»Die Situation entbehrt jedweder Tragik.« Viktor Frankl
Wie hoch muss ein Berg sein, damit er zu einem bleibenden Er- lebnis wird? Wie schwierig eine Route? Braucht es unbedingt den Mount Everest, um ein Bergsteigerleben komplett zu machen? Taugen Höhenmeter und Schwierigkeitsgrade überhaupt als ska- lierbarer Maßstab für das Glück eines Alpinisten? Oder lernen wir über die beiden Parameter, dass der Sinn des Lebens immer nur eine relative Größe ist? Weil reich zu sterben nicht prinzipiell bedeutet, auch glücklich gelebt zu haben? Die Berge sind auch ein Sinnanruf an uns, dass wir uns diese Fragen stellen.
Eine gängige Darstellung für unser menschliches Wachsen, Werden und Weiten ist die Helix – dieser Trichter des Lebens, der nach oben hin offen ist, in dem wir in immer weiter werden- den, spiralförmigen Umlaufbahnen an Höhe, also an Einsicht und Erfahrung, gewinnen. In unserer Vorbereitung auf diese siebente und letzte Station unserer Spurensuche im Nachstieg Viktor Frankls kam uns in den Sinn: Ein Berg ist die Umkehrung der Entwicklungshelix – ein Trichter, der auf dem Kopf steht. Er ruht mit seinem größten Umfang auf der Erde und verjüngt sich nach oben hin bis zum Gipfel. Wie man den Gedanken auch dreht und wendet: Für das Ende entscheidend bleibt doch im-
mer der eigene Weg, den wir gehen, die Art, wie wir ihn gehen, und dass wir ihn bewusst gehen. Reflexionen wie diese haben uns beschäftigt, als wir die Große Zinne in den Sextener Dolomi- ten in Italien repräsentativ für Viktor Frankls gesamtes alpinis- tisches Vermächtnis im In- und Ausland ausgewählt haben. Die Drei Zinnen sind ein Weltkulturerbe. Ein Monument aus Fels, ein umgekehrter Trichter der Einsicht, an dem sich Geschich- te, Lebensgeschichte, Entwicklungsgeschichte schreiben lässt – bar jeder Beliebigkeit. Die Zinnen zu besteigen, war, ist und bleibt – und zwar vollkommen unabhängig vom Schwierigkeits- grad der Variante, die man sich dafür erwählt – ein großer Le- bensmoment.
Doch über weite Strecken seines Lebens hatte ihm die Rax, vor allem der Drei-Enzian-Steig in der Oberen Preinerwand, al- les gegeben, was er sich von einem Berg und von einer Kletter- tour wünschte. All die von ihm benannten Spannpunkte für ein erfülltes Leben, die er lehrte – dort oben gaben sie ihm selbst den Halt. Die Verwirklichung schöpferischer Werte, weil jede Bergtour ein Werk ist, eine Tat, eine gemeisterte Herausforde- rung, eine Verausgabung. Auch Erlebniswerte sammelte er auf seinem Lebensberg, das Schöne, Wahre und Gute, das sich mit jeder Besteigung des Drei-Enzian-Steigs in seinem Leben ver- mehrte und erneuerte. Und es mag auch Situationen gegeben ha- ben, in denen es auf seine Einstellungswerte ankam, Situationen, in denen er sich diesem Größeren anvertrauen musste, das wir nicht zu enträtseln vermögen. Alles miteinander bedeutet, in der Hingabe zu einer Sache aufzugehen, auch in der Liebe zu ande- ren, wenn wir Seilpartner haben – das ist, was uns Menschen zu Menschen macht. Das Oszillieren zwischen dem, was Frankl in seinen Schriften und Vorträgen mit der Welt teilte, und dem, was
er selbst lebte und immer wieder in Erfahrungswissen transfor- mierte, das war die Basis seiner Authentizität, Glaubwürdigkeit und Integrität.
Die aktive Mitgestaltung unseres Lebens und unserer Welt liegt in der Freiheit der permanenten Wahl, zu der wir aufge- rufen sind, in der Qualität der Entscheidungen, die wir treffen. Das wird beim Bergsteigen besonders deutlich: Unsere Entschei- dungen sind immer nach oben gerichtet. Nicht nur zum nächs- ten Griff, sondern auch zur nächsten, schwierigeren Route, zu einem noch spektakuläreren Berg. Diese Faszination am »immer Mehr« freilich bringt uns in ein Dilemma: Das eigene Œuvre an Besteigungen, ob Erstbegehungen oder nachgestiegene Touren, ob leicht oder anspruchsvoll, wird nie komplett sein. Je mehr Wände wir durchsteigen und auf je mehr Gipfeln wir stehen, desto mehr drängen sich ins Bewusstsein und scheinen uns – sprichwörtlich – zu rufen. Allein in Österreich warten mehr als 900 Dreitausender, in den Alpen sind es 82 Viertausender, in Asi- en – in der ganz großen Dimension – stehen 14 Achttausender. Weltweit gibt es die »Seven Summits«, also die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente, und dann noch deren zweit- oder die dritthöchsten Gipfel. Jedes Projekt kann, für sich genommen, schon eine Lebensaufgabe oder zumindest eine Beschäftigung für viele Jahre sein.
Genau wie in der Entwicklung seiner Psychotherapie, im Aufbau seiner Karriere als Neurologe, Psychiater und Wissen- schaftler, hatte Frankl in den Bergen den traditionellen Weg durchlaufen und auf homogenes Wachstum gesetzt. Wenn man diese Analogie weiterführen will, dann waren die Mizzi-Lan- ger-Wand die Volksschule und die großen Berge in seinem Le- ben die Universität, seine Ausbildung zum Bergführer in diesem
Bild quasi das Doktorat. Auch vom methodischen Zugang zur Entwicklung eigener Kompetenzen können wir von ihm lernen. Waren sein Können und Wissen gefestigt, ging es für ihn zur Famulatur: Als Arzt zog es ihn zur Neurologie, um die Tiefen der Seele auszuleuchten – als Bergsteiger stieg er in die Dolomi- ten und auf den Wilden Kaiser, um den Sinn der Höhe zu spü- ren. Mithin zwei der ganz großen Hotspots der Alpen, wo das Klettern Kunst und jede Wand, jede Kante, jeder Grat Alpin- geschichte ist.
Diese größere Welt des Bergsteigens bereiste Viktor Frankl erst, als in seinem kleinen Kosmos alles zur Ruhe und in Frie- den gekommen war, ab den 1950er-Jahren. Nun war er beruflich als Primarius der Neurologie in der Polyklinik etabliert, er hatte mit seiner Frau Elli ein zweites Mal eine Liebe fürs Leben und diesmal endgültig sein privates Glück gefunden, und sein Stern als Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse begann, hell in die Welt zu strahlen. Seine Touren in den Wiener Haus- bergen sollten ihm zwar bis in sein hohes Alter von 80 Jahren Kraftelixier für die Seele bleiben, dennoch scheint sich aber in der Retrospektive über die Zeit ihre Rolle verändert zu haben. In seinen Anfängen, bei den Unternehmungen mit Seilkameraden wie Hubert Gsur und Rudi Reif, waren Peilstein, Rax, Schnee- berg und die Hohe Wand für ihn so etwas wie Lehrtherapeuten: Dort hatte er dem Nihilismus abgeschworen und seinem Leben Sinn gegeben, dort hatte er sein Mannsein gestärkt und die men- talen Fähigkeiten entwickelt, auf die er zeitlebens zurückgrei- fen konnte. Als er dann nach Kriegsende wieder fest in Wien etabliert war, war er auch frei, er konnte reisen, Gast sein und ohne speziellen inneren Auftrag seinen Aktionsradius sukzes- sive erweitern und neue Berge genießen. Gemeinsam mit seiner
Frau Elli bestieg er bald nach der Hochzeit den fast 3000 Meter hohen Hochkönig im Salzburger Land, eine anspruchsvolle, da sehr lange und steile Wanderung, die Trittsicherheit und Aus- dauer voraussetzt. Zudem war damals noch die Überquerung eines kleinen Gletschers – der mittlerweile auf ein Schneefeld geschrumpft ist – notwendig. Wirklich klettern mussten er und seine Frau am Hochkönig aber nicht.
Den Wunsch nach großen Klettererlebnissen fern der Heimat erfüllte er sich in den Dolomiten, sie wurden für das Ehepaar zu einer Urlaubsdestination, später nahmen sie auch ihre Tochter Gaby dorthin mit.
Frankl hatte als erfolgreicher Wissenschaftler mittlerweile selbst den Status und die finanziellen Mittel, um mit herausra- genden Alpinisten seiner Zeit unterwegs zu sein. Auf der Großen Zinne, den Sella-Türmen am Grödnerjoch, wo er den Trenkerriss kletterte, war Frankl mit dem – wie er ihn nannte – »berühmten Innerkofler« unterwegs, und am Totenkirchl, dem bedeutsamen Klettergipfel auf der Nordostseite des Wilden Kaisers in Tirol, mit Himalaya-Veteran Peter Aschenbrenner.
Die großen Gipfel hatten für Viktor Frankl persönlich auch hohe Bedeutung. Das beweist der Umstand, dass er diese gro- ßen Bergabenteuer bei allen sich anbietenden Gelegenheiten – und die gab es im Leben des immer gefragteren Publizisten und Redners genug – immer mit seinem natürlichen Gespür für wirkungsvolles Understatement erwähnte. Anlässlich der 125-Jahr-Feier des Österreichischen Alpenvereins etwa: »Ich kann Ihnen auch nicht mit alpinistischen Großtaten dienen«, schränkte er zu Beginn seiner Rede mit einem Hauch von Koket- terie ein, kraft seiner alpinistischen Genese wusste er natürlich um den realen Stellenwert seiner Touren. Lediglich erlaubte er sich die Freude, den Verve seiner Rhetorik ein bisschen in eige- ner Sache, in eigener Bergsteiger-Sache, zu nützen, gerade vor fachkundigem Publikum. Musste man die Klettereien im Osten den West-Österreichern immer wieder von Grund auf erklären, bedurften die Touren in den Dolomiten oder am Wilden Kaiser keiner weiteren Erläuterung, denn sie sprachen für sich. »Ich höre Sie sagen: Auch schon was«, fasste Frankl diesen Umstand 1987 bei seiner Alpenvereins-Ansprache in der Wiener Hofburg knapp zusammen.
Das Glück zu dritt: Viktor Frankl mit seiner
Frau Elli und Tochter Gabriele bei einem Familienurlaub
in den Dolomiten, um 1960.
Dass er nun das Klettern in der Ferne und nicht ausschließ- lich in den Wiener Hausbergen leben konnte, passte auch zu seiner persönlichen Entwicklung, bei der das Berufliche und das Private ja stets eng miteinander verwoben waren. Die ers- te große Vortragstournee für die Logotherapie war gleichzeitig seine erste Fernreise jenseits Europas und führte ihn 1954 nach Argentinien – bei der Konferenz in Buenos Aires wurde auch die erste Gesellschaft für Logotherapie der Welt gegründet, wei- tere folgten. Als Trägerrakete für Viktor Frankls internationale Popularität aber erwies sich die englische Übersetzung seines KZ-Berichtes … trotzdem Ja zum Leben sagen unter dem Titel Man’s Search For Meaning. In der Heimat war die zweite Auflage des Werks nach Anfangserfolgen liegen geblieben, in Amerika be- geisterte sie ein Millionenpublikum. Mit der Konsequenz, dass Frankl im Jahr 1961 eine Gastprofessur an der renommierten Harvard University erhielt. Mehr als 100 Vortragsreisen führ- ten ihn und seine Frau allein nur in die Vereinigten Staaten. In Washington löste der Ansturm zu einem seiner Vorträge einmal sogar ein Verkehrschaos aus. An mehr als 200 Universitäten in Amerika, Afrika, Asien und Australien hielt Viktor Frankl Vor- lesungen und Vorträge – vier Reisen im Dienst der Logotherapie und Existenzanalyse führten ihn rund um den Globus. »Da ich ja ostwärts flog, gewann ich einen ganzen Tag, und so kam es, dass ich an 14 Abenden 15 Vorträge halten konnte«, resümierte er später die Jahre, in denen er als Psychotherapeut einen Tournee- plan wie ein Popstar hatte – und vielerorts auch die Beliebtheit »Frankls Aktivitäten haben immer schon eine Tendenz zum In- ternationalismus gehabt«, schreibt sein langjähriger Schüler und Mitarbeiter Alfried Längle. Er verweist auf die ersten Publikati- onen Frankls, die schon in den 1920er-Jahren in internationalen Zeitschriften erschienen. Damals hielt er seine ersten Vorträge in Frankfurt am Main, Prag, Berlin und Budapest – was für einen gerade mal zwanzigjährigen Medizinstudenten aus Wien alle- mal bemerkenswert war.
Der Verbindungsfaden zu Wien riss nie, nicht einmal auf dem Gipfel der Große Zinne. Auch dort war er im historischen Nachstieg eines Wiener Bergsteigers unterwegs, wenngleich unter viel positiveren Vorzeichen als seinerzeit auf dem Pichl- weg am Dachstein. Paul Grohmann, der gemeinsam mit zwei anderen Studenten den Österreichischen Alpenverein gegrün- det hatte, reiste im August 1869 mit einem klaren Ziel in den Norden Südtirols: Er wollte als Erster auf der Spitze der Großen Zinne stehen. Damals hieß es: »Auf die Große Zinne kann nur ein Vogel fliegen.« Zuvor hatte der Wiener Bergsteiger aber be- reits »unmögliche« Berge wie die Marmolada, den höchsten Gip- fel der Dolomiten, den mächtigen Olperer im Zillertal oder das Wahrzeichen des Grödnertals, den Langkofel, möglich gemacht. Auf dem Langkofel war er mit dem Gamsjäger Peter Salcher und Franz Innerkofler, Bergführer aus Sexten, erfolgreich gewesen. Acht Tage später nahm das Dreier-Dreamteam die Große Zinne in Angriff und überließ dabei nichts dem Zufall. Grohmann ver- traute auf besonders weiches, von italienischen Schustern gefer- tigtes Schuhwerk, während die Bergführer in Socken unterwegs waren. Die robuste und warme Loden-Bekleidung der Bauern, Hüte als Sonnenschutz und den groben Alpenstock hatten alle drei dabei. Nach lediglich drei Stunden standen sie auf dem Gip- fel, dem nur ein Meter auf die begehrte Dreitausender-Marke fehlt. Mit diesem Triumph krönte der Wiener Grohmann, den Reinhold Messner als den »großen Dolomiten-Erschließer« sieht, sein alpinistisches Lebenswerk. Das Trio konnte damals nur des- halb so schnell steigen, weil der findige Franz Innerkofler den Weg nach oben bereits vorab ausgekundschaftet hatte. Aus die- ser Dynastie an Bergführern aus dem Südtiroler Sexten stammte auch Frankls Guide auf die Zinne.
Unser Innerkofler der Neuzeit im Nachstieg Viktor Frankls heißt Felix Tschurtschenthaler, ein versierter Bergführer aus Sex- ten und dazu noch ein akademischer Künstler. Seinen weltbe- rühmten Hausberg kennt er in- und auswendig – zwanzig- bis dreißigmal pro Jahr steht er auf dessen Spitze. Nicht immer ge- langt er über den Normalweg dorthin, er kennt auch die teils we- sentlich anspruchsvolleren Kletterrouten, die auf die Große, die Kleine und die Westliche Zinne führen. Wir aber halten es heute mit Erstbesteiger Grohmann und mit Viktor Frankl und wäh- len an diesem sonnigen Montag im August die klassische Route inmitten des »fantastischen Dreigestirns«, wie der Schriftsteller und Alpinist Gunther Langes die Drei Zinnen nannte.
Die drei Felsspitzen sind echte Südländer und haben alles, da- mit diese Grandezza, die man auf manchem höheren Berg in den Ostalpen vermisst, wirken kann. Schon aus der Ferne sorgen sie für die Dramatik, die für große Geschichten immer wichtig ist: drei verkehrte Trichter, mächtig wie gigantische Megafone aus Fels, die die Götter irrtümlich auf der Erde haben stehen lassen. Vom großen Parkplatz aus sieht man die Naturbühne in Nah- aufnahme, auf der sich der Berg präsentiert. Breite, fast ebener- dige Wege sind es, über die man zu den drei Zacken gemäch- lich, aber als Kletterer doch beeindruckt hinüberspaziert. Der Zustieg ist nur marginal, es bleibt keine Zeit zur Kontemplation. Die Senkrechte schießt viel schneller als erwartet gen Himmel, unten werden Wanderer und Familien rasch zu Miniaturen. Und wir für sie.
Am Berg selbst haben die Südtiroler Guides den Verkehr für italienische Verhältnisse äußerst effizient geregelt. Sie wissen, wer überholen darf, wo die möglichen Staupunkte am Normal- weg wie am besten zu umgehen sind und wann es im Interesse aller sinnvoll ist, andere vorzulassen. So erleben wir einen Klet- terflow an festem Dolomit-Gestein. Ziehen, Steigen, Stützen: Ge- nuss in der Vertikalen, weil Felix uns ruckfrei durch das magi- sche Labyrinth aus Rampen, Kaminen und Scharten lotst. Ohne Felix im Vorstieg bräuchte es in diesen Strukturen wohl detek- tivische Fähigkeiten, um die Linie zu finden. Mehr, als man aus der Totalen oder, von unten aus gesehen, vermuten würde.
Wie schon einst Grohmann stehen wir in knapp drei Stun- den auf 2999 Metern. Episch ist dieser Blick hinüber zur West- lichen und etwas abgesenkt zur Kleinen Zinne. Die steinerne Weite der Dolomiten macht uns staunen und schweigen, surre- al schön ist es hier. Und doch, nach 20 Minuten, wird uns auch diesmal bewusst: Der Gipfel ist kein Hauptwohnsitz, wir sind hier nur zu Gast. Das ist der Unterschied zwischen der Krönung des Kletterns in den Dolomiten und der Vertrautheit der Wiene Hausberge. Hier stellt nicht nur der Aufstieg eine einzigartige Klettertour dar, sondern auch der Abstieg. Wir brauchen einen Bergführer, einen Übersetzer und Kenner aller Linien, einen, der weiß, wo es der allgegenwärtige Steinschlag brenzlig macht, wo moderate Passagen verlaufen, die nicht in einem gefährlichen, brüchigen Nirgendwo enden, sondern der Weg sind, den es zu gehen gilt. In den Dolomiten ist keine Tour mit dem Gipfel zu Ende. Während man beim Pichlweg am Dachstein nur ein kurzes Stück hinunter muss, um zur Seilbahn hinüber zu queren oder nach der Preinerwand auf der Rax lediglich noch eine angeneh- me Plateauwanderung vor sich hat, bedeutet der Rückweg von der Großen Zinne ständiges Abseilen und Abklettern. Letzteres war im Alpinismus vor 100 Jahren gang und gäbe. Der Kletterer Paul Preuß, der Anfang des 20. Jahrhunderts das Klettern auf ein neues Niveau gehoben und mehrere seiner 150 Erstbegehungen in den Dolomiten gemacht hat, empfand es als gänzlich unstatt- haft, Haken zur Fortbewegung und Sicherheit beim Klettern zu benutzen. Er postulierte: Wer es hinauf schafft, muss auch ohne Hilfsmittel wieder hinunter kommen. Dafür braucht es nicht nur ein hohes Kletterkönnen und mentale Stärke, sondern auch eine überaus solide Kenntnis der Route. Manchmal eine milli- metergenaue Kenntnis. Der Wiener Grohmann war diesbezüg- lich eher ein Pragmatiker wie die meisten Alpen-Erschließer, die aus europäischen Städten kamen. Er wollte große Linien erleben, ohne sie suchen zu müssen, und vertraute deshalb auf einheimi- sche Pfadfinder. Genauso wie Viktor Frankl. Und genau wie wir an diesem Montag auf der Großen Zinne, an dem uns Felix über geheime Pfade sicher und staufrei wieder zum Fuß der Felsme- gafone bringt.
Dass das Sicherheitsfeature, sich einen Bergführer zu leisten, lohnend ist, wusste Viktor Frankl zeitlebens. Vor allem später, als er berufliche Reisen gemeinsam mit Elli jeweils für Abste- cher in das nächstgelegene Gebirge nützte. Zu den monumenta- len Granitwänden des Yosemite Valleys beispielsweise, auf den Tafelberg in Kapstadt oder in die Hohe Tatra in der Slowakei. Da genoss es der Bergführer Viktor Frankl, einfach nur Gast zu sein und sich einheimischen Kollegen anzuvertrauen, sich füh- ren zu lassen. Im Yosemite hatte bei seinem Besuch gerade die erste Kletterschule eröffnet, und auf den Tafelberg ließ es sich der Präsident des südafrikanischen Kletterklubs nicht nehmen, in Frankls Vorstieg zu gehen. Elli Frankl hat im Gespräch für dieses Buch erzählt, dass ihr Mann bei Vortragsanfragen gerne nach simplen Kriterien entschied: »Das Honorar, das er für einen Vortrag bekam, drückte er am nächsten Tag einem Bergführer in die Hand. Egal, wo wir waren, und wir waren meistens in der Nähe von Bergen, danach hat Viktor seine Vorträge ja primär ausgewählt.«
Das sagt viel über Viktor Frankls Einstellung zum Leben und seine Einstellung zu Geld. Seine Sinn-Mission war, anderen ih- ren Weg zum Sinn im Leben zu zeigen, seine Logotherapie und Existenzanalyse zu verbreiten und für möglichst viele Menschen nutzbar zu machen. Aber als Geschäftsmodell sah er seinen inne- ren Auftrag nie: Konnten sich lokale Veranstalter die 10.000 Dollar für einen Frankl-Vortrag nicht leisten, trat er eben kostenlos auf. Für Therapiesitzungen nahm er prinzipiell kein Geld, und die Wohnung in der Mariannengasse im neunten Bezirk ist bis heute eine Mietwohnung mit günstigem Zins. Über seinen Bezug zum Geld schrieb Frankl: »An sich interessiert es mich herzlich wenig, höchstens insofern, als ich der Ansicht bin, man solle Geld zwar besitzen, aber der wahre Wert von Geldbesitz liegt darin, dass man es sich leisten kann, an Geld – nicht denken zu müssen …«.
Weltweite Faszination: Viktor Frankl nahm gerne
Nicht am Materiellen richtete er sein Leben aus, sondern viel mehr an der Verwirklichung von schöpferischen Werten und von Erlebnissen. Als Gründervater der Höhenpsychologie hatte er dabei ein Faible für die große Perspektive von oben – nicht nur beim Bergsteigen, auch als Pilot. Den Flugschein machte er im Alter von 67 Jahren in Kalifornien, unternahm bald gemeinsam mit seiner Elli Solo-Flüge und wie gerne hätte er im fortgeschrit- tenen Alter auch noch das Fallschirmspringen erlernt. So als hätte er sich selbst immer wieder aufs Neue zeigen wollen, das seine »Trotzmacht des Geistes« nie aufgibt. Alles geht sich nie- mals aus, nicht einmal in einem erfüllten Leben. So blieb neben der Erstbegehung auf einen Berg auch der freie Fall aus einem
Flugzeug ein unerfüllter Traum – Arzt-Kollegen hatten ihm dringend vom Fallschirmspringen abgeraten, weil zu befürchten war, dass die schwache Konstitution seiner Knöchel einer Landung nicht standgehalten hätte.
Natürlich hätte auch dieses Abenteuer seine facettenreiche Biografie bereichert, und doch wäre es nicht mehr als eine Fuß- note gewesen: Sein Leben hatte vom Wien der Kaiserzeit bis in die Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts gedauert, die Schrecken zweier Weltkriege beinhaltet und die seltene Chance, in den Geschichtsbüchern der Wissenschaft verewigt zu sein. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger schrieb Frankl in sein Gästebuch: »Das Vergangene geht. Das Gewesene kommt.« Große Worte, und so passend für die Art, wie Viktor Frankl das Leben verstand, wie die tiefsten Tiefen und die höchsten Höhen in der Gegenwart zusammenkamen und die Zukunft begrün- deten. Ebenso schätzte er die Gnade seiner reifen Jahre, wie ein Ausschnitt aus seiner Rede beim Alpenverein nachempfinden lässt: »Wenn wir, die Alten unter uns, die wir die Schwelle zum neunten Jahrzehnt überschritten haben, auf die Erlebnisse zu- rückblicken, die wir all den Bergen und Wänden und Graten verdanken, dann mag uns wehmütig ums Herz sein; aber es gibt ein tröstliches Dichterwort, das da lautet: ›Was du erlebt, kann keine Macht der Welt dir rauben.‹ Ich selbst würde sagen, wir haben es hineingerettet ins Vergangen-sein, und das Ver- gangen-sein ist auch noch eine Weise des Seins, vielleicht so- gar die sicherste; denn nichts und niemand kann es rückgängig machen, kann es ungeschehen machen, kann es aus der Welt schaffen – in seinem Vergangen-sein ist es geborgen, ist es auf- bewahrt und vor der Vergänglichkeit – bewahrt. Zugegeben: für gewöhnlich sehen wir nur, wenn ich so sagen darf, die Stoppel- felder der Vergänglichkeit in einem. Damit übersehen wir aber nur allzu oft die vollen Scheunen des Vergangen-seins, in die wir längst schon unsere Lebensernte eingebracht haben: die Werke, die wir geschaffen, die Taten, die wir gesetzt, die Lieben, die wir geliebt, und die Leiden, die wir mit Würde und Tapfer- keit gelitten haben.«
Diese Scheunen können nach ein paar Jahren in den Bergen
reich gefüllt sein. Oft reichen wenige Erlebnisse für ein befrie- digtes Seinsgefühl und Dankbarkeit wegen der persönlichen Ernte. Dieses innerliche Erfüllt-Sein hängt nicht am Mehr von allem, eher am Mehr von weniger, ein schmaler Grat, auf dem wir Alpinisten balancieren, auf dem wir immer auch herausge- fordert sind, nicht zu viel zu wollen, aber auch nicht zu wenig. Frankl definierte Sinn als »wertvollste Möglichkeit in jeder Si- tuation«. Der konkrete Sinn, den eine konkrete Person in jeder konkreten Situation für sich findet, macht am Ende die absolute Größe dieses Menschen aus. Voraussetzung dafür ist immer die Suche, die Bereitschaft – wie man es vom Bergsteigen kennt –, längere und herausfordernde Wege auf sich zu nehmen, zu irren und geduldig zu bleiben, um an Ziele zu gelangen.
Gerade am Berg wird man in den vielen, gleichermaßen an- strengenden wie schönen Stunden mit einer reichen Palette an Erlebnissen und Eindrücken beschenkt und dieser Reichtum wird zu einem inneren Wissen für das Warum des Bergsteigens. In den Bergen, wo man mit einer vordergründig völlig sinnlo- sen Tätigkeit einen tiefen persönlichen Lebenssinn finden kann, kommt man unweigerlich auch zur Frage nach dem »Sinn des Ganzen«.
Die Suche nach Antworten berührt auch die Grenzen des Ko- gnitiven. »Je umfassender der Sinn ist, umso weniger fasslich ist er auch«, beschreibt Frankl dieses Paradoxon. Und: »Wo es gar um den letzten Sinn geht, entzieht er sich zumindest einem bloß intellektuellen Zugriff vollends. Was un-wiss-bar ist, braucht aber nicht un-glaub-lich zu sein.«
Die Begegnung mit dem Religiösen, dem Göttlichen, mar- kierte auch für ihn eine Grenze, die nicht nur sprachlicher Natur war: 1949 hatte er in Philosophie promoviert und als Disserta- tion sein Buch »Der unbewußte Gott« eingereicht. Über seinen doppelten akademischen Abschluss sagte er einmal scherzhaft: »Wissen Sie, meine Damen und Herren, ich besitze nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein philosophisches Doktorat, aber für gewöhnlich unterschlage ich es. Denn wie ich meine Wiener Kollegen kenne, wird niemand sagen, der Frankl ist ein doppel- ter Doktor, sondern man würde sagen, er ist nur ein halber Arzt.«
Gerne für sich behalten hat Frankl zeitlebens nicht nur sein zweites Doktorat, auch sein Umgang mit den letzten großen Fragen des Lebens und mit seiner Spiritualität war für ihn Privat- sache: »Angesichts der Frage, ob alles einen, wenn auch verbor- genen Sinn hat oder aber die Welt ein einziger Unsinn ist, muss das Wissen das Feld räumen – es ist der Glaube, der da zu einer Entscheidung aufgerufen ist.« Laut denen, die ihn kannten, war Viktor Frankl ein religiöser Mensch: Er beging die Fasttage, las Psalmen, lebte die jüdische Geisteshaltung, betete und ließ in seinem Werk kaum Interpretation offen, welche Instanz für ihn die Welt zusammenhielt: »… so dass vielleicht jede Wahrheit, zu Ende gedacht, Gott meint; und alle Schönheit, zu Ende geliebt, schaut Gott; und jeder Gruß, richtig verstanden, grüßt Gott.« Als »Partner unserer intimsten Selbstgespräche« definierte er seinen Gottesbegriff, den Glauben ordnete er der Gefühlsebene und damit der Intimität zu. Denn drei essenziell humane Dinge wa- ren für ihn, der im Zeitalter von Autorität und bedingungsloser Pflichterfüllung als höchster Qualität menschlichen Daseins auf- gewachsen war, unter keinen Umständen für die Öffentlichkeit bestimmt: Lieben, Sterben und Beten. »Ich kann nicht als Beten- der ganz Gott hingegeben sein, wenn ein Scheinwerferlicht auf mich fällt und ich weiß, dass gefilmt wird«, sagte er. Der Glaube lag für ihn im persönlichen Hoheitsgebiet jedes Einzelnen. Und war eine Angelegenheit, die – einmal offengelegt oder gar dis- kutiert – nur an ideeller Qualität verlieren konnte. So wie er es liebte, in der Neuen Seehütte auf der Rax nicht der gefeierte Psychiater, sondern anonymer Teil einer Gemeinschaft zu sein, löste sich für ihn auch der letzte Sinn auf: Die Beziehung zu Gott war für ihn der ultimative Akt der Selbsttranszendenz, des von sich selbst vollkommenen Absehens: »›Ahnungslos‹, ›nichts‹ ahnend: das Nichts ahnend – setzt der Mensch Gott voraus.«
Erstaunlich irdisch, fast schon mit einer politischen Dimen- sion, erlebten Viktor und Elli Frankl hingegen 1970 eine Sonder- audienz bei Papst Paul VI. in Rom. Der Heilige Vater der Katho- liken rühmte die Bedeutung der Logotherapie für die Welt und er äußerte Wertschätzung für Frankls Verhalten im Konzentrati- onslager. Beim Abschied bat der Papst auf Deutsch: »Bitte beten Sie für mich!« In seiner Biografie schrieb Frankl über jenen Mo- ment: »Ich kann nur sagen, was ich in diesem Zusammenhang immer wieder sage, dass man dem Mann die Qual der Nächte ansah, in denen er mit seinem Gewissen sich Entscheidungen abringt, dass sie nicht nur ihn, sondern die ganze katholische Kirche unpopulär machen.«
Das Gewissen. Viktor Frankl nannte es das menschliche Sinn-Organ. »Lebe so, als ob du bereits zum zweiten Mal leb- test und das erste Mal alles so falsch gemacht hättest, wie du im Begriffe bist, es zu tun.« Diesen Satz hatte er als Jugendlicher geträumt und im Aufwachen auf ein Blatt Papier geschrieben. Er blieb eine Art elftes Gebot seines Lebens, durch alle Gezei- ten, und ihrer gab es zahllos viele in seiner Biografie. Von den historisch so bewegten Jahren seiner Kindheit, durch die Sinn- krise seiner Jugend, seine persönliche Tragödie des Holocaust, die schrittweise Rückkehr in ein Leben, das sich schließlich über ein halbes Jahrhundert dauerhaft zum Guten wendete. »An der Größe eines Augenblicks lässt sich die Größe eines Lebens mes- sen: die Höhe einer Bergkette wird ja auch nicht nach der Höhe irgendeiner Talsohle bemessen, sondern ausschließlich nach der Höhe des höchsten Berggipfels.«
Viktor Emil Frankl, dieser große Österreicher, der uns allen ein zeitloses Vermächtnis angewandter Menschlichkeit hinter- lassen hat, ist auf so manchem Gipfel gestanden. Er hat die Berge geliebt, die Menschen und das Leben. Er war in Frieden mit sich, mit der Welt und mit dem letzten Sinn. Mit dem Satz »Die Situa- tion entbehrt jedweder Tragik« hat er sich am 2. September 1997 bei seinen Liebsten für immer verabschiedet.
Es war uns eine Ehre, in seinem Nachstieg zu klettern.