der entscheidende Trigger zu mei- ner ganz großen Leidenschaft, die bis heute anhält. Ich bin jetzt 85 Jahre alt, und kleine Touren mache ich noch immer«, so der hochdekorierte Wissenschaftler.
Allerdings blieb diese »Erstbegehung zur Selbstermächti- gung« die einzige gemeinsame Tour, die Frankl und Guttmann je miteinander unternahmen. Die Klettererwelt von damals war klein, gut vernetzt und flexibel. So war an jenem Frühlingstag in der Preinerwand auch Fritz Zawadil mit von der Partie, ein Wiener Buchhalter und sehr guter Kletterer, der damals oft mit Frankl ging. Kennengelernt hatte er den Professor, weil er als dessen Bewunderer am Richterweg eine Visitenkarte gefunden und ihn auf Anraten von Frankls Klettermentor Rudi Reif ein- fach angerufen hatte. Ab dem Tag dieser Dreiertour über den Drei-Enzian-Steig kletterte Zawadil auch regelmäßig mit Gutt- mann, und zwar sehr schwierige, technische Touren mit Trittlei- tern, oft in der Stadelwand. Giselher Guttmann war prädestiniert fürs Klettern, ihm gelang noch im selben Jahr seine erste Route im sechsten Schwierigkeitsgrad. Im Rückblick sagt er: »Viktor hat das mit etwas Wehmut zur Kenntnis genommen, dass ich mein eigenes Ding gemacht habe.«
Wie dürfen wir uns Viktor Frankl als Alpinist vorstellen? Guttmann: »Er war ehrgeizig. Und er war wirklich gut. Bei Fritz Zawadil ist er auch immer wieder im Vorstieg geklettert.« Sei- nem Wiener Seilgefährten Zawadil hatte Frankl zudem anver- traut, warum er keine der ihm angebotenen Dauerprofessuren in Amerika übernehmen wollte: »Die haben ja dort weder eine Rax noch einen Schneeberg.«